Bildband über bedrohte Völker:Bevor sie aussterben

Jimmy Nelson reiste von Sibirien in den Südwestpazifik, um in Abgeschiedenheit lebende Stämme zu fotografieren - und ihre kulturelle Identität zu dokumentieren. Ohne Berührungsängste sind ihm in "Before They Pass Away" beeindruckende Porträts dieser Urvölker gelungen.

Von Carolin Gasteiger

11 Bilder

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Urvölker Stämme Nenzen Russland

Quelle: Jimmy Nelson Pictures BV, www.beforethey.com

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Jimmy Nelson reiste von Sibirien in den Südwestpazifik, um in Abgeschiedenheit lebende Stämme zu fotografieren - und ihre kulturelle Identität zu dokumentieren. Ohne Berührungsängste sind ihm beeindruckende Porträts dieser Urvölker gelungen. Von Carolin Gasteiger

Vor Kälte gerötete Wangen, auf denen sich der strenge Winter in der norduralischen und westsibirischen Arktis abzeichnet, die Lippen skeptisch zusammengekniffen und dann dieser stechende Blick: Ganz nah erscheint dieser Mann, ein Angehöriger der Nenzen, einem durch Russlands Tundra ziehenden Nomadenvolk. So nah, wie man es von einem, der außer seinem eigenen Stamm kaum auf andere Menschen trifft, nicht erwarten würde. Urvölker wie die Nenzen leben in unserer Zeit, in unserer Welt, aber doch nach ihren eigenen Werten, Regeln und Maßstäben - in ihrer eigenen Zivilisation. Der britische Fotograf Jimmy Nelson hat diese vom Aussterben bedrohten Völker in Before They Pass Away fotografiert.

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Urvölker Stämme Himba Namibia

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Mehr als zwei Jahre lang war der britische Fotograf mit einem Kameramann, der die Arbeit im Film festhielt, und einer Assistentin auf der ganzen Welt unterwegs, um Stämme wie die Himba in Namibia zu treffen und ihr Leben, ihre kulturelle Identität zu dokumentieren - wie die vielen kleinen Zöpfe, die die Mädchen von der Pubertät an tragen. Auf mehr als 400 Seiten in Großformat treffen den Betrachter die Porträts der Jäger, Krieger und geschmückten Stammesfrauen unvermittelt. Eben ganz nah.

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Urvölker Stämme Dropka Pakistan Indien

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Weltweit gibt es nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) rund 5000 indigene Völker mit insgesamt mehr als 350 Millionen Menschen, das sind etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung. "Trotz ihrer großen Zahl sind indigene Völker in den meisten Staaten weitgehend vom politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben ausgeschlossen", zitiert die Zeitschrift PM Yvonne Bangert, Referentin für indigene Völker bei der GfbV. Aber sie haben etwas, was Jimmy Nelson zufolge viel wertvoller ist: ihre Naturverbundenheit, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihr Sinn für Tradition.

Im Bild: Angehörige der Drokpa (auch Brokpa), die in Ladakh im indischen Bundesstaat Jammu und Kashmir leben.

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Papua Neuguinea Huli, Asaro & Kalam Urvölker Stämme

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Mit den Angehörigen der Stämme kommunizierte er mit Hilfe von Übersetzern. Manchmal konnten aber auch die nicht helfen: In Papua-Neuguinea, wo auch diese Kalam-Krieger leben, sprechen die Einheimischen tausend Dialekte. "Also verständigte ich mich mit Händen und Füßen", erzählt Nelson. Bis zu den Aufnahmen im Bildband war es mitunter ein weiter Weg, die Urvölker fassen nur langsam Vertrauen zu Fremden.

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Urvölker Stämme Maori Neuseeland

Quelle: Jimmy Nelson Pictures BV, www.beforethey.com

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Also machte sich der 47-Jährige klein - auch im wörtlichen Sinne - um das Vertrauen der Stämme zu gewinnen und ihnen zu signalisieren, dass sie weiterhin die Kontrolle haben. "Ich wollte nicht den Eindruck vermitteln, ich sei besser als sie", sagt Nelson. Tage, teils Wochen und sogar Monate lebten er und seine Crew mit den Stammesangehörigen zusammen und ordneten sich deren jeweiligen Gepflogenheiten unter. Irgendwann verloren die Menschen die Scheu vor den Fremden und ihren Kameras - und posierten, zum Teil sogar stolz wie dieser Maori in Neuseeland. Dem Bildband zufolge sollen die Maori die einzigen sein, die sich als Stamm auch selbst in Gefahr sehen.

