Bilderbuch Wen kriegt das Krokodil

Eine Fabel aus Tansania über Machtmissbrauch.

Von Regina Riepe

"Vor langer Zeit lebten die Tiere im Wald friedlich zusammen." So beginnt das neue Bilderbuch von John Kilaka, voller farbenfroher und witziger Tierfiguren, im typischen Stil der tansanischen Tinga-TingaMalerei gestaltet. Doch wer nun eine harmlose Geschichte erwartet, liegt falsch. Die Tiere haben ein existenzielles Problem, das Land ist trocken und sie sind auf der Suche nach Wasser. Endlich sind sie am Fluss, es gibt genug Wasser für alle - doch das Krokodil, das den Fluss beherrscht, fordert eiskalt: "Ich bin hungrig. Wenn ihr Wasser trinken wollt, will ich einen von euch zu fressen bekommen." Eine Diskussion voller Brisanz entbrennt, die großen und mächtigen Tiere wollen ohne Skrupel einen der Kleinen dem Krokodil überlassen. Alle kleinen Tiere zittern vor Angst. Darf man jemanden bewusst opfern, damit die anderen überleben können? Haben Büffel und Elefant wirklich das Recht, die kleine Häsin dem Krokodil zum Fraß vorzuwerfen? Assoziationen an politische Situationen werden geweckt. Wie wird dieser Konflikt wohl in einem Kinderbuch gelöst?

In der tansanischen Fabelwelt ist der Hase ein schlaues, schnelles Tier. Und so lässt sich die kleine Häsin nicht fangen, sondern läuft davon und versteckt sich in einer Höhle. Auf der Suche nach ihr machen die Tiere so viel Lärm im Wald, dass der immer hungrige Löwe geweckt wird. Nun wird der Büffel zum gejagten Opfer. Voller Angst flieht er in die Höhle, in der schon die kleine Häsin Schutz gesucht hat. Er fleht sie an, nur keinen Lärm zu machen, damit der Löwe ihn nicht frisst. "Lass uns Freunde sein und zusammenhalten" bettelt der Büffel. So ändern sich die Zeiten! Turbulent geht die Geschichte weiter, denn die anderen Tiere wollen nun den Löwen verjagen, bevor er einen von ihnen frisst. Jäger und Gejagte wechseln, und am Ende sind es die kleinen Tiere, Hase und Maus, die eine Lösung für die ganze Tiergesellschaft finden. Diese Fabel über Machtmissbrauch und Solidarität ist kindgerecht und mit fröhlichen Zeichnungen gestaltet. Wie bei allen guten Fabeln wird eine wichtige Botschaft vermittelt, ohne die Kinder zu belehren oder zu überfordern. "Schneller Hase" ist das vierte Bilderbuch des tansanischen Künstlers und Bilderbuchautors John Kilaka, der darin Geschichten aus der mündlichen Überlieferung Tansanias erzählt und ein Zeichen setzt für die Kleinen dieser Welt - und für die Solidarität gegen die Mächtigen. (ab 5 Jahre

John Kilaka: Schneller Hase. Ein Bilderbuch aus Tansania. Aus dem Swahili von Maja Ruef. Baobab Books, Basel 2018. 36 Seiten, 15,90 Euro.