Bildende Kunst Burka-Barbies für Berlin

Beate Passow wird in der Bundeshauptstadt mit dem Gabriele Münter Preis für ihre politische Haltung in der Kunst ausgezeichnet

Von Jürgen Moises

Wie sie das alles geschafft hat, kann Beate Passow selbst nicht genau sagen. Die Geschichte mit dem vergoldeten Hochsitz etwa. Oder die vielen Reisen, die sie alleine nach Pakistan und China oder in den Iran unternommen hat. Dafür braucht es Mut und einen harten Panzer, auf der anderen Seite auch sehr viel Offenheit. Aber wenn die Neugierde einmal da ist, die Idee für ein neues Kunstprojekt, und wenn die erste Schwelle überschritten ist, dann läuft es. "Man hat eine Idee und macht die einfach", und das ohne zu wissen, ob sie trägt. So beschreibt die Münchner Künstlerin selbst diesen entscheidenden Moment. "Das dann umzusetzen, das ist wunderbar."

Dass ihr das immer wieder von neuem gelingt, und das mit einer konsequenten künstlerischen Haltung, dafür bekommt die politische Installation-, Foto- und Collagekünstlerin aus München an diesem Dienstag in Berlin den Gabriele Münter Preis. Dieser wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ausgelobt, in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, der Gedok und dem Frauenmuseum Bonn. Der Preis wendet sich, um auf "gleich zwei Randgebiete sozialer wie künstlerischer Art" aufmerksam zu machen, an Frauen über 40, ist mit 20 000 Euro dotiert und gilt als renommierteste Auszeichnung für bildende Künstlerinnen in Deutschland. Frühere Preisträgerinnen waren etwa Valie Export, Rune Mields und Ulrike Rosenbach.

Über 1000 Künstlerinnen haben sich im vergangenen Jahr für den Preis beworben, der mit einer Gruppenausstellung der 20 Finalistinnen in der Berliner Akademie der Künste und im Frauenmuseum Bonn verbunden ist. Von Beate Passow werden dort drei neue Werkserien gezeigt, darunter ihre "Burka Barbies", mit denen sie zwei Frauenbilder aufeinander prallen lässt. Die kleinen Burkas gibt es so tatsächlich in Afghanistan zu kaufen. Neben Puppen werden damit auch Flaschen "dekoriert". Sie sind erstaunliche Fundstücke, genau wie die Feldpostausgaben von Büchern aus dem Zweiten Weltkrieg. Kleine, unschuldig aussehende Büchlein, die für Soldaten herausgegeben wurden, mit japanischen Märchen, Texten von Platon, Goethe oder Gedanken von Schopenhauer über den Tod. Mit welchen Überlegungen man diese wohl publiziert hat?

Ein politisches Statement ist die Serie der "Burka Barbies" der Münchner Künstlerin Beate Passow.

(Foto: Robert Haas)

"Genau das entspricht auch meiner Arbeitsweise", sagt die 1945 in Stadtoldendorf in Niedersachsen geborene Künstlerin, die von 1969 bis 1975 an der Kunstakademie in München studiert hat und seitdem hier lebt. "Es soll schön aussehen", damit man nicht sofort bemerkt, dass sich "etwas ganz anderes dahinter verbirgt". Wie bei den gesammelten und ausgestellten Büchlein das schreckliche Faktum Krieg. Deshalb hat Passow auch für ihre Werkserie "Wanted" die Plakate "beschönigt", mit denen in verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten nach Terroristen gefahndet wurde. Sie hat sie im Großformat nachsticken lassen, so dass sie wie Wandteppiche aussehen. Eine Technik, die sie schon früher angewendet hat und die bewirkt, dass man die Plakate anders und mit teilweise ganz neuen Details wahrnimmt.

Beim ikonischen Plakat zu Ulrike Meinhof, auf dem die Terroristin, so Passow, "wie eine Madonna" aussieht, sind das etwa vier grobe Rechtschreibfehler, in denen sich für sie die "Aufregung" der damaligen Zeit spiegelt. Dem NSU, IS-Terroristen widmen sich weitere Plakate sowie der Japanischen Roten Armee. Einer linksradikalen Terrororganisation, die 1971 gegründet wurde und erst seit 2001 als aufgelöst gilt. Beate Passows Sohn, der als Dokumentarfilmer in Berlin lebt, hat das Plakat zufällig in Japan entdeckt. "Durch die Attentate in Belgien und Frankreich habe ich mich an die Hysterie in den Siebzigerjahren erinnert", erklärt die Künstlerin den Ansporn für die Serie. Als wegen der RAF die Autos überall durchsucht wurden und "durch ganz Europa eine Angstwelle ging".

Um Erinnerung und vor allem um die "Wunden der Erinnerung", wie eine zentrale Werkserie aus den Neunzigerjahren heißt, ging es schon in früheren Arbeiten von Passow. Zu diesen offenen "Wunden" gehört auch der KZ-Mantel, den sie 1993 in einem Laden in Paris erstand und in einer Vitrine vor einem Münchner Bekleidungshaus ausstellte. Er war dort so drapiert, dass er wie ein Verkaufsstück aussah. "Das hat Ärger gemacht." In Form von Anrufen und Briefen. Warum sie die NS-Zeit trotzdem nicht ruhen ließ, erklärt Beate Passow mit eigenen Wunden der Erinnerung. Wurde sie im Jahr 1945 als Tochter eines Nationalsozialisten und einer polnischen Köchin doch in eine vom Krieg zerrüttete Familie hineingeboren.

Beate Passow in ihrem Atelier am Sankt-Jakobs-Platz gleich hinter der Ohel-Jakob-Synagoge.

(Foto: Robert Haas)

"Wenn man ein glückliches Kind ist, wird man nicht Künstler." Es klingt fast ironisch, wie Passow das sagt, die seit über zehn Jahren eine Atelierwohnung am Sankt-Jakobs-Platz hat, direkt hinter der Ohel-Jakob-Synagoge. Und auch etwas klischeehaft. Aber dass ihrer eigenen Erfahrung nach jeder ernsthafte Künstler mit seiner Arbeit irgendeine "Verletzung" ausgleichen will, das hilft vielleicht trotzdem zu erklären, warum die früher angeblich "sehr schreckhafte" Beate Passow 1988 den Mut zu ihrer ersten Arbeit im öffentlichen Raum fand: Einen vergoldeten Hochsitz gegenüber dem Münchner Prinz-Carl-Palais, von dem aus man, im übertragenen Sinn, auf den passionierten Jäger Franz-Josef Strauß "zielen" konnte.

Die Arbeit erregte viel Aufsehen, sogar die Bild-Zeitung war da, und sie war "sehr wichtig" für Passows Karriere. Und mal wieder ein kurioses, fast schon unheimliches Detail: ein paar Monate später starb Franz-Josef Strauß auf dem Weg zu einer Jagd. Das war reiner Zufall, und es würde sonst auch ihrer Überzeugung widersprechen, dass sich die Welt mit Kunst nicht ändern lässt. Aber gerade in besonders unsicheren Zeiten, will man das natürlich trotzdem gerne glauben. Und dass sie mit ihrer Beharrlichkeit den Glauben daran wachhält, auch dafür bekommt Beate Passow den Gabriele Münter Preis.