Bilderbuch Wie der Fuchs ins Rote gerät

Es geht durch Felder, Wälder, Berge und Auen: Einar Turkowski zeichnet eine Schatten- und Nachtwelt mit Fuchs, aus der schließlich nur eines, nämlich Farbe, heraushilft.

Von Harald Eggebrecht

Der Fuchs hat einen sehr zwielichtigen Ruf. Folgt man Goethes "Reineke Fuchs", dann hasst man ihn wegen seiner mörderischen Skrupellosigkeit und bewundert ihn widerstrebend für seine eloquente Gerissenheit und böse Listigkeit. Auch im wirklichen Leben kann wohl keiner sich Respekt verkneifen, wenn er sieht, wie der Fuchs in unsere Städte eindringt und sie als eigenen Lebensraum erobert. Er ist also trotz Tollwut, Fuchsbandwurm und anderer Malaisen ein Überlebenskünstler hohen Grades.

Von solchen und ähnlichen Durchhaltelebensabenteuern erzählt Einar Turkowskis Bilderbuch nichts, wohl aber von Fuchsens poetischer Nachtwanderung durch Schwarz-Weiß und sämtliche Grautöne. In dieser farbfreien Welt hat selbst ein Fuchs, doch weltberühmt für seinen feurighellroten Pelz, keine andere Chance, als in feinsten Grauweiß-Abstufungen durch Felder, Wälder, Berge und Auen zu schnüren. Doch ist er nicht allein, denn bald gesellt sich ein Paradiesvogel dazu und begleitet den Streuner auf seine eigene Weise.

Turkowskis Bilder brauchen keine erklärenden Texte, auch wenn es ab und zu ein paar Zeilen auf den nichtbebilderten Seiten gibt. Vielmehr leben sie von der ungeheuren Strichdichte und überbordenden Fülle des Landschaftlichen, das der Zeichner mit geradezu romantischer Lust auslebt: sich türmende Gebirge, kahle Höhen, Schilfdickicht. Manchmal wird die in magischem Grau herbeigestrichelte Natur so gewaltig, dass unser Fuchs zum geradezu winzig eingespielten Aperçu darin wird.

So gehört zum Vergnügen an diesem aus bewusster Beschränkung besonders reichen Bilderbuch auch das Suchen: Wo ist der Fuchs, wo "sein" Vogel? Auch andere Lebewesen tauchen auf, Käfer, Schmetterlinge, verschiedene Vögel, ein Knabe im Baum. Fuchs und Vogel rasten auf einem Boot, entdecken in der Tiefe des Waldes plötzlich zwei gelbliche Rinder mit fremdartigem Gehörn, streifen an einer Scheune vorbei und geraten in einen Hohlweg. Da entdeckt der Fuchs eine aufregende Fährte, hüpft ihr nach und sieht gerade noch, wie ein buschiger Fuchsschwanz in einer Höhle verschwindet. Und dieser Schwanz ist - rot! Der Fuchs findet sein Glück, der Vogel bleibt allein zurück.

Zuerst ist das eine tolle Lektion in zeichnerischer Virtuosität, dann die zarte Geschichte einer am Ende sich verflüchtigenden Freundschaft und zuletzt auch eine Art symbolistisches, nicht ganz von Kitschgefahr freies Buch über Sehnsucht nach Farbe und den Zauber des "Farblosen". Aber schon das Coverblatt kann einen nicht kaltlassen: Da schaut der Fuchs rotköpfig den Betrachter an, während sein Körper noch im Schwarzweißen verharrt, auf dem Rücken der Paradiesvogel. Fuchsiger kann der Rote nicht aussehen, freundlicher kein Vogel.

Einar Turkowski: Aus dem Schatten trat ein Fuchs. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 25 Euro.