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Deutsch ins Grundgesetz?:Man spricht Bild

Angefeuert von der "Bild"-Zeitung übergaben an diesem Dienstag zwei Vereine dem Bundestagspräsidenten eine Unterschriftenliste: Sie möchten die deutsche Sprache im Grundgesetz verankern. What?

Ruth Schneeberger

Bild kämpft mal wieder, es geht um das Wohl des Volkes. Die Zeitung ruft ihre Leser aktuell dazu auf, sie bei einer Aktion zu unterstützen. "Denen da oben" soll mal wieder gezeigt werden, was "dem kleinen Mann auf der Straße" auf dem Herzen brennt.

Lammert kritisiert Regierung bei Atomgesetz

Norbert Lammert, 61, CDU-Politiker und Bundestagspräsident, hat vergangene Woche erst einen schwarzen Lutherzwerg in Empfang genommen - er wird also auch diesen Termin schultern.

(Foto: dpa)

In diesem Fall ist "der da oben" Norbert Lammert, seines Zeichens Präsident des Deutschen Bundestages. Der CDU-Politiker bekleidet dieses Amt seit exakt fünf Jahren und ist also einiges gewöhnt. Umso mehr lächelte er auch an diesem Dienstagnachmittag in die Kameras, denn es handelt sich um eine großangelegte Aktion:

Mit Unterstützung des größten Boulevardblattes Deutschlands übergaben Vetreter des "Vereins für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland" (VDA) und des "Vereins Deutsche Sprache" (VDS) dem armen Bundestagspräsidenten "sechs Pakete" mit eifrig gesammelten "46.317 Unterschriften", die allesamt fordern: "Deutsch muss ins Grundgesetz!"

Am Samstag veröffentlichte das Blatt ein Musterexemplar, am Montag unterschrieb der erste Politiker, Stephan Toscani (CDU), Innenminister im Saarland. Inzwischen unterstützt auch Ministerpräsident Peter Müller, ebenfalls aus dem Saarland, ebenfalls CDU, die Aktion.

Da könnte man sich nun gepflegt fragen: What?

Ausgerechnet die Bild-Zeitung, die für Schlagzeilen à la "Wir sind Papst" und "So hart nimmt Rosi ihren Willy ran" berühmt ist: Alleine an diesem Mittwoch schon ziert die Homepage wieder ein grammatikalisch völlig unsinniges Ausrufezeichen nach dem anderen ("Wettbewerb ums knappste Outfit!" und "Sohn ersticht Vater mit Schwert!") und alberne Wortneuschöpfungen à la "Wer löwt denn da so cool am Strand?" und "So traditionell sexeln die Deutschen". Ganz zu schweigen von unnötigen Anglizismen wie "Nicht stören! Verrückt, wo Kids schlafen können". Und das sind nur die Überschriften. In den Texten wimmelt es von eingedeutschten Anglizismen wie "Cover", "Tickets" und immer wieder "Kids".

Cool, Cover, sexeln, Kids?

Was genau also möchte uns die Bild-Zeitung damit sagen, wenn sie über ihren Kolumnisten Peter Hahne, bekannt aus Funk und Fernsehen, fordern lässt: "Schluss mit dem Denglish!"? Comeback für Goethe?

Üblicherweise gehören Vorstöße dieser Art in eine Zeit, in der es draußen heiß und drinnen schwül ist. Aber seit Thilo Sarrazin scheint jetzt wohl dauerhaft Sommerloch zu sein. Was einzelne Unionspolitiker auf Wählerfang schon seit Jahren immer wieder mal versuchen, um dann doch zurückgepfiffen zu werden, meint Bild nun wohl mitten in die losgetretene Debatte um Integration werfen zu können. Denn man weiß: Hier ist viel Wut vorhanden, das steigert die Auflage.

Geht es gar nicht um "Denglish", sondern um Türkisch oder Deutsch-Türkisch?

Da wird eine 29-jährige Hausfrau mit vollem Namen und Porträt zitiert, die da fordert: "Deutsch muss in Deutschland die wichtigste Sprache bleiben. Das müssen auch Zuwanderer verstehen, die zu uns kommen und hier bei uns leben wollen."

Und dann fällt das Blatt auch noch auf den alten Witz vom "Environment Improvement Technician" rein, dem angeblich neuen Wort für Putzfrau. Die Kritiker von Bildblog.de haben schon eine Sammlung von Bild-eigenen Stellenanzeigen zusammengestellt, die allesamt nach Praktikanten in den Bereichen "Controlling", "Merchandising der Verlagsgruppe" oder "Inhouse Consulting im Bereich Konzernorgansiation" suchen.

Was lernen wir also aus dieser Aktion? Wer im Glashaus sitzt, der werfe den ersten Stein?

"Schützt Sprache vor Verhunzung und Bürger vor Verblödung!" Dieser Bild-Überschrift darf man sich ausnahmsweise einmal anschließen; diesmal ist sogar das Ausrufezeichen vollkommen gerechtfertigt.

Leider nur geht der Appell in die falsche Richtung.

© sueddeutsche.de/rus/jja

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