Süddeutsche Zeitung

Bibliophilie:Unmerkliches Umblättern

Der Wissenschaftshistoriker und Philosoph Michael Hagner frönt der "Lust am Buch". Die Liebe zum Gedruckten in herkömmlicher Gestalt verbindet sich beim Autor mit vielen persönlichen Erinnerungen.

Die Lust am Buch und das Vergnügen beim Lesen sind universal und keineswegs im Schwinden begriffen. Zur gedruckten Bücherwelt gesellen sich digitale Formate, die auch Michael Hagner nicht fremd sind. Im Gegenteil: Der Wissenschaftshistoriker und Philosoph arbeitet selbstverständlich mit allen Hilfsmitteln der digitalen Technologie. Sein Leben aber findet anderswo statt, denn er liest ohne Ende und will "irgendwann gar nicht mehr merken, dass du etwas in der Hand hältst und die Seiten umblätterst".

Die Liebe zum Buch in herkömmlicher Gestalt verbindet sich bei Hagner mit persönlichen Erinnerungen, die vielleicht so etwas sind wie Appelle an Gleichgesinnte: Die Beziehung zum Brockhaus in der Jugend, das Erkunden der Welt durch Antiquariate, bemerkenswerte Erwerbungen, nie gelesene Werke und starke Erinnerungen an bestimmte Orte der Lektüre - Kulturprotokolle individueller Bildung. Hier fehlt der Unterton einer gewissen Wehmut. Hagner glaubt an die Aura von Büchern, beschreibt aber deren Erscheinungs- und Benutzungsformen mit phänomenologischer Genauigkeit. Unter dem Titel "Provenienz" bringt er eine kleine Krimigeschichte rund um ein seltsames Buch. Wie nicht anders zu erwarten, hat der Büchersammler Hagner auch sonst jede Menge Anekdoten auf Lager, etwa die zur ersten Buchfotografie durch Henry Fox Talbot.

Das Besondere dieses Büchleins ist, dass es den Rahmen der Reflexionen sehr groß zieht. Hagner erwähnt, behandelt und zitiert Philosophen wie Barthes, Benjamin, Descartes, Spinoza oder Wittgenstein. Er spielt auf Schriftsteller wie Hesse, Melville oder Swift an und unterhält sich mit Akteuren der Buch- und Wissensgeschichte wie Chartier, Feyerabend, Blumenbach oder Manutius. Man bewundert die historische Belesenheit des Autors, der umfangreich "Zur Sache des Buches" (2015) geschrieben hat. Man lernt darüber hinaus etwas über Rockmusik und über Kybernetik, erfährt einiges über Fotografen und Filmemacher.

Kleine Invektiven sind hie und da versteckt, gegen die "aufmerksamkeitsökonomische Hektik" oder die "anhaltende Faszination für Zettelkästen in der Dingwissenschaft", aber auch gegen den digitalen Analphabetismus derer, die es von früher her besser wissen wollen. Der Autor nimmt sich von der Kritik nicht aus, beklagt seine frühe Scheu vor dem Computer, rügt die eigene Begier, ein Buch besitzen zu müssen, und attestiert sich selber ein Schwanken zwischen Ehrgeiz und Melancholie.

Das Büchlein hat kein Inhaltsverzeichnis. Es will keinen falschen Überblick bieten, ist vielmehr durch Stichwörter gegliedert, die in zehn Alphabete verteilt sind. So nimmt Hagner das Ziel Diderots auf, wie er in der "Enzyklopädie" schreibt, die "Diversität der Darstellung" zu fördern. Und er beherzigt, was unter dem Stichwort "Inhaltsverzeichnis" steht, dass die Überschriften kunstvoll ausgeprägt sein müssen. So spielt der Autor mit der Selbstreferenz. Ein Buch über das Buch hatte Lichtenberg schon vor 200 Jahren für fatal erklärt; vielleicht hätte er dieses aber durchgehen lassen. Es liest sich gut.

Michael Hagner: Die Lust am Buch. Insel-Verlag, Berlin 2019. 112 Seiten, 14 Euro.

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Quelle:
SZ vom 26.10.2019
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