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Bilder der Flucht:Bilder von Flüchtlingen haben fast immer eine politische Bedeutung

Jetzt sind die Menschen tatsächlich eine Masse in Bewegung. "Es ist, als wären wir Rinder", sagt ein junger Mann, der seit drei Stunden vor dem serbischen Flüchtlingslager Opatovac darauf wartet, registriert zu werden. Vorher hat er einen Tag an der serbischen Grenze gewartet. Durch weite Strecken Mazedoniens ist er gelaufen. Es passiert entweder gar nichts, oder es passiert alles sehr schnell und dann für alle gleichzeitig. Wie beim Viehtrieb.

Die Hetze hat viele Ursachen. Sie beginnt in dem Moment, in dem ein Mensch sich entscheidet, sein Haus, seine Freunde, sein Land hinter sich zu lassen. Sie wächst mit jeder Erfahrung des Weitergeschicktwerdens. Das Tempo ist dringlicher geworden, je mehr Familien, Babys, Schwangere unterwegs sind.

Sie wollen nicht warten, sie wollen ankommen. Und beinahe alle Länder sind sich einig, dass sie nicht der Ort sein werden, an dem irgendjemand ankommt. Je mehr Komfort entsteht, desto eher bleiben Menschen irgendwo hängen, und sei es nur für zwei Tage.

Betten, warme Mahlzeiten, Duschen: Das alles sind Verzögerungen, die auf der Balkanroute vermieden werden. Stattdessen gibt es Essen aus schnell gereichten Plastiktüten, einmal verwendbare Rettungsdecken gegen die Kälte und drei Dixi-Klos für tausend Wartende. Das sichtbare Resultat dieser Politik ist Müll. Bergeweise Müll.

An Fotografen, die Masse und Müll dokumentieren, mangelt es nicht. Manchmal sind sie schon vor den Flüchtlingen da, manchmal werden sie von den Menschentransporten überholt.

Dass es dabei beinahe unmöglich ist, Flüchtlinge zu fotografieren, ohne dass die Bilder politische Aussagen werden, ist den meisten Fotografen bewusst. Ein weinendes Kind, das zwischen Polizisten eingequetscht wird, das ist nicht nur ein Foto, das ist ein Argument für Pro Asyl. Ein plattgetrampeltes Maisfeld, das mit halb leer gegessenen Konservendosen übersät ist, das ist nicht nur ein Foto, das ist ein Argument für die AfD.

Auch slowenische Politiker haben ein Gefühl für die Macht der Bilder

Das Magazin Ostpol hat Fotografen zu ihrer Arbeit befragt. Der ungarische Fotograf László Mudra beschreibt dort, wie er die Berichterstattung vom Budapester Bahnhof im September erlebt hat. Anfangs versteckten sich die Flüchtlinge vor den Fotografen, dann begannen sie sich mit Plakaten vor die Kameras zu stellen: "Die Menschen merkten, dass die Berichterstattung eine Möglichkeit ist, auf ihre Situation aufmerksam zu machen und sie sogar zu ihren Gunsten zu verändern."

Der serbische Fotograf Marko Risović arbeitete im August an der griechisch-mazedonischen Grenze, als die mazedonische Polizei auf einmal Blendgranaten auf die Flüchtlinge schoss. "Dass gerade diese Bilder überall zu sehen waren, war meiner Meinung nach von mazedonischer Seite beabsichtigt. Kurz darauf öffnete die Polizei ja die Grenze - und ließ die Flüchtlinge ohne Weiteres durch. Die Bilder von den Blendgranaten lieferten sozusagen die Legitimation für diese Kapitulation."

Es sei der Gedanke erlaubt, dass auch slowenische Politiker ein Gefühl für die Macht der Bilder haben. Den Marsch entlang der Save leitete die Polizei auf einen kleinen Deich. Im Hintergrund eine Kirche im Abendlicht, vorne 2000 Menschen im Gänsemarsch. Es hätte auch normale Feldwege gegeben, die durch das Gebiet führen.

© SZ vom 30.10.2015
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