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Kulturgeschichte:Viel Geist für wenig Sinnlichkeit

Endlich ist der Briefwechsel zwischen Bettine von Arnim und dem viel jüngeren Julius Döring vollständig ediert. Er zeigt, wie Schwärmerei der Einübung in den politischen Ernst diente.

Wenn eine zweiundfünfzigjährige Dame ein Buch veröffentlichen wollte unter dem Titel "Meine letzten Liebschaften", so dürfte sie höchst wahrscheinlich auf einen immensen Erfolg beim neugierigen Publikum spekuliert haben. Dies Buch aber hat jene Dame aus den ersten Kreisen der Berliner Gesellschaft schließlich doch nicht erscheinen lassen; erst jetzt kann der Leser teilhaben an der aparten Beziehung zwischen Bettine von Arnim und Julius Döring, dem zweiundzwanzigjährigen Studenten der Rechte. Beider Briefwechsel aus den Jahren 1839 bis 1849 ist nun aus den Archiven des Freien Deutschen Hochstifts in einer typografisch kostbaren und mit vielen zeitgenössischen Illustrationen ausgestatteten Ausgabe von Wolfgang Bunzel in der "Anderen Bibliothek" publiziert worden. Die Schönheit des Buches und die Gründlichkeit der Edition sind nicht genug zu rühmen.

Wolfgang Bunzels kenntnisreiches Nachwort macht mit dem "letzten Liebhaber" der Bettine bekannt, der als Landgerichtsrat und Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses endete und 1893 starb. Den Rang, den Bettine von Arnim von ihren Freunden und Brief-Liebhabern immer erwartete - und der Goethe, dem Fürsten Pückler-Muskau, der Günderode und Clemens Brentano tatsächlich zukam -, dieser Ruhm also des Korrespondenten, der vor allem ihr eigenes Ansehen heben sollte, kommt Julius Döring jedoch nicht zu. So verwundert es denn auch nicht, dass dessen letzte Briefe von der "Geliebten" unbeantwortet blieben, so sehr auch der Freund, den sie gelehrt hatte vor ihr zu knien, darum bitten mochte.

Für den Zutritt zu den höheren Kreisen musste der Jüngling viel Sprachakrobatik beherrschen

Es bliebe zu fragen, wie dies Schmuckstück der Buchkunst und warum diese editorische Rarität den heutigen Leser beschäftigen und belehren, ja gar noch beglücken könne? Zwar erinnert der Titel des nun edierten Briefwechsels - "Letzte Liebe" - an die "letzten Liebschaften", zu denen sich Bettine von Arnim hatte bekennen wollen, doch nimmt der neue Titel dem einst konzipierten alles Pikante, das zur Lektüre anreizen könnte. Und in der Tat handelt es sich bei diesem Briefwechsel weder um Liebe noch um Liebschaft, sondern um nichts als um Schwärmerei.

Diese Briefe, die zu Beginn der Bekanntschaft acht bis zehn Druckseiten füllen können, sind keine Liebesbriefe, sondern ein historisches Lehrstück. Sie zeigen, welche Sprachakrobatik ein Jüngling jener Epoche beherrschen musste, um sich Eintritt in die Kreise des gehobenen Bürgertums und der intellektuellen Elite zu verschaffen. "Steig herunter von der kalten Höhe des Entsagens", fleht dieser Jüngling in einer manierierten Sprache seine Dame an, "wo nur dein eigner Geist dich anweht im Hauch der Winde, und dein Blick flüchtig durcheilt die grünen Thäler. Steig hernieder ins blühende Thal, ergehe dich in Frühlingsgärten die alle dir offen stehen; herrsche, sei stark und unverzagt im Fordern." Nicht ohne Selbstironie antwortet Bettine auf solch einen Andrang von Gefühl ihrem "Ingurd": "die Geister", so gesteht sie, gingen tatsächlich oft nicht miteinander um, "wie Gott sie geschaffen"; "sie hängen den Theaterpurpur um, ihre Würde gegen einander zu behaupten; auch ich erlaub mir oft, so einen alten Mottenpelz von Hermelin anzulegen, und einen Zepter mit einer Angelschnur daran Die ich auswerfe".

