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Bildband:Was der Außenspiegel zeigt

Um aller touristischen Fokussierung zu entgehen, hat der Fotograf bei seiner Reise durch Ostdeutschland das Auto nicht verlassen.

(Foto: Falk Haberkorn/Spector Books)

Prahlerische Werbetafeln, verrottende Bausubstanz: Der Fotograf Falk Haberkorn ist durch Ostdeutschland gereist. Davon berichtet sein Bildband "After the Goldrush".

Dies ist ein dunkles Buch. Schwarzgerastert ist der Umschlag, tiefschwarz der Rand der großen doppelseitigen Bilder, selbst der meist bedeckte Himmel weist jenen Ton auf, der bei Beckett "hellschwarz" heißt. Einen Monat lang ist der Fotograf Falk Haberkorn, der 1974 in Ostberlin geboren wurde, im Oktober und November 2004, von heute aus betrachtet zur Halbzeit nach der Wende, durch die fünf neuen Bundesländer gefahren, von Rügen bis zum Erzgebirge. Um Distanz und Neutralität des Blicks zu wahren und um aller touristischen Fokussierung zu entgehen, hat er dabei kein einziges Mal das Auto verlassen. Wie ein zweiter Rahmen legen sich Türen, Armaturen und Dachstreben um das, was seine Kamera aufgezeichnet hat.

Dies ist eine Welt, in der man nur als rollende Maschine besteht und vorankommt - dann aber sehr leicht. Menschen sind nicht zu sehen (Tiere übrigens auch nicht), nur zweimal ein verhuschter Radfahrer und einmal der Fotograf selbst, ein verschwommenes Selbstporträt im Rückspiegel. Dieser Außenspiegel, das eigentliche Auge, mit strengem schwarzen Kastenrahmen wie das Brillengestell eines alten DDR-Funktionärs, wirkt als lebendigste Einzelheit auf den Bildern. Er blickt zurück, wo die Kamera nach vorne sieht, schneidet andere Motive an und hat häufig anderes Licht. So trägt er indirekt die Dimension der Zeit hinein.

Denn diese trostlosen Landschaften sind geworden, was sie sind, Menschenwerk gerade dort, wo sie an die Natur zurückfallen. Die Scheiben der alten Fabriken sind eingeschlagen, die neue Zeit hält Einzug in prahlerischen Werbetafeln auf verrottender Bausubstanz.

Dass hier noch Leute wohnen, erschließt sich nur indirekt, zum Beispiel an den Gardinen der erloschen wirkenden Häuser, die aussehen wie Brautkleider von Zwergen.

Trotz des Titels "After the Goldrush" liegt es Haberkorn fern, Helmut Kohls Verheißung von den "blühenden Landschaften" zu entlarven. Für ihn bedeutet, was er sieht, das Exempel einer globalen Situation, die sich hier nur sozusagen geistesabwesender ausprägt als sonstwo. Da das Land nicht redet, will auch der Autor es nicht tun. Das Buch verzichtet fast vollständig auf Beschriftung; kaum dass man die Ortsnamen des Inhaltsverzeichnisses den seitenzahlenlosen Blättern zuordnen kann. Die Gleichform von Fahren und Schweigen öffnet den Blick, der sich breit, ziellos und ohne Vorlieben an das hält, was ihm begegnet.

Das Nachwort von Wolfram Ette unterstreicht diesen Tatbestand. Es ist auf Englisch abgefasst, wendet sich also an ein internationales Publikum und bekräftigt damit, dass Ostdeutschland vielleicht einen Sonder-, aber bestimmt keinen Einzelfall darstellt. So steht es, lokale Unterschiede abgerechnet, um viele Gegenden der Welt. Ette spricht von der Härte der Grenzen, die in dem Maß zunimmt, wie keiner mehr dem großen Zusammenhang entrinnen kann.

Zum Schluss äußert er einen Vorschlag zur Güte ("A Conciliatory Proposal"). Wären diese ausgeleerten postsozialistischen Weiten nicht das ideale Land, um die vielen entrechteten Flüchtlinge anzusiedeln, die in unseren Städten keinen Platz finden und sich fremd fühlen? "Should we not let them settle there and help them bring new life to the lost land?" Raus dürften sie freilich nicht - aber damit erginge es ihnen jedenfalls nicht anders als früher den DDR-Bewohnern in ihrem todesstreifenbewehrten Ländchen. "But, to be honest, they must surely have seen worse things." Ist das ein pragmatischer Antrag? Satire? Zynismus? Es lässt sich schwer entscheiden.

Falk Haberkorn: After the Goldrush. Journey to Eastern Germany, Fall 2004. Verlag Spector Books, Leipzig 2018. 232 Seiten, 42 Euro.