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Bildband:Wie Mogli laufen lernte

Ein aus aufwendigen Archivrecherchen hervorgegangener Bildband dokumentiert die faszinierende Geschichte von Walt Disneys frühen Animationsfilmen zwischen 1921 und 1968.

Von Bernd Graff

Walt Disney strukturierte seine Filme so. Er sagte: 'Gebt mir unterhaltsame Momente und ich stricke eine Geschichte drumherum!' So hat er es beim 'Dschungelbuch' und bei allen anderen Filmen gemacht." Das Zitat stammt von Vance Gerry, einem Autor, Figurendesigner und Entwickler von Storyboards, der seit 1959 am Set für die Animationsfilme des weltberühmten Erfinders der Mickey Mouse arbeitete, unter anderem für "Winnie the Pooh", das "Dschungelbuch", und nach Disneys Tod auch für "Aristocats", "Lion King" und "Pocahontas".

In dem monumentalen Bildband "The Walt Disney Film Archives. The Animated Movies 1921 - 1968" ist diese bei aller kreativen Freiheit doch nie beliebige Produktionsweise Disneys bestens dokumentiert. So ließ Disney seine Zeichner für "Bambi" aus dem Jahr 1942 in sogenannten Life-Study Classes zusammenkommen. Hier konnten sie die ins Atelier verbrachten leibhaftigen Rehe porträtieren. Der Band zeigt das Foto eines hinreißend auf Stroh gebetteten Rehs, um das die Zeichner mit ihren Zeichenblöcken sitzen wie Kunststudenten vor ihrem Modell beim Aktzeichnen.

Sehr viel Geld, Zeit und noch mehr künstlerische Energie flossen in die Erfindung des Zeichentricks

Walt Disney begann nach dem Ersten Weltkrieg damit, Zeichnungen für kurze Werbe-Animationen anzufertigen. Seine frühen Cartoons brachte er später als sogenannte Laugh-o-Grams und dann als Kurzfilmversionen heraus. Die Erfindung des Tonfilms brachte Disney den Durchbruch, sein "Steamboat Willie" aus dem Jahr 1928, in dem bereits Minnie Maus und Kater Carlo mitspielen, wurde zur Weltsensation. 1934 erschien Donald Duck erstmals in einer Episode der "Silly Symphony"-Serie. Doch zum Meilenstein der Kinogeschichte wurde die Verfilmung des Grimm-Märchens "Schneewittchen" aus dem Jahr 1937, wofür Disney sogar ein Ehren-Oscar zugesprochen wurde.

Man muss sich klarmachen, dass der Zeichentrickfilm in diesen Jahren überhaupt erst erfunden werden musste, dass sehr viel Geld, Zeit und noch mehr künstlerisches und dramaturgisches Talent nötig waren, um eine Folge von Zeichnungen zu plausibel wirkenden Bewegtbildern zusammenzusetzen. In einer Storykonferenz bei der Arbeit an "Schneewittchen" erklärte Disney seinen Zeichnern seine Vision der Waldszene: "Snowwhite sollte sich in Sträuchern verfangen, und dann sieht sie darin diese grotesken Hände, die ihr Angst machen. Lassen wir es so aussehen, dass sie denkt, alle Gegenstände seien lebendig, aber gleichzeitig sollte das Publikum das Gefühl haben, dass sich alles nur in ihrem Kopf abspielt. Zum Beispiel können die Dornen sich von Händen wieder zurück in Dornen verwandeln. Dann starren aus dem Wald Augen, aber wir zeigen nicht, wem sie gehören. Nehmt euch gar nicht erst die Zeit anzudeuten, es wären Fledermäuse oder so etwas!"

Es folgten bis in die frühen Vierzigerjahre mit "Pinocchio", "Dumbo" und "Bambi" weitere abendfüllende Zeichentrickfilme, überhaupt die ersten ihres Genres, die heute als Klassiker gelten. Dagegen hat der ebenso großartige, abstrakt expressionistische Experimentalspielfilm "Fantasia" aus dem Jahr 1940, in dem Musik sichtbar gemacht wird und Mickey Mouse als Goethe'scher Zauberlehrling nur Blödsinn zusammenzaubert, bis heute erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erfahren.

Dieser Band versammelt in 31 Kapiteln mehr als 1 500 Abbildungen, Fotos, Konzeptzeichnungen, Storyboards und Skizzen. Sie werden von Essays namhafter Disney-Kenner wie Leonard Maltin, Dave Smith, J. B. Kaufman, Russell Merritt und Brian Sibley begleitet, in denen die Entstehungsgeschichte der Filme dokumentiert wird. Es ist der erste einer Reihe von Bildbänden zum Werk des bildmanischen Visionärs, Fernsehpioniers, Dokumentarfilmers, Themenparkerfinders und Hollywood-Produzenten, den Mitte des vergangenen Jahrhunderts fast jedes Kind kannte. Er beruht auf umfangreichen Recherchen in den Archiven der Walt Disney Company und in vielen Privatsammlungen.

Darum können auch weniger bekannte Arbeiten wie die experimentellen Kurzfilme der "Silly Symphonies" und musikalische Episodenfilme wie "Make Mine Music" und "Melody Time" in derselben Ausführlichkeit behandelt werden wie die Klassiker "Pinocchio", "Dumbo", "Peter Pan", "Susi und Strolch" und "101 Dalmatiner". Der opulent ausgestattete Band begegnet diesem Stück Kinogeschichte mit ebenso viel Respekt, Reflexion und Würdigung wie mit Vergnügen und anhaltendem Erstaunen. "Mich überkam ein schrecklicher Gedanke", sagte Walt Disney einmal, "was wäre, wenn die Belegschaft sich endlich eingestanden hätte, dass ich tatsächlich weiß, was ich tue."

Daniel Kothenschulte (Hrsg.): The Walt Disney Film Archives. The Animated Movies 1921 - 1968. Taschen Verlag, Köln 2016. 624 Seiten, 150 Euro.

© SZ vom 10.01.2017

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