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Beyoncé und Jay-Z in Berlin:Ware Liebe

On The Run II Tour - Berlin

Beyoncé und Jay-Z bei der "On The Run II"-Tour im Berliner Olympiastadion: die Verdinglichung der Liebe.

(Foto: Raven B. Varona/Parkwood/PictureGroup)

Die Show von Beyoncé und Jay-Z im Olympiastadion bietet alles: eine megalomanische Bühne, freie Hintern, schusssichere Westen, Feminismus. Vor allem aber einen extrem kapitalistischen Beziehungsbegriff.

Von Jan Kedves

Ist die Anzahl der Kostümwechsel während einer Popshow ein Indikator für etwas? Bei "On The Run II", der aktuellen gemeinsamen Mega-Tour der R&B-Sängerin Beyoncé und des Rappers Jay-Z, fällt auf: Der Mann zieht sich häufiger um als die Frau. Jay-Z führt insgesamt elf Outfits vor. Variationen seiner Luxus-Rap-Uniform aus Lederblouson mit nagelneuen Sneakers. Oder: schusssichere Weste zu Camo-Hose. Oder: blauer Anzug mit goldenen Seitenstreifen. Beyoncé hingegen zieht sich während der zweistündigen Show nur acht Mal um - meist Varianten ihrer Pop-Queen-Uniform aus metallisch funkelndem Robo-Body mit ebenso funkelnden Overknee-Stiefeln und ausgespartem Po, was nur nackt aussieht, weil die Strumpfhose fleischfarben ist. Beyoncés eigene, zur Trademark gewordene Art, gleichzeitig Stärke und Sexiness und militärische Breitschultrigkeit und superdominamäßige Selbstbestimmtheit zu signalisieren.

Da ergibt das mit den Klamotten durchaus Sinn: Wenn sie auf einer gemeinsamen Tour schon öffentlich die Rettung ihrer 2008 geschlossenen Ehe zelebrieren, so stellt man sich den Gedanken jedenfalls vor, darf natürlich auf gar keinen Fall der Eindruck entstehen, nur Beyoncé würde sich andauernd hübsch machen. Sie wäre dann nämlich in einer klassischen Popstar-Frauenrolle gefangen, während er einfach nur lässig rappt und den Swagger raushängen lässt. Geht natürlich nicht. Beyoncé ist schließlich Feministin, noch dazu eine Feministin, die es kürzlich zum Teil ihres Feminismus gemacht hat, ihrem untreuen Ehemann zu verzeihen. Kein unheikles Manöver - aus feministischer Sicht. Also muss auch er sich ein bisschen anstrengen, zeigen, dass er bereit ist, sich in eine neue Rolle hineinzufinden. Ergo: häufiger Kleidungswechsel. Hübsch machen für die Frau.

Das wäre also der erste Gedanke, während man mit zirka fünfzigtausend hysterisch schreienden Fans am Donnerstagabend im Berliner Olympiastadion steht und verfolgt, wie eine absolut megalomanische Pop-Show in die Welt kracht: Pyrotechnik, Tänzerinnen-Armee, dutzendköpfige Marching-Band und riesige Videoleinwände. Eine Pop-Show allerdings, bei der nicht einfach nur die Hits abgefeuert werden. Man erlebt quasi live, wie die in den vergangenen Jahren bekannt gewordenen Thesen der Soziologin Eva Illouz zur Warenförmigkeit der Liebe plötzlich auf der Bühne stehen.

Illouz beschreibt in ihren Büchern, wie im Kapitalismus das Ideal der romantischen Liebe verdinglicht, und im selben Zug die Waren romantisiert werden. Voilà: Beyoncé und Jay-Z verdienen an der Warenförmigkeit ihrer Liebe, indem sie sie als teure Konzerttickets und zig verschiedene Merchandise-Shirts zum Produkt machen, wodurch wiederum den Fans offen steht, an dieser wunderbaren Liebe teilzuhaben. Und sie romantisieren den Konsum, indem sie selbst einen Luxus-Trip nach Jamaika gebucht und von dort sehr schöne Urlaubsvideos mitgebracht haben. Die werden im Olympiastadion auf den Leinwänden abgespielt. Quality-Time für das krisengeschüttelte Superstar-Paar am Strand, mit Golduhren und teurer Fashion und Champagner. Da finden sich die Liebe und der Eros wieder wie von alleine.

Ach so, falls jemand die Vorgeschichte nicht mitbekommen hat: Jay-Z war offenbar mit einer ominösen "Becky" fremdgegangen. Die Weltöffentlichkeit begann darüber zu spekulieren, als im Mai 2014 das Material einer Überwachungskamera geleakt wurde. Es zeigte, wie Solange, die Schwester von Beyoncé, im Aufzug eines New Yorker Hochhauses Jay-Z eine Backpfeife verpasst. Beyoncé selbst steht daneben und grinst vielleicht sogar ein bisschen zufrieden. Es folgte "Lemonade" (2016), ihr großartiges Album, auf dem sie die Wut des Betrogen-worden-Seins mit minimal-avantgardistischen Beats und allgemeinen Reflektionen zum Stand der schwarzen Frau in den USA verband. Und es folgte "4:44" (2017), das große Entschuldigungs-Album von Jay-Z, auf dem er sich als neuer, geläuterter Mann und verantwortungsvoller Familienvater präsentierte.

