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Bildband:Im Parterre des Wiener Praters

Frank Robert bildet die grelle Welt des Wurstelpraters in einer verblassten, kalten Farbigkeit ab, die seine Fotos um 20 Jahre älter erscheinen lassen, als sie sind. Deren Wirkung ist beklemmend.

Kaum etwas kann so viel Tristesse verbreiten wie eine Kulissenwelt, die ausschließlich dem massenhaften Amüsement dient, in der sich aber niemand amüsiert. Im Wiener Prater, wie Frank Robert ihn für seinen Band "Endstation Sehnsucht" über die vergangenen zehn Jahre hinweg immer wieder fotografiert hat, amüsiert sich schon deswegen fast niemand, weil auf Roberts Bildern kaum Menschen zu sehen sind. Und selbst wenn es einmal mehrere zugleich sind, dann bleiben sie einzeln und nahezu ohne jede Chance, sich miteinander und aneinander zu berauschen. In dem seltenen Glücksfall wäre die Kulisse dann eben nicht mehr als eine Kulisse, doch bei Frank Robert wird sie selbst zur Hauptdarstellerin und also zu einem traurigen Ort. Selbst der Witz in vielen der sanft verrätselten Aufnahmen ist voller Melancholie.

Frank Robert, 1967 im hessischen Bensheim geboren und Wahlwiener seit 2005, bildet die grelle Welt des Wurstelpraters in einer verblassten, kalten Farbigkeit ab, die seine Fotos um 20 Jahre älter erscheinen lassen, als sie sind. Sein Blick richtet sich auf die Hintereingänge, die Rückseiten der Fassaden, die geschlossenen Rollläden, die vergitterten Fenster, die Absperrungen und Zäune, die verwaisten Fahrgeschäfte. Das Auf und Ab der Achterbahnen, die in Wien "Hochschaubahnen" heißen, ist immer nur von unten zu sehen und verliert sich vor einem fahlen Himmel. Die Karussellfiguren auf den Ringelspielen sind verpackt in Plastikhüllen und oft auch in Schneedecken, die zu dünn sind, um die Kälte abzuhalten. Frank Robert fotografiert analog und beschränkt sich in allen 77 Aufnahmen dieses Bandes auf quadratische Formate, mittenbetont und aus der Halbdistanz. Näher kommt die Kamera den Menschen nie, sondern eher den Figuren aus Drahtgeflecht und Kunstharz, einsamen Affen, umgekippten Elefanten, abgestellten Krokodilen oder einem ausgemusterten Vampir aus einer Geisterbahn, wie es sie zum allerersten Mal passenderweise hier im Prater gegeben haben soll.

Der illusionslose und gerade deswegen so traurige Blick fällt eher auf das eingeschneite Modell des Eiffelturms oder auf die Freiheitsstatue im leeren Brunnenbecken. Der neun Meter hohe, auch "Großer Chineser" genannte Calafati bleibt im Abseits, das Riesenrad gibt nur einmal einen Hintergrund ab, denn etwas Originäres, ein eigenes Wahrzeichen kann es mitten im Falschen dieser Kulissenwelt ebenso wenig geben wie den Trubel, der hier oft die real existierende Tristesse besiegt, weil er sie schlicht nicht bemerken will.

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Es gibt diesen Trubel auch im 251. Jahr, seit Joseph II. im Jahr 1766 die Wiener in sein Jagdrevier ließ und dort, wo der Zweite Bezirk staubig wird, eine Art immerwährendes Volksfest entstand. Es wurde eine Spielwiese auch für all die Hanswurste, die von den Aufklärern mit ihren fliegenden Bühnen von den Plätzen der inneren Stadt hinaus über den Donaukanal gejagt wurden und dem Wurstelprater seinen Namen gaben. Am Bahnhof Praterstern ist eben für vieles Endstation. Womöglich jedoch am wenigsten für die Sehnsucht.

Frank Robert: Endstation Sehnsucht. Der Wiener Prater. Kehrer Verlag, Heidelberg/Berlin 2016. 128 Seiten, 39,90 Euro.

© SZ vom 24.02.2017
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