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Bildband:Versuchstiere wie wir

Diesen netten Kerlen hat der Mensch viel zu verdanken.

(Foto: Heidi & Hans-Jürgen Koch)

Es sind lebendige Wesen! Der Band "Thank You, Mouse" von Heidi und Hans-Jürgen Koch zeigt hinreißende Porträts von Labormäusen. Der Mensch hat diesen Tieren viel zu verdanken.

Von Bernd Graff

Dass wir den Bildband "Thank You, Mouse" der beiden Fotografen Heidi und Hans-Jürgen Koch gerade jetzt besprechen, ist natürlich kein Zufall. Zum einen liegt es selbstverständlich daran, dass er gerade erst erschienen ist. Er sollte eine Ausstellung in Hilden begleiten, die coronabedingt nun nicht mehr stattfindet - wenigstens ist der Band erhältlich (Edition Lammerhuber, Baden 2020, 96 Seiten, 39,90Euro). Zum anderen lässt sich in dieser Foto-Sammlung hinreißender Porträts von Labormäusen die Metapher, das Menetekel gar für unsere derzeitige Situation entdecken: Wir erkennen uns in den steril gehaltenen Nagern womöglich gerade wieder.

Labormäuse werden hergestellt wie Dinge, man kann die Tiere patentieren

Mäuse kamen Millionen von erdgeschichtlichen Jahren lang nicht als Labormäuse auf die Welt. Dazu musste der Mensch sie erst machen. Und zwar im Wortsinn: Er macht sie, sie wurden und werden hergestellt wie Dinge. Denn ungefähr mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, mit der Übertragung der Mendelschen Vererbungsregeln auf Säugetiere, hält die Maus Einzug in die biomedizinische Forschung. Man produziert nun definierte, genetisch identische Mauslinien wie die DBA, die "dilute brown non-agouti", als seriell hergestellte Industrieprodukte, die standardisierte Experimente ermöglichen. Man kann die Tiere patentieren, es gibt heute über 7000 eingetragene Labormaus-Varianten, ihr gesamtes Genom ist - wie das unsere auch - entschlüsselt. So will man nun für jede menschliche Krankheit eine genetisch passend gemachte Modellmaus anbieten können, an der ausprobiert wird, was man Menschen noch nicht zumuten möchte. Therapien etwa gegen Krebs, Adipositas, Diabetes, Alzheimer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden an Mäusen vor-getestet. In sogenannten "Knock-Out-Mäusen" schaltet man gezielt einzelne Gene ab oder ersetzt sie synthetisch, um deren Wirken im Gesamt-Organismus studieren zu können. Die Variante "p53 knockout" etwa bezeichnet eine Maus, deren Tumorwachstum nicht mehr gebremst wird. Es gibt auch nicht zu stoppende Fresser.

Doch während diese notwendige, hilfreiche Forschung an Mäusen bereits in der Namensgebung der Probanden an seelenlose Technokratie erinnert - die "C57BL/6", auch als "C57 black 6"-Mauslinie bezeichnet die Standardmodell-Maus, die gerne für schnelle Krankheitentests genommen wird -, ist spätestens mit den einfühlsamen Porträts des Fotografenpaares Koch eindeutig, dass es sich auch bei diesen Industriemäusen zuerst um Lebewesen aus Fleisch, Blut und Verhalten handelt.

Und damit sind wir bei den Analogien: Stecken wir Quarantäne-Menschen mit begrenztem Freigang in unseren nun ängstlich keimfrei gemachten Behausungen vielleicht gerade nicht nur in einem sozial-, sondern auch in einem kapitalistisch-hygienischen Experiment mit ungewissem Ausgang? Was ist das, so fragt man sich vom Home Office aus, eigentlich für ein Kapitalismus, der Unternehmensgewinne seit Jahrzehnten unter ein paar Happy Few aufteilt, aber drohende Verluste nun auf Kosten der Allgemeinheit verstaatlichen möchte? Welches Wissen, welche Überzeugungen werden generiert worden sein, wenn wir die Pandemie durchlebt haben und unsere Treibhäuser wieder verlassen dürfen? Finden wir dann den Weg aus dem großen Labyrinth heraus - oder hetzen wir auf den lange eintrainierten Bahnen doch wieder nur auf das Belohnungkügelchen in dessen Mitte zu? Warum nennt man, nebenbei gefragt, dies eigentlich "Ratten"- und nicht "Mäuse"-Rennen? Was bewirkt die Erfahrung, dass jedes Individuum gerade zuerst ein potenzieller Krankheitsträger in der Masse anderer potenzieller Krankheitsträger ist? Und ist der wohlfeile Gratis-Dank, den man in Corona-Zeiten den zuvor wie Labormäuse ignorierten, unterbezahlten Arbeitskräften in den Labors und Krankenhäusern, bei der Pflege, Müllentsorgung und in den Supermärkten wie Szenenapplaus vom Balkon aus spendet, nicht genau das: billig zu haben.

Bei Labormäusen nehmen wir selbstverständlich hin, dass sie nur existieren, um zu funktionieren. Soweit wollen wir hier bei aller sonstigen Analogie zur Maus nun doch nicht gehen. Im Gegenteil, wir denken im Anblick der Labormäuse in diesem Bildband an das Gedicht: "To A Mouse" des schottischen Nationaldichters Robert Burns aus dem Jahr 1795. Er wusste: "Mäuschen, du bist nicht allein. Voraussicht beweisen, könnte nutzlos sein: Die besten Pläne der Mäuse und Menschen / Geraten oft scheußlich."

© SZ vom 27.04.2020
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