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Bildband:Menschenmomente

Volker Hinz war Fotograf beim "Stern"-Magazin. Er fotografierte die Mächtigen und Schönen - auch dann, wenn sie gerade nicht ihr Fotografiergesicht aufsetzten.

Von bernd graff

Volker Hinz war seit 1974 festangestellter Fotograf beim Stern-Magazin. Er war dabei, wenn die Mächtigen und Schönen, die Reichen und Wichtigen feierten und strauchelten, wenn sie lebten und arbeiteten, wenn sie feixten und um Fassung rangen. Hinz, Jahrgang 1947, von dem auch die beiden Bilder oben stammen, hat aber vor allem Menschen in der alten Bundesrepublik beobachtet und sie nahezu immer dann fotografiert, wenn sie ganz bei sich waren, wenn sie nicht ihr Fotografiergesicht aufsetzten, die offizielle Pose einnahmen, um gut rüberzukommen.

Natürlich will jeder Fotograf solche Augenblicke ungekünstelter, ungeschminkter Wahrheit einfangen, nicht die aufgehübschten, kieksigen Kapriolen auf dem roten Teppich. Hinz gelang dies. Warum? Weil er nicht den Krawall suchte und erwartete, sondern den Moment von Authentizität erkannte, von Seelenregung und Aufruhr, weil er empathisch genug war, Menschen durch Make-up und Glamour hindurch in ihrer nicht unbeträchtlichen Jämmerlichkeit zu sehen. Und es ist dieses psychologische Gespür, das den Bildern von Volker Hinz Intensität und Strahlkraft verleiht.

Der unermüdliche Hinz hat in den letzten fünfzig Jahren aber nicht nur die Gescheiten und Gescheiterten der westlichen Tag- und Nachtwelt fotografiert, sondern auch deren Beobachter, seine eigenen Kollegen, darunter die vielleicht größten Fotografen der Welt. Diesem "Nebengeschäft" ist der Bildband "In Love with Photography" gewidmet (Edition Lammerhuber, 424 Seiten, 371 Fotos, 249 Euro). Richard Avedon, Annie Leibovitz, Helmut Newton, Peter Lindbergh, der knipsende Andy Warhol, der feixende Ron Galella, die versteckt arbeitende June Newton, Robert Mapplethorpe bei der Eröffnung einer eigenen Ausstellung - es ist eine einzigartiges Panoptikum zu jenen Persönlichkeiten entstanden, die das Bildbewusstsein und -gedächtnis des 20. Jahrhunderts mit ihren Bildern ausgestattet und geprägt haben. Auch sie, die Meister ihres Metiers, werden von Volker Hinz in diesen untrüglichen Menschenmomenten fotografiert. So wie Willy Brandt 1975 in Nowosibirsk (Bild links), den eine Fotografenmeute beim Ausstieg erwartete, oder Werner Herzog am Filmset von "Fitzcarraldo", 1979, der sich in Santa María de Nieva porträtieren ließ.

© SZ vom 13.10.2015
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