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Bildband:Wahnsinn in Bonbon-Beton

Die Bushaltestellen der ehemaligen Sowjetunion sind Zeugnisse eines magisch-sozialistischen Realismus, aber Busse fahren hier schon lange nicht mehr vor.

Von Sonja Zekri

Für sowjetische Architekturstudenten waren die Siebziger eine trostlose Zeit, übertroffen nur von den noch traurigeren Achtzigern. Die Technologie war dürftig, die Spielräume waren so eng, Platte allenthalben, wohin also mit all der Fantasie, dem Lebenshunger, der Lust auf Bonbonfarben, Formen, sinnlose Details? In die Wüste natürlich!

Platz war ja da, davon gab es genug, das hat der kanadische Fotograf Christopher Herwig noch erlebt, als er für seinen träumerisch-wahnsinnigen Bildband über sowjetische Bushaltestellen (Christopher Herwig: Soviet Bus Stops. Fuel Publishing, London 2015, 192 Seiten, 31,60 Euro) das einstige Imperium bereiste: zwölf Jahre und 30 000 Kilometer lang. In den leeren Tälern abtrünniger Provinzen, in den endlosen Ebenen Zentralasiens, an den einsamen Straßen Armeniens gab es vor allem, wie man so sagt, eine Menge Gegend. Busse gab es kaum noch.

In der Sowjetunion hatten die Menschen ihr Leben damit verbracht, auf ein Auto zu warten, doch der öffentliche Nahverkehr war der wahre Stolz des Sozialismus. Die Moskauer Metro fährt bis heute. Die Busse fahren nicht. Jedenfalls nicht auf diesen Strecken. Und haargenau diese von allen Zwecken befreite Schönheit verleiht Herwigs Haltestellen ihren märchenhaften Charakter. Hier und dort mögen sich die Menschen im Baltikum oder am Aralsee auf einer zweckfreien Haltestellenbank zum Feierabendbier treffen. Manchmal stehen Kühe im Wartehäuschen, manchmal Pferde, selten Menschen. Überhaupt fügen sich viele Fassaden organisch in die lokale Kultur ein. Reliefs in Kasachstan zeigen Schafe oder Mähdrescher, am Schwarzen Meer ließen sich die Architekten von Muscheln und Meerjungfrauen inspirieren, im Nomadenland Kirgisistan von einer traditionellen Filzmütze, es finden sich Jurten und Sonnenschirme, Blechdächer und praktisch atombombensichere Betonwälle.

Heute geht der Haltestellenkult hier und da sogar weiter. In Turkmenistan beispielsweise, einem dramatisch unterentwickelten, übel repressiven, aber sehr reichen Staat, haben die Herrscher in der Retortenstadt Aschgabat Bushäuschen geschaffen, die jedem "Star-Trek"-Fan das Herz im Leibe hüpfen lassen würden, mit Leuchttafel und Chrom und Glas und manchmal auch mit einem Gebläse, das im Sommer kühlen Nebel auf die Wartenden bläst.

In diesem Band findet sich darauf natürlich kein Hinweis, er ist aber trotzdem so erfolgreich, dass die erste Auflage schon vergriffen ist, der Verlag druckt soeben die zweite. Kostproben von Herwigs Bildern sind im Augenblick nur auf der Verlagsseite oder bei SZ.de zu sehen (www.sz.de/haltestelle).

Postsowjetische Architekten mit Ambitionen experimentieren heute in ihren Städten natürlich immer noch nicht so frei, wie sie es sich wünschen. Ihre neue Spielwiese: die exaltierten Datschas der Superreichen.

© SZ vom 05.11.2015
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