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Bilderbuch:Eine Mauer um den Baum

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Illustration aus "Das ist mein Baum", Gerstenberg Verlag.

Olivier Tellec berichtet von den Erfahrungen, die Eichhorn mit dem Besitzen und Teilen macht. Und mit der Einsamkeit. Eine Geschichte, die nachdenklich macht, mit temperamentvollen Bildern.

Von Ulrike Schultheis

Die Bilderbücher des französischen Designers, Comiczeichners und Illustrators Olivier Tallec wurden schon in zahlreichen Ländern veröffentlicht und mit Preisen ausgezeichnet. In deutscher Sprache sind seine heiter philosophischen Titel um "Großer und Kleiner Wolf" zu echten Lieblingen von Kindern und Sammlern geworden. In seinem neuesten Bilderbuch hat er auch den Text selbst verfasst. Mit knappen Worten, lapidar auf den Punkt gebracht, entwirft er eine witzige, nachdenkliche Geschichte zum Thema Besitzen und Nicht-teilen-Wollen, sowie zu der enormen Anstrengung, den Besitz nicht wieder zu verlieren. Klingt sehr moralisch - ist es auch. Aber erstaunlicherweise gelingt es Olivier Tallec, weder anzuklagen noch zu kommentieren. Vielmehr begleiten wir den Protagonisten Eichhorn mit starken Emotionen und erleben mit, wie er einsam wird und vor lauter Angst seine Schätze gar nicht mehr genießen kann. Die großflächigen, von starker Mimik geprägten, empathischen und witzigen Bilder ziehen sofort in ihren Bann.

"Ich liebe Bäume. Ich liebe diesen Baum, das hier ist mein Baum", sagt Eichhorn am Anfang. "Ich liebe es, meine Kiefernzapfen im Schatten meines Baums zu essen." Aber wie schützt man seinen Baum am besten vor den anderen Waldbewohnern? "Man weiß ja, wie das ausgeht: Am Ende gehört der Baum allen, gehören die Zapfen allen und der Schatten auch." Zuerst denkt Eichhorn, dass ein Tor zum Schutz reichen müsste, dann erscheint ein Lattenzaun doch besser, am Ende sogar eine Mauer. Beim Bau stößt Eichhorn auf eine andere Mauer, eigentlich sehr praktisch - da muss er ja nicht weitermachen! Was sich wohl dahinter befindet? Vielleicht bessere Zapfen und ein größerer Baum als sein eigener? Das lässt ihm keine Ruhe. Mit einer Leiter wagt er einen Blick auf die andere Seite. Und was sieht er da? Unmengen von Eichhörnchen, die vergnügt gemeinsam durch die Bäume toben und sichtlich Freude am Leben haben! Diese Schlusspointe bleibt ohne Kommentar und zwingt geradezu, die Geschichte selbst zu Ende zu erzählen - so oder so. Jedes Kind wird da seine eigene Meinung einbringen, Mitleid, Läuterung oder auch selbstbewusstes Verteidigen. Alle Kinder kennen diese Situation aus eigenem Erleben, denn wer musste oder wollte nicht schon mal seine Spielsachen vor anderen Kindern verteidigen? Und wie oft blieb man dann alleine übrig, weil die anderen ohne einen weitergespielt haben. Das sind vertraute Gefühle, mit denen die Kleinen irgendwie klarkommen müssen. Jeder auf seine Weise. (ab 5)

Olivier Tallec: Das ist mein Baum. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger. Gerstenberg 2020. 15 Seiten, 13 Euro.

© SZ vom 15.01.2021
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