Bettine von Arnim vor Goethe-Denkmal. Ludwig Emil Grimms Radierung zeigt die Grande Dame der Romantik im Jahr 1838. Wenig später, 1843, veröffentlichte sie "Dies Buch gehört dem König", in das sie Berichte über das Leben der Ärmsten Berlins aufnahm, die vor dem Hamburger Tor, im "Vogtland", lebten.

(Foto: Freies Deutsches Hochstift, Andere Bibliothek)

Trotz solcher Reserve, mit der die Angebetete sich ziert und zurückzieht, bleibt Döring dabei, Bettine als "Priesterin" der Sprache zu ehren, denn "in dir ist herrschend geworden, jene Ursprache ... deine Rede ist eine Quelle geworden ihres lebendigen Wassers, erfrischend und läuternd, helltönend."

So viel Worte sie auch machen, so hoch sie in ihren Huldigungen auch greifen, die Briefpartner sagen einander eigentlich nichts. Was sie beide sich vormachen, sind sprachturnerische Übungen im Lobpreisen und Anhimmeln. Sie verbrauchen viel Geist für wenig Sinnlichkeit, viel Verehrung für wenig Erlebtes, viele volle Worte für kleine Erkenntnisse.

Die Lektüre dieses Briefwechsels ist deshalb eine nicht allzu bequeme Reise in ein fernes Land mit einer für Heutige exotischen, von der romantischen Dichtung inspirierten Schreibweise und einem fremd gewordenen Kult der Anbetung und Verehrung. Die "letzten Liebhaber" der Bettine von Arnim sind Liebhaber der Poesie mehr denn Galane ihrer Person.

Bettine war ihm erst Allegorie der Liebe, dann Galionsfigur revolutionärer Einstellungen

Julius Dörings sprachliche und dichterische Zeugungen - auch Gedichte legt er seinen Briefen bei - sind allerdings nicht sonderlich geglückt, so dass es ihm und dem Leser eine Erleichterung ist, wenn er endlich den literarischen Ehrgeiz aufgibt und sich bereits im Laufe der vierziger Jahre dem politischen Leben zuwendet.

1842 sendet er Bettine seinen Aufsatz "Fürst und Volk" und bittet um ihre Unterstützung bei der Publikation: "Mir ist der Weg in die Öffentlichkeit verrammelt: brich mir Bahn. - So red' ich zu dir; kurz, wie zu einem Zeltkammeraden. Sei mein Führer wieder, wie du es einst warst. Ich folge deinem Commandorufe."

Dieser schneidige Befehl aber bleibt aus, Döring erhält keine Antwort. Von 1840 an monologisiert er vor sich hin, versucht Bettine, die selbst ihr revolutionäres Denken durch "Dies Buch gehört dem König" unter Beweis gestellt hat, mit seinem politischen Elan auf den Versen zu bleiben - doch sie eilt davon und schaut zu ihm nicht mehr zurück.

Bettine von Arnim: Letzte Liebe. Das unbekannte Briefbuch. Korrespondenz mit Julius Döring. Ediert, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Wolfgang Bunzel. Die Andere Bibliothek, Berlin 2019. 374 Seiten, 42 Euro.

Diese Missachtung ist gleichwohl für Döring eine Befreiung, für den Leser eine Erleichterung, und sie gibt endlich Raum für eine Erkenntnis. Die Briefe dieses jungen Mannes zeigen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem, was man heute als Schwulst abzutun geneigt sein könnte, und der politischen Begeisterung, die das an Revolutionen und Aufständen reiche neunzehnte Jahrhundert hervorgebracht hat. Die Briefe führen die Entwicklung eines jungen Mannes vor, der aus der schwärmerischen Bewunderung einer Autorität zu eigenständiger Tätigkeit gelangte.

Bettine von Arnim war - und zwar nicht nur für Julius Döring - die Allegorie der Liebe, die sich der Jüngling erdichtete, und sie wird für den erwachsenen Mann zur Galionsfigur einer revolutionären Einstellung, die freilich zu keiner politischen Handlung führt. Die verliebte Schwärmerei entpuppt sich als Einübung in politischen Ernst.