"Bettina" im Kino:Man kann hilflos und stark sein

Lesezeit: 3 min

"Bettina" im Kino: Lutz Pehnerts Film zeigt Bettina Wegner in ihren Anfängen als zurückhaltende, aber unbeugsame junge Frau.

Lutz Pehnerts Film zeigt Bettina Wegner in ihren Anfängen als zurückhaltende, aber unbeugsame junge Frau.

(Foto: Werner Popp/Salzgeber)

Ein liebevoller Dokumentarfilm erzählt das Leben der DDR-Liedermacherin Bettina Wegner.

Von Juliane Liebert

In West-Berlin hat man für ein gutes Vierteljahrhundert gewohnt, als sei die Mauer die Schöpfung einer höheren Macht und stünde mindestens bis zum Jüngsten Gericht. Bettina Wegner kann ein Lied davon singen. Hinter ihrem schlichten Einfamilienhaus rattert die S-Bahn vorbei. Bis zur Wiedervereinigung waren die Gleise stillgelegt. Wer damals in die Gegend zog, rechnete nicht damit, dass jemals wieder Züge fahren würden.

Die erfolgreiche Songschreiberin und Sängerin zog unfreiwillig in die Gegend. Sie ging hierher ins Exil. Ihr Land hatte sie hinausgeworfen. Dabei stammt sie aus Lichterfelde, dem bürgerlichen Südwesten der Stadt. Aber die Eltern, überzeugte Kommunisten, die in der Sowjetzone arbeiteten und in dortiger Währung bezahlt wurden, konnten nach der Einführung der D-Mark von ihrem Gehalt nichts mehr kaufen. Eigentlich wollten sie auf dem Territorium des Klassenfeindes für die Weltrevolution kämpfen. Doch ohne Geld keine revolutionäre Avantgarde, das wusste schon der Baumwollfabrikant Friedrich Engels. Also übersiedelte die Familie Wegner ins ideologische Homeland, nach Ostberlin.

Heimat sollte die DDR für die Tochter immer bleiben, bis heute, auch wenn dieser Staat seit über drei Jahrzehnten Geschichte ist. Als kleines Kind trauerte Bettina 1953 um Stalin. Kaum volljährig, wurde sie zu Zwangsarbeit verurteilt, weil sie Flugblätter gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag verteilt hatte. Gerade war ihr erstes Kind zur Welt gekommen. Gezeugt von Thomas Brasch. Ja, der zeitlebens exzessiv widerborstige und so zärtlich poetische Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch, der dieser Tage seine eigene Renaissance erlebt. Mascha Qrella vertonte seine Gedichte zu flirrenden Popsongs, Andreas Kleinert drehte ein aufwendiges Biopic mit Albrecht Schuch in der Hauptrolle.

Sie wehrt sich gegen die hämischen Beschimpfungen der DDR-Justiz

"Bettina" ist dagegen ein kleiner Film. Aber ein umso wichtigerer. Die aufrechten Künstlerinnen der DDR haben es noch immer schwer, ähnlich große Aufmerksamkeit zu bekommen wie ihre männlichen Kollegen. Lutz Pehnerts Dokumentarfilm ist liebevoll, ohne ins Hagiografische abzurutschen, und erzählt das Leben seiner Protagonistin als eigenständige Künstlerbiografie. Den Frauenhelden Brasch lässt er also bald wieder links liegen, hört und schaut stattdessen Bettina Wegner zu. In den historischen Aufnahmen wie den aktuellen Gesprächsszenen bezaubert sie allein schon durch ihr musikalisches, wahrhaftiges Icke-Berlinerisch, dass ihr die Eltern offenkundig erfolglos auszutreiben versuchten.

Am interessantesten in künstlerischer Hinsicht ist wohl der Mitschnitt eines West-Konzerts im Künstlerhaus Bethanien. Sie spielte damals auch "Kinder", das Lied, das sie in der Bundesrepublik und in der Version von Joan Baez einem weltweiten Publikum bekannt machte. "Sind so kleine Hände, winz'ge Finger dran / Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann." Die Verse haben nichts von ihrer schlichten Intensität verloren. Welchen provokanten Kontrast sie zum real existierenden Sozialismus darstellten, belegen Tonaufzeichnungen des Prozesses gegen Wegner von 1968, in denen sich eine zurückhaltende, aber unbeugsame junge Frau mit einfachen Worten gegen die hämischen Beschimpfungen durch die Justiz zu wehren weiß. Pehnert spielt mehrmals Auszüge ein, inklusive Transkription. Diskussionen darüber, ob die DDR ein Rechtsstaat war, sollten sich danach erübrigt haben.

Wegner hing trotzdem an "ihrer" Republik, sie gehörte stets zu jenen, die nicht in den wohlhabenden Westen wollten, sondern für das zweite D im Staatsnamen, die Demokratie im Sozialismus eintraten. Aber vielleicht abstrahiert man damit schon zu sehr. Sie setzt beim Individuum an, beim Menschen mit seinem eigenen Kopf. Dass der so frei wie möglich denken und leben kann, ist das einzig wirklich legitime Ziel jedes Staatswesens. Diesen Anspruch konnte Bettina Wegner niemals aufgeben.

Nach längerer Pause gibt sie nun wieder Konzerte. Der Film begleitet die Proben, am Ende steht die heute Fünfundsiebzigjährige auf der Bühne. Sie singt, dieses mal a cappella, "Kinder". Vielleicht, scheint es aus ihrer altersangerauten, aber festen Stimme zu klingen, vielleicht ist es in Ordnung, sich schwach zu fühlen und von der Welt zertrümmert. Man kann hilflos und stark sein. Und selbst, wenn die eigene Biografie von der Geschichte gefressen wird, wie es sich für viele Menschen anfühlt, die ihre prägendste Zeit in der DDR verbracht haben, selbst dann kann ein Leben auf eine krumme, verwachsene Weise erfüllt sein.

Bettina, D 2022 - Regie und Buch: Lutz Pehnert, Kamera: Anne Misselwitz und Thomas Lütz. Salzgeber, 107 Minuten. Kinostart: 19. Mai 2022.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusUkraine-Doku in Cannes
:"Sie haben ihn kaltblütig ermordet"

Der Regisseur Mantas Kvedaravičius half Flüchtenden aus Mariupol hinaus. Als er nicht wiederkam, machte seine Partnerin Hanna Bilobrova sich auf die Suche. Sie fand ihn auf der Straße, erschossen. Nun zeigt sie seine letzten Aufnahmen in Cannes.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB