Bildband Skitourismus:Schöner klotzen

wir besprechen den Bildband "Été" über Skiressorts, 
Anlass: Der Streit um Skifahren in Coronazeiten. 
Copyright Olaf Unverzart / Sebastian Schels

La Flaine, Marcel Breuers Hotel, das spektakulär über eine Felswand ragt. Auf dieser Aufnahme wirkt es, als sei eine brutalistische Version der "Enterprise" mit Captain Corbusier an Bord in den Felshang gekracht.

(Foto: Olaf Unverzart / Sebastian Schels)

Betten in Beton: Ein faszinierender Bildband zeigt die Skizentren der französischen Alpen im Sommer. In den warmen Monaten sind die Hotelkästen so verlassen wie jetzt im Lockdown. Sie stehen wie Findlinge in der Gegend herum.

Von Alex Rühle

In einem ziemlich saftigen Interview sprach der österreichische Fotograf Lois Hechenblaikner im vergangenen Frühjahr davon, dass Skiorte in der Nachsaison meist aussähen "wie ein alpines Shining". Schließlich seien "die Gebäudekubaturen nicht für 1500 Einwohner ausgelegt, sondern für zigtausend Touristen". Der Mann kennt sich aus mit Verunstaltungen solcher Art, schließlich dokumentiert er seit 26 Jahren die Ausformungen und Folgen des Tourismus in seiner Heimat.

Ischgl war damals gerade zur internationalen Corona-Drehscheibe geworden, der Ort hatte zu Beginn der Pandemie einfach weitergemacht mit Ski- und Après-Ski-Zirkus, als ob nichts sei. Kneipen wie das "Kitzloch" waren abends weiterhin so voll, dass die Bedienungen sich nur mit Trillerpfeifen ihren Weg durch die Menge bahnen konnten. Und dann sind alle wieder heimgefahren nach Island, Norwegen, Schweden, Deutschland und haben das Virus quer durch Europa verteilt. Beeindruckende 11 000 Infektionen konnte der ORF bei Recherchen auf den Wintersportort zurückführen.

Kein Wunder, dass es momentan in der Diskussion um den Skitourismus immer wieder heißt, die Lifte müssten zubleiben, schließlich müsse man "ein zweites Ischgl" vermeiden. Und so ringen die Alpenanrainer gerade um eine gemeinsame Linie. Deutschland und Italien sind dafür, dass bis zum 10. Januar alle europäischen Skigebiete geschlossen bleiben. Österreich und die Schweiz wollen den Skibetrieb dagegen aufrechterhalten und nur Après-Ski untersagen. Frankreich versucht sich an einem Kompromiss: Regierungschef Jean Castex verkündete, die französischen Skigebiete könnten in den Weihnachtsferien öffnen, die Skilifte bleiben allerdings geschlossen.

Die Pariser Regierung legte Orte im Nichts fest, an denen Touristen auf halber Strecke in die Nachbarländer abgefangen werden sollten

Nun, bis all das endgültig entschieden ist, kann man sich ja einfach die Bilder von Olaf Unverzart und Sebastian Schels anschauen. Die beiden Fotografen sind durch die Skizentren der französischen Alpen gefahren (mit kurzen Abstechern in Schweizer und italienische Nachbargemeinden) und haben die Architektur dieser Orte genauer unter die Lupe beziehungsweise vor die Linse genommen. Dass sie das Ganze im Sommer gemacht haben, trägt nicht unwesentlich zur Faszination ihrer Bilder bei (Été/Sommer, Kettler-Verlag Dortmund. 184 Seiten, 49 Euro).

Findlinge sind einzelne, sehr große Steine, die während der Eiszeit von Gletschern mitgeführt werden. Irgendwann wird es wärmer, das Eis verschwindet, und der Stein steht allein und fremd in einer Gegend rum, in die er eigentlich gar nicht gehört. Die 32 Hotels und Dörfer dieses Bandes wirken wie Findlinge aus der Zeit der Trente Glorieuses. So nennt man in Frankreich die Phase zwischen 1945 und 1973, in der die westeuropäische Wirtschaft genauso explosiv wuchs wie die Kaufkraft der Bürger. Der Fortschrittsenthusiasmus und die Technikgläubigkeit, die treibenden Kräfte dieser Epoche, sind längst dahingeschmolzen, die Bettenburgen aber, die damals in diese Berge und Täler geschoben wurden, sind immer noch da.

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Copyright Olaf Unverzart / Sebastian Schels

Rätselhafte Urlaubswelt der Siebziger: Hotels, die an Billigbaumodule aus den Banlieues erinnern.

(Foto: Olaf Unverzart / Sebastian Schels)

Der Architekturtheoretiker Dietrich Erben beschreibt in seinem Nachwort, wie damals oft ganz strategisch und generalstabsmäßig von der Pariser Regierung Orte im Nichts festgelegt wurden, in denen die Touristen auf halber Strecke in die Nachbarländer abgefangen werden sollten. Während in den französischen Alpen, an der Grenze zu Italien und der Schweiz, die Skiresorts aus dem Boden wucherten, entstand an der Mittelmeerküste zeitgleich die auf 100 000 Urlauber ausgelegte Pyramidenstadt La Grande-Motte. Einige der abgebildeten Skifestungen könnten denn auch genauso gut Hotelbastionen an irgendeinem Mittelmeerstrand sein. Andere wirken wie Billigbaumodule aus den Banlieues, die damals ebenfalls im Rekordtempo rings um die Großstädte wuchsen.

