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Bildband:Papier und Tinte im Zelt

(Foto: oh)

"Kosmos der großen Entdecker" versammelt Notate und Zeichnungen von Forschern und Abenteurern. Ein ungewöhnlich unmittelbarer Einblick in den Expeditionsalltag.

Der Ruhm der großen Entdeckungsreisenden von Kolumbus bis zu Neil Armstrong überdeckt am Ende all die Strapazen, Widrigkeiten und Gefahren, die bösen Zufälle, unglücklichen Wendungen und Fehlleistungen, die deren Expeditionen begleiteten oder gar gefährdeten. Selbst jenen Ausfahrten, die scheiterten oder sogar in der Katastrophe endeten wie etwa die des Südpolforschers Robert F. Scott, haftet grundsätzlich Glanz an, weil Mut, Kühnheit, Unternehmungsgeist und Abenteuerlust unschlagbar positiv wirken. Oder wie es der Astronaut Michael Collins geradezu heroisch formuliert hat: "Es liegt in der Natur des Menschen, sich zu strecken, hinauszugehen, zu sehen, zu verstehen. Erforschung ist keine Wahl, sie ist ein Imperativ."

Wer auf große Fahrt geht, hat bei der Rückkehr dann auch so viel zu erzählen, hat so reiche Beute gemacht, so viel notiert und aufgezeichnet, dass noch folgende Generationen mit den "Mitbringseln" beschäftigt sind. Man denke nur an den Pionier interdisziplinärer und international vernetzter Forschung Alexander von Humboldt, dessen riesiger Nachlass von seinen Lateinamerikareisen und der Russlandexpedition Stoff für verschieden-ste Wissenschaftsdisziplinen liefert etwa von der Botanik, Zoologie, Geologie bis zur Meteorologie, Klimatologie und Astronomie, von Chemie und Physik in ihren verschiedenen Forschungszweigen gar nicht zu reden.

In ihrem grandiosen Bilderbuch "Kosmos großer Entdecker" haben die Autoren Huw Lewis-Jones und Kari Herbert aus Notiz- und Tagebüchern, Aufzeichnungen und Kladden einen einzigartigen Bilderreigen des Außergewöhnlichen, Überraschenden, der ersten Blicke, des damals noch nie Gesehenen, aber auch des Expeditionsalltags versammelt. Es sind jene Notate und Zeichnungen, die Forscher und Abenteurer unmittelbar und im ersten Moment der Entdeckung festhielten. Näher kann man jenen wahrlich horizontweitenden Erfahrungen nicht kommen. Dabei haben sich die Autoren nicht einfach auf Superstars wie James Cook, Charles Darwin, Sven Hedin, Howard Carter, Edmund Hillary oder Roald Amundsen verlassen, sondern selbst Expeditionen in Nachlässe und Archive unternommen und dabei bislang vergessene Skizzen- und Notizbücher gefunden, auch die von Amateuren und Gelegenheitsreisenden. Der Bilderbogen spannt sich von den wundervollen Aquarellen des John White aus dem 16. Jahrhundert, die rund zweihundert Jahre das Bild von der amerikanischen neuen Welt in England prägten, bis hin zu den kritzeligen Kugelschreiber-, Filzstift- und Tintenzeichnungen eines Bruce Chatwin im ausgehenden 20. Jahrhundert.

Eine der vergnüglichsten Bilderstrecken stammt von dem Ingenieur und begeisterten Amateurmaler John Turnbull Thomson (1821 - 1884), der das Innere und die Südregion von Neuseeland erkundete und kartierte. Eines seiner humoristischen Aquarelle belegt, wie schwierig es 1847 war, die Horse Range zu überqueren, wenn das Pferd keine Lust mehr hatte, auf engem Grat womöglich abzurutschen (Bild oben). Eine andere Vignette zeigt sein Zelt im Schneesturm, das Pferd duckt sich in den Böen, und aus dem Schlitz im Zelt schaut nur der bärtige Kopf Thompsons heraus. Er malte sich selbst gern in seine Beobachtungen hinein.

Huw Lewis-Jones, Kari Herbert: Kosmos großer Entdecker. Leben, Skizzen und Notizen. Mit einem Vorwort von Robert Macfarlane. Aus dem Englischen von Tracey J. Evans. Sieveking Verlag, München 2016. 320 Seiten, 44,90 Euro.

© SZ vom 17.11.2016
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