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Anne Imhofs Performance:Flüchtiges Stück

Wer sitzt denn da? Die "Faust"-Performer kletterten auf die Glasinstallation und stiegen dem deutschen Pavillon aufs Dach.

(Foto: Catrin Lorch)

"Faust" hat in Venedig den Goldenen Löwen bekommen. Was danach aus dem Werk wird, ist unklar.

Der Aufwand ist gewaltig. Der deutsche Pavillon in den Giardini der Biennale in Venedig wirkt wie verwandelt - wer ihn betritt, steht auf einem gläsernen Boden, unter der Decke sind Haltestangen angebracht, an den Wänden hängen Gemälde und Podeste, auf dem Boden liegen ein Wasserschlauch, Glocken aus Bronze, Smartphones. Die Künstlerin Anne Imhof hat außerdem Performer im ganzen Haus verteilt, junge Männer und Frauen, sie singen, sie stellen sich auf wie zu einer Parade, klettern über die Fassade. Am Ende fluten sie die hellen Säle. Vier Stunden dauert diese Version eines "Faust", belohnt wurde das Ganze mit einem Goldenen Löwen für den besten nationalen Pavillon.

Performance ist die Kunst der Stunde - auch bei der Documenta in Athen tanzten Künstlerinnen wie Alexandra Bachzetsis oder stellen, wie die Performer Wolfgang Prinz und Michel Gholam, direkt vor antiken Tempeln die Positionen klassischer Skulpturen nach. Bei der Eröffnung löste Marta Minujín das Schuldenproblem Griechenlands symbolisch, indem sie einem Double von Angela Merkel Oliven überreichte. Und in Münster, wo am 10. Juni die Skulpturprojekte beginnen, üben Künstlerinnen wie Alexandra Pirici bereits mit ihren Darstellern in der City.

Doch schon am Tag nach der festlichen Eröffnung in Athen ist das Kanzler-Double aus dem Museum verschwunden. Eine quadratische Wanne, in der viele Hundert Kilo Oliven liegen, erinnert an die Übergabe, in den Theatern und Musikhallen sind die Vorstellungen gegeben, stellenweise erinnern Monitore an die Aufführungen. Und auch im deutschen Pavillon in Venedig wird es nach der Vorbesichtigung ruhiger, viele Besucher stehen jetzt ratlos auf der gläsernen Bühne und betrachten Eliza Douglas, die Hauptdarstellerin, auf den großen Gemälden an der Wand.

Susanne Pfeffer, die Kuratorin des deutschen Pavillons, weist im Gespräch darauf hin, dass der deutsche Beitrag ja vor allem auch eine Ausstellung ist, zu der neben der Performance auch Malerei und eine gewaltige Installation, die gläserne Bühne, gehören. Außerdem: "Es wird in dem Pavillon an jedem Tag zwei Stunden Performance geben und viermal zusätzlich über mehrere Tage die vierstündige Performance." Immerhin, die Biennale läuft bis Ende November, da heißt es durchhalten. Zwei bis drei der insgesamt 15 Performer sollen das Stück dann weiter entwickeln. "Anne Imhof und mir war es wichtig, dass es keinen Unterschied macht, ob man zur Vernissage kommt oder während der Laufzeit."

"Natürlich haben wir dafür auch Sponsoren finden müssen", sagt Susanne Pfeffer. Es ist unübersehbar: Performances sind eine andere Herausforderung, vor allem für Ausstellungsmacher. Bei Groß-ausstellungen wie der Documenta, die in Athen und Kassel auch jeweils 100 Tage laufen, ist das mitunter ein gewaltiger Aufwand. Als Tino Sehgal bei der vergangenen Documenta 13 Dutzende Tänzer in einem dunklen Saal tanzen und singen ließ, konnte seine "This Variation" nur deswegen während der hundert Tage dauernden Ausstellung durchgespielt werden, weil Mäzene für die Honorare der Tänzer spendeten. Derzeit überlegt Sehgal, künstlerisch ein Wegbereiter der jüngsten Generation der Performer, ob er nicht eine Stiftung gründen sollte, die dauerhaft Mittel für die Aufführung seiner "Situationen" zur Verfügung stellt.

Denn obwohl der Vierzigjährige als einer der bedeutendsten Künstler seiner Generation in Deutschland gilt, ist sein Werk manchmal über Monate hinweg nirgends in Deutschland zu sehen. Das Publikum, das die Fotografien der Becher-Schule oder die Malerei eines Daniel Richter jederzeit besuchen kann, bleibt vom Werk ausgesperrt. Wer eine Performance von Tino Sehgal ankauft, wie beispielsweise das Museum Ludwig oder das Frankfurter Museum Moderner Kunst, erwirbt lediglich das Recht, diese einzustudieren und aufzuführen, es existieren weder geschriebene Instruktionen oder Skizzen noch Dokumentationen wie Fotos oder Videofilme. Zudem haben Museen in ihrem Budget meist keinen Posten für "Aufführungskosten". Wenn Tänzer proben und auftreten, entstehen Kosten, für die keine Kostenstelle zuständig ist. Andere Werke - wie Fotografien, Gemälde oder Skulpturen - holt der Kurator dagegen einfach aus dem Depot.

Während bei der Documenta 14 an vielen Orten die Aufzeichnungen von Choreografen wie Anna Halprin oder Jani Christou in Vitrinen und Schaukästen ausliegen, sind sich viele Museen in Bezug auf die Überreste von Performances noch nicht sicher, ob es sich um Werke handelt. Für die meisten Sammler sind die von Fluxus-Künstlern während Happenings präparierten Klaviere oder Möbel nicht wirklich interessant, auch wenn Museen sie bewahren. Und es scheint, als sei die Diskussion auch im deutschen Pavillon noch nicht entschieden: Zunächst hatte es für die Künstlerin und ihre Kuratorin Priorität, das Stück "Faust" auf die Bühne und die Bühne in den Pavillon zu bringen.

"Wir haben noch nicht darüber gesprochen, inwiefern die im Pavillon gezeigten Werke und Objekte auch außerhalb des Pavillons als einzelne Kunstwerke funktionieren können", sagt Susanne Pfeffer. Der deutsche Pavillon habe "Faust" produziert, man müsse am Ende überlegen, was man damit mache. Doch wer will nun der Entwicklung eines Werks wie "Faust", das gerade mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, vorgreifen? Pfeffer: "Es kann gut sein, dass andere Objekte dazukommen. Es sind ja auch Dinge rausgegangen, Masken, Soundequipment oder Getränke. Die Performance wird sich wahrscheinlich über die Monate auch verändern, weiterentwickeln und wie, das wird sich zeigen."