An der "On The Run II"-Show ist nun vor allem interessant, wie die beiden Superstars ihre jeweiligen Œuvres nun in Dialog bringen: Jay-Zs Werk vor "4:44" bestand ja vor allem aus raffiniert gereimtem Machismo und Gangster-Gepose, Beyoncés Werk hingegen schon vor "Lemonade" aus Gesten weiblicher Stärke. Da braucht es eine gute Sequenzierung. Besonders gut gelingt der Dialog, wenn sie nach etwa einer Stunde seinen Hit "99 Problems" mit ihrem eigenen Hit "Don't Hurt Yourself" vom "Lemonade"-Album kontert. In "99 Problems" prahlt der alte, noch unverheiratete Jay-Z damit, dass er 99 verschiedene Probleme am Hals habe, aber eine Bitch zum Vögeln zu finden, gehöre nun wahrlich nicht dazu. "Who the fuck do you think I is? You ain't married to no average bitch, boy", singt darauf sie - du hast hier nicht irgendeine Bitch geheiratet, sondern Queen B, die Herrscherin des R&B und sowieso eigentlich der Welt.

Insgesamt steht da also viel Imperiums-Gehabe und auch ein Hauch Allmachtsphantasie auf der Bühne, und entsprechend komplett wahnsinnig ist deren Aufbau. An jeder Ecke befindet sich eine Windmaschine, sodass Beyoncés Haare - während sie ihre Koloraturen und Melismen ins Mikro perlen lässt und den Kopf von rechts nach links wirft - andauernd von unten angeblasen werden und also schwerelos durch die Luft wirbeln. Als solle die Animierung ihrer Frisur ihre innere emotionale Aufwühlung widerspiegeln.

Die Bühne wird eine Brücke über die aufgewühlten Gewässer der Beziehung

Auch die Ups and Downs der Ehe sind, natürlich, in mobile Architektur übersetzt. Zu Beginn der Show fährt das Paar in einem Aufzug von oben - händchenhaltend - auf die Bühne herunter. Eine Anspielung auf den Aufzug in New York, klar. Vor der Bühne gibt es zwei lange laufstegartige Ausleger. Sie ragen weit ins Publikum hinein und verlaufen parallel, sodass zu Beginn der Show Jay-Z rechts auf seinem Ausleger läuft, und Beyoncé links auf ihrem.

Viel Distanz zwischen ihnen also, aber es geht noch weiter. Denn in die Ausleger sind auch noch Laufbänder wie am Flughafen eingebaut. Mal läuft das eine, mal das andere, die beiden schreiten also immer wieder in unterschiedlichen Tempi voran. Noch nie hat ein Bühnenaufbau wohl akkurater das Aus-dem-Tritt-Geraten einer Ehe reproduziert. Wobei es bei der Asynchronität nicht lange bleibt. Später in der Show wird sich nämlich herausstellen, dass die Laufbänder gleichzeitig so etwas wie Schienen sind. Dann hebt sich hinten die Bühne hydraulisch in die Höhe und fährt über diese Schienen nach vorne über das Publikum - ein bisschen wie ein Container-Kran. Wobei die Bühne jetzt eigentlich eine Brücke ist. Die Brücke über die aufgewühlten Gewässer dieser Beziehung nämlich. Diese Gewässer sind in diesem Fall das tosende Publikum darunter. Ha!

Teuerster materialistischer Symbolismus also. Die große symbolische Wiedervereinigung folgt dann, nachdem Jay und Bey sich an die große, wilde Zeit des Verliebtseins vor 15 Jahren erinnert haben, also: "Crazy In Love" - und zwar in Form eines absolut schrecklichen, superkitschig tollen Medleys aus "Forever Young" (Alphaville) und "Perfect" (Ed Sheeran). Danach ist Schluss.

Was auch heißt: Beyoncé und Jay-Z spielen tatsächlich kein einziges Stück von "Everything Is Love", ihrem neuen gemeinsamen Album, das sie vor zwei Wochen als The Carters veröffentlicht haben und das eigentlich Werbung für diese Tour ist. Entweder ist das der Beweis ultimativer Coolness: "Wir können es uns leisten, das neue Album einfach mal wegzulassen." Oder es ist das Eingeständnis, dass das Album eigentlich doch recht langweilig ist. Weil: Eigentlich ist Pop doch die Kunstform der superintensiven, schnellen, harten, euphorischen, überschäumenden Gefühle. Ich bin krass verliebt in dich, ich hasse dich und alles und jeden, ich komme gleich, du bist für mich der Himmel auf Erden - solche Gefühlslagen eben. In denen befindet man sich aber eher nicht, wenn man sich als Paar gerade versöhnt hat und sagt: "Schatz, unsere Paartherapie scheint gut zu funktionieren. Lass uns ein Album draus machen".

Wobei es auch eine dritte Option gibt, sie ist sogar die Wahrscheinlichste: Beyoncé und Jay-Z spielen "Apeshit", den besten Song ihres neuen Albums, deswegen nicht, weil es in ihm heißt: "I can't believe we made it / This what we're thankful for" - kaum zu glauben, dass wir unsere Ehe gerettet haben, wir sind so dankbar dafür. Das klingt schon sehr definitiv, und natürlich muss in so einer großen Pop-Show auch immer ein Restzweifel bleiben. Während auf die Leinwände riesig groß der Satz "This is real love" projiziert wird, fällt der innige Wiedervereinigungskuss - die Consummatio; darauf haben hier doch alle zwei Stunden lang gewartet - also ein bisschen kurz und trocken aus. Ist Bey etwa sauer, weil Jay es scheinbar einfach nicht lassen kann und gerade mit einem Mädchen im Publikum geflirtet hat? "Hey, little Princess." So könnte es ewig weitergehen. Der Aufzug muss ja weiterfahren.

Weiterer Termin: 3. Juli Köln, Rheinenergiestadion

© SZ.de/biaz
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