Flaine zum Beispiel. Hochhäuser, vorfabriziert und vor Ort montiert. 2000 Hotelbetten. 4000 Ferienwohnungsbetten. 1000 Betten für das Personal. Restaurants, Geschäfte, ein Kino, eine Kirche, ein Centre d'art. Tennishalle, Schwimmbad, Kegelbahn. Alles so kompakt wie in einer Innenstadt. Und als Höhepunkt La Flaine, Marcel Breuers Hotel, das spektakulär über eine Felswand kragt und heute zu den monuments historiques zählt. Bei Unverzart und Schels wirkt es, als sei eine brutalistische Version der Enterprise mit Captain Corbusier an Bord in den Hang gekracht.

Wenn Jacques Tati, dieser geniale Zivilisationskritiker, sich je dazu entschlossen hätte, "Mon Oncle" zum Skifahren zu schicken, er hätte ihn in einem dieser Kästen absteigen lassen um dann zu zeigen, wie er in der riesigen Freizeitmaschinerie hoffnungslos verloren geht. (Umgekehrt passen all diese menschenleeren Bilder übrigens hervorragend zum späten Tati: In "Playtime", seiner futuristischen Symphonie einer Großstadt, sind alle Menschen zu humanen Ressourcen und lebenden Büromodulen geschrumpft, in seinem unvollendeten letzten Film "Confusion" wollte er sein Alter Ego Hulot ein für alle Mal in den Irrgärten der urbanen Moderne verschwinden lassen ...)

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Copyright Olaf Unverzart / Sebastian Schels

Wenn man lange genug hinschaut, entdeckt man vielleicht irgendwo im siebten Stock dieses voluminös-kompakten Baus aus Avoriaz Monsieur Hulot ...

(Foto: Olaf Unverzart / Sebastian Schels)

Nun könnte man zivilisationskritisch weitermäkeln, dass das alles nach touristischen Überdruckkammern aussieht; dass keiner dieser Orte versucht, sich der Landschaft mimetisch anzugleichen, sondern jeder für sich im Gegenteil fast wie der aggressive Gegenentwurf zur ihn umgebenden Natur wirkt. Und dass man beim Anblick dieser Bilder wieder weiß, warum das Anthropozän Anthropozän heißt - so viel Beton, wie hier jeweils verbaut wurde, wird man noch in Hunderttausenden von Jahren Spuren davon finden (so man diesen Monumenten die Chance gibt, in Ruhe vor sich hin zu wittern).

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Anlass: Der Streit um Skifahren in Coronazeiten. 
Copyright Olaf Unverzart / Sebastian Schels

Wumms. "Les Menuires" ist das gebaute Gegenstück zu mimetischer Architektur.

(Foto: Olaf Unverzart / Sebastian Schels)

Andererseits: Die Menschen waren damals berauscht vom Fortschritt und wollten auch im Urlaub das neustädtische Lebensgefühl um sich haben. Die gekippten Kubaturen von "Arc 1600" mitten im Schnee müssen damals gewirkt haben wie das utopische Versprechen, dass ab jetzt wirklich alles möglich sein würde - über ihren Köpfen rauschte seit 1976 die Concorde durch den azurblauen Winterhimmel, das schnellste Passagierflugzeug aller Zeiten.

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Copyright Olaf Unverzart / Sebastian Schels

Die gekippten Kubaturen von "Arc 1600" müssen einst gewirkt haben wie das utopische Versprechen, das ab jetzt wirklich alles möglich sein würde.

(Foto: Olaf Unverzart / Sebastian Schels)

Zugleich wohnte all diesen Klötzen das egalitäre Versprechen inne, dass man endlich auch ohne Reichtum am mondänen Freizeitleben teilnehmen darf. Man könnte also auch sagen, dass diese Denkmäler des Brutalismus einfach die Wahrheit über sich selber sagen, indem sie schon in ihrer Architektur nach außen stülpen, dass sie nun mal riesige Maschinen des Massentourismus sind.

Der Touristengeschmack hat sich verändert. Heute herrscht "diese infantile Sehnsucht nach der heilen Heidi-Welt"

Klar, das mit der Faszination sollte sich bald schon ändern. Der Großstadtstress weckte mehr und mehr die Sehnsucht nach authentischem Leben und Ursprünglichkeit - was zu einer völlig anderen Tourismusarchitektur führte. Auch merkten immer mehr Menschen, dass die Hotels eben nicht ins "Nichts", sondern in eine sehr fragile Natur gewuchtet worden waren. Und damit zurück nach Österreich, zu Lois Hechenblaikner, der über die seltsam verhockte Freizeitarchitektur der heutigen Zeit sagt: "Diese infantile Sehnsucht nach der heilen Heidi-Welt haben unsere Touristiker kapiert und die Almhütte ins Tal runtergezerrt. So sind diese Rustikal-Karzinome entstanden, das verlogenste Kalkül zur zweckrationalen Bewirtschaftung des Gastes." Dann doch noch lieber ein hoch kompakter, ehrlicher Klotz im Hochgebirge.

Wenn man die unübersichtliche Corona-Lage richtig deutet, wäre es übrigens erlaubt, all diese Orte in den Weihnachtstagen abzuklappern. Nur halt ohne Skier. Die französischen Liftbetreiber nannten Jean Castex' Beschluss eine "wahnwitzige" Entscheidung.

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Lois Hechenblaikner fotografiert seit 26 Jahren die Ausformungen und Folgen des Tourismus in Österreich. Ein Gespräch über Ischgl, die Deutschen und den Wahnsinn des Après-Ski.

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