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Bildband:Schau genau

Die Schweizer Filmemacherin Beatrice Minger hat ein wahnsinnig beliebtes Motiv der Lokalzeitungsfotografie gesammelt. "Hier sass er" zeigt Menschen, die auf Sachen zeigen.

Die junge Frau blickt betreten vor sich hin, wie sie da so neben ihrem Sofa steht. Vorwurfsvoll hebt sie den Arm und weist mit ausgestrecktem Zeigefinger auf eine Stelle an der Wand. Und an dieser Stelle zu sehen ist - nichts. Wer nun im Bildband "Hier sass er" umblättert, findet folgende Erklärung: "Klopfgeräusche. Nachbarin Marina Costa hörte am Freitagabend lautes Klopfen aus H.s Wohnung." Ein Pressefoto und seine Bildunterschrift aus der Schweizer Tageszeitung Blick vom 12. März 2009.

Dutzende solcher Beispiele hat Beatrice Minger zusammengetragen: 124 "Zeigefotos" von 2000 bis 2016. Der Band ist das Ergebnis einer Fleißarbeit, die die Schweizer Filmemacherin, Jahrgang 1980, bei einem Studentenjob geleistet hat. Da musste sie sich täglich durch alle Schweizer Tages- und Lokalzeitungen wühlen. Dabei sind ihr diese sonderbaren Fotos aufgefallen. Sie hat sie gesammelt und in einem Band vereint, meist zu Paaren geordnet, seitenfüllend, unscharf und grobporig, wie direkt von der Zeitungsseite kopiert.

Überschriften, ein Inhaltsverzeichnis oder Seitenzahlen gibt es nicht. Nur einen Anhang und ein kurzes Nachwort. Darin schreibt Minger über die Geste des Zeigens: "Sie hilft uns, ein vergangenes, unerhörtes Ereignis zu verstehen, indem sie einen komplexen Sachverhalt auf eine schnell fassbare Ebene bringt." Die Autorin löst die Fotos aus dem ursprünglichen Kontext und lässt die Bestandteile einzeln wirken. So bekommen die Fotos etwas Komisches, vermitteln aber kaum mehr etwas von dem, was die dazugehörigen Artikel erzählten. Der Hintergrund erschließt sich erst, wenn man die folgenden Bildtexte liest - und häufig nicht einmal dann.

Ein Mann mit stattlichem Schnauzer weist auf einen fernen Hochgebirgsgipfel. Eine Seite weiter dann die Unterzeile: "Wenn der Eiger furzt, sind weder Mensch noch Tier gefährdet." Wer nun wissen möchte, warum ein Berg in den Berner Alpen "furzen" sollte, der kann im Anhang blättern, wo eine kompakte Inhaltsangabe des dazugehörigen Artikels auftaucht.

So beliebt die Zeigegeste heute in der Lokalpresse ist, sie lässt sich Jahrtausende zurückverfolgen. Auf antiken Vasen ist sie zu finden, auf Herrscherstatuen und christlichen Darstellungen ebenso. Erst im August ist bei einem Wiesbadener Kunstfestival eine Erdoğan-Statue aufgestellt worden, die mit dem Finger den Weg in die Zukunft weist. Solche Zeigegesten sind häufig Ausdruck eines Machtanspruchs, von Selbstbewusstsein, aber auch Zeichen einer Drohung oder Schuldzuweisung.

Im Zeitungskontext gibt der Zeigegestus der Story ein Gesicht: Der oder die Abgebildete wird zur handelnden Person. Sie teilt ihr Wissen mit dem Fotografen und den Lesern und lenkt deren Aufmerksamkeit. Gleichzeitig zieht sie aber auch Aufmerksamkeit auf sich selbst. Gesichtsausdruck und Haltung der Abgebildeten eröffnen gemeinsam mit dem Schauplatz in der Zusammenstellung dieses Bildbandes unterschiedliche Lesarten - entgegen der ursprünglichen Intention der Urheber. Vielleicht illustriert sie aber auch nur den überschaubaren Einfallsreichtum der Pressefotografen, die versuchen, Dynamik in ein statisches Motiv zu bringen. Die Fotosammlung ist somit auch Ausdruck einer Kritik an den Bebilderungsautomatismen der Lokalzeitungen. Dass in diesem Rahmen keine echten Meisterwerke entstehen, liegt auf der Hand. Und das führt auch zu einem Problem für Beatrice Mingers Buch: Wie oft nimmt man einen Band mit Fotos von Menschen zur Hand, die 124 Mal auf Dinge zeigen? Und keins davon ist eine Augenweide.

Beatrice Minger: Hier sass er. Edition Patrick Frey, Zürich 2018. 370 Seiten, 48 Euro.