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Bestseller  :Was der neue Harry Potter über Millennials verrät

Im September soll "Harry Potter and the Cursed Child" auf Deutsch erscheinen.

(Foto: AFP)

Zaudern statt Zaubern: Als Buch hat sich das Harry-Potter-Theaterstück fantastillionenfach verkauft - nun erscheint es auf Deutsch. Die überladene Handlung erzählt einiges über unsere Zeit.

Von Christopher Schmidt

Gleich in der zweiten Szene, an Gleis 9¾ des Londoner Bahnhofs King's Cross, wo schon der dampfende Hogwarts-Express wartet, stibitzt Ron seiner kleinen Nichte Lily die Nase. Er tut so, als hätte er sie in seiner Hand verschwinden lassen. Keine Hexerei, sondern ein harmloser Onkel-Trick, für dessen Harmlosigkeit die umstehenden Erwachsenen bei der Verabschiedung der Kinder ins neue Schuljahr umso dankbarer sind.

Denn war nicht Nasenlosigkeit das Stigma von Lord Voldemort, dem Fürsten der Finsternis und Gegenspieler von Harry Potter? Doch Voldemort ist besiegt, das Böse vertrieben. Und Ron Weasleys Nasentrick nur noch das heitere Echo der düsteren Vergangenheit.

"Alles war gut", mit diesem Satz endete der siebte und letzte Teil der Harry-Potter-Romane um den Zauberlehrling Harry. Fast schon gewaltsam hatte die Autorin Joanne K. Rowling einen Schlussstrich gezogen und ihren literarischen Ziehsohn in die Unabhängigkeit entlassen, indem sie seinem finalen Abenteuer einen Epilog hinzufügte. Ein Zeitsprung katapultierte Harry, Ron und Hermine in die Zukunft und zeigte die mittlerweile erwachsenen Freunde, wie sie ihre