Süddeutsche Zeitung

Bildband:Hinter den Spiegeln

Von der Hinterbühne aus beobachtet wird jede Tanzaufführung zum Drama eigener Art: der Fotoband "Ballet".

Angespannte Mienen, zerrissene Strumpfhosen und Silhouetten, die vom Licht des Scheinwerferturms wie Schattenrisse vor das Auge gezirkelt werden - von der Hinterbühne aus beobachtet, wird jede Ballettaufführung zum Drama eigener Art. Selten bekommen Fotografen die Chance, solche Momente einzufangen. Noch seltener können sie ihre Ausbeute an der PR-Abteilung des Theaters vorbei veröffentlichen. Henry Leutwyler ist ebendies mit seinem "Ballet"-Kompendium gelungen, das - eine Sensation für diese Sparte - nun in die zweite Auflage geht ("Ballet. Photographs of the New York City Ballet". Steidl Verlag, Göttingen, 2. Auflage 2015, 466 Seiten, 65 Euro).

Von der Auftragslage her ist der gebürtige Schweizer mit Wohnsitz New York eher auf Modeglanz und Promi-Glamour abonniert. Doch glatt polierte Oberflächen sind ihm zuwider, digitale Nachbearbeitung lehnt er ab.

Insofern hat der Chef des New York City Ballet, Peter Martins, einiges riskiert, als er dem Fotografen die Kulissenwelt öffnete und keinerlei Sichtbeschränkungen diktierte. Nur deshalb kann Leutwyler den Alltag der Spitzenkompanie ungeschminkt zeigen, Tänzergesichter und -körper geradezu intim porträtieren. Seine Nahaufnahmen hebeln das Genregesetz der Tanzfotografie aus. Statt inszenierter Schönheit zu huldigen, beschreiben sie Station um Station den steinigen Weg dorthin. Leutwyler spielt mit Licht, Bewegung und Farben ebenso wie mit Stoffen und Kostümen, mit vollgerümpelten Sälen und abgeschabten Garderoben. Die Kamera tastet die Tänzer ab, ohne je indiskret zu werden. Vielmehr wahrt sie das Quentchen Distanz, das Wahrheitssuche von Voyeurismus trennt.

So ist dieser Band eine Liebeserklärung geworden, adressiert an eine Kunst und ihre Macher, von deren Tun in der Regel nichts übrig bleibt als gelackte, werbetauglich zensierte Bilder. Leutwylers Fotografien bestechen dagegen durch Wahrhaftigkeit - außergewöhnlich für eine Branche, die penetrant den schönen Schein spiegelt, bis aller Zauber verfliegt.

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Quelle:
SZ vom 27.07.2015
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