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Urvölker Stämme Vanuatu Vanuatuer Pazifik

Quelle: Jimmy Nelson Pictures BV, www.beforethey.com

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Aber dieses Posieren birgt auch einen Nachteil: Oft wirken die kleinen Gruppen arrangiert - unwahrscheinlich, dass diese Einwohner Vanuatus im Pazifik auch im Alltag so martialisch am Meer stehen - und die Probleme der Neuzeit, mit denen sie konfrontiert sind, bleiben ausgespart. Aber genau das wollte Nelson: die Urvölker in ihrem ursprünglichsten Sinne zeigen, so wie sie sein, wie sie leben sollten. Im Klappentext zum Buch steht: "Gerade in Zeiten der Globalisierung können diese Gesellschaften wegen ihrer charakteristischen Lebensweisen, Künste und Traditionen nicht hoch genug geschätzt werden. Ihre Angehörigen leben in Einklang mit der Natur, was in unserem modernen Zeitalter zur Seltenheit geworden ist."

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Urvölker Stämme Ladakhi Indien

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Denn Fakt ist, dass diese Urvölker mit zunehmender Globalisierung und technischem Fortschritt ihren Lebensraum verlieren. Pipelinebau in der Arktis, Staudammpläne durch die Wüste und nicht zuletzt der Reiz des Modernen: "Mit Beginn des digitalen Zeitalters wollen die Stämme mit der entwickelten Welt mithalten - und geben dafür ihre Wurzeln, ihre kulturelle Identität und Herkunft auf", fürchtet Nelson. Mit den Porträts will er daher nicht nur die westliche Welt, sondern auch die Urvölker selbst an diese Wurzeln erinnern. "Ich will ihnen zeigen, dass sie schon reich sind - dass sie etwas haben, das man mit Geld nicht kaufen kann."

Im Bild: eine junge Ladakhi.

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Urvölker Stämme Kasachen Mongolei

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Viele Bilder zeigen nicht nur faszinierend schöne fremde Kulturen, sondern auch eine beeindruckende Landschaft dahinter. Bis er diese Kasachen in der Mongolei frühmorgens im richtigen Moment fotografieren konnte, hätte es vier Tage gedauert, erzählt Nelson. Und in dem Moment, als er bei Temperaturen von minus 20 Grad den Auslöser drücken wollte, froren seine Finger an der Kamera fest. Der Moment, als ihm eine einheimische Frau dann die Hände aufwärmte, war für den Fotografen der bewegendste während seines Projekts.

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Urvölker Stämme Maori Neuseeland

Quelle: Jimmy Nelson Pictures BV, www.beforethey.com

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"Die Welt darf nicht vergessen, wie es einmal war", setzt Nelson aller Beschleunigung und Technisierung der modernen Welt entgegen. Zu den Farbfotografien, die zum Teil auch auf Doppelseiten gedruckt wurden, liefert der Band zu jedem der Stämme dreisprachige Informationen zu deren Brauchtum, Lebensweise und sogar Ernährung. Auf welche Weise sie jeweils bedroht sind, fehlt als Kategorie leider. Jimmy Nelsons Anekdoten am Ende sind teils aufwühlend, teils urkomisch.

Im Bild: ein junge Maori.

Jimmy Nelson Before They Pass Away teNeues Urvölker Stämme Tibeter Tibet

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Tibetische Mönche sind in der westlichen Welt zwar hinlänglich bekannt, doch wirken die jungen Männer aus dem Kloster Ganden auf Nelsons Aufnahme fast künstlich, mit einer seltsamen Skepsis im Blick. "Ob in Papua-Neuguinea oder in Kasachstan, in Äthiopien oder Sibirien, diese Völker haben sich als letzte natürliche Einfachheit bewahrt", betont der Fotograf, der die ursprüngliche Idee zu "Before They Pass Away" auf einer Reise mit 18 Jahren nach Tibet fand.

Jimmy Nelson Before They Pass Away Urvölker Stämme Masai Serengeti Cover Bildband teNeues

Quelle: Jimmy Nelson Pictures BV, www.beforethey.com

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Auch wenn Nelson noch lange nicht am Ende seiner Mission ist - mit diesem Bildband hat er ein beeindruckendes Dokument geschaffen. Denn der Betrachter fragt sich zu Recht: Wie lange wird es diese Völker noch geben?

Before They Pass Away von Jimmy Nelson, erschienen bei teNeues,128 Euro, auch als Collector's Edition XXL erhältlich, www.teneues.com

© SZ.de/ihe/lala
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