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Bildband:Farbe den Mauern

Der Ruch des Illegalen ist verflogen: Graffiti sind heute ein Teil des Kulturbetriebs. Ein Band stellt nun die allergrößten zusammen, zu denen sich eine Reise lohnt.

Von Hans Gasser

Das Leben in der Millionenstadt, es ist immer auch ein Kampf. Um die Zeit. Um das Geld. Und für gar nicht wenige auch: ums Überleben. So gesehen passen die Bilder von Conor Harrington wie die Faust aufs Auge, im wörtlichen Sinn. Der irische Street-Art-Künstler bemalt hohe Wände in Großstädten mit sich schlagenden Männern. Die aber tragen Kniehosen, enge Strümpfe und Rüschenhemden, als seien sie dem Rokoko entsprungen. Mal fechten sie, mal hauen sie sich mit bloßen Fäusten schmerz- und wutverzerrt ins Gesicht.

"Für mich ist Wandmalerei wie ein Kampf David gegen Goliath, man nimmt es mit etwas viel Größerem auf, gewinnt oder verliert", sagt Harrington, er wolle damit auf das immer noch starre männliche Rollenverständnis in unserer Gesellschaft hinweisen. Viele seiner "Murals", wie die großformatigen Werke genannt werden, sind in London zu finden, ohnehin die Street-Art-Hauptstadt Europas.

Im Bildband "Graffiti XXL" geht es um diese "Murals". Das sind im Gegensatz zu normalen Graffiti, die häufig illegal und deshalb zwangsläufig eher kleinformatig ausfallen, meist unbezahlte Auftragsarbeiten, wie die Autorin Claudia Walde schreibt. Selbst unter dem Kürzel MadC als Street-Art-Künstlerin tätig, stellt sie hier circa 30 Künstler vor, mit sehr guten Fotos der Werke vor allem; aber auch mit kurzen Lebensläufen und dem Versuch einer Interpretation. Sie gibt Einblicke in die Arbeitsweise der Künstler, ob sie nun mit Hebebühne oder Gerüst arbeiten, mit Farbrolle oder Sprühdose. Bis zu einem gewissen Punkt ist das interessant.

Was aber fehlt, ist die Zusammenschau, die Entwicklung und Einordnung dieser Art von Kunst. Dabei ist großflächige Wandmalerei ein menschliches Kontinuum, von der steinzeitlichen Höhlenmalerei über die Fresken der Renaissance-Künstler bis hin eben zur zeitgenössischen Street-Art. Und letztere selbst hat sich ja in den vergangenen 30 Jahren fundamental verändert. War sie in den 80er- und auch noch in den 90er-Jahren eine vom Ruch des Illegalen und vom sozialen Protest geprägte Kunstform, ist sie heute längst angekommen im Kunstbetrieb. Die Tate Modern feiert sie mit großen Ausstellungen, in London, Los Angeles oder Berlin buchen Touristen Street-Art-Touren; und die Werke eines Banksy schützen die Stadtverwalter mit Plexiglas, oder sie werden für viel Geld von Sammlern gekauft.

In Waldes Band hält man sich besser an die Bilder, die für sich sprechen sollen: Tiere, Menschen, Fabelfiguren sind oft so gut an Feuertreppen oder Fenster angepasst, dass man denken könnte, sie seien ein Teil des Hauses. Wenige Künstler malen abstrakt, es geht meist um den Wow-Effekt: Der Chinese Dal East verschönert Fabrikwände mit dreidimensional wirkenden Walen oder Adlern, die aussehen, als wären sie aus einem sich auflösenden Kabelgeflecht. Und der Deutsche Hendrik Beikirch (ecb) porträtiert deutsche Tagebauarbeiter oder koreanische Fischer in Schwarz-Weiß und auf monumentalen Fassaden. Auch wenn sie den Ruch des Verbotenen verloren hat, die Szene bleibt spannend.

Claudia Walde: Graffiti XXL. Street Art im Großformat. Prestel Verlag, München/London/New York 2015. 192 Seiten, 29,95 Euro.

© SZ vom 13.10.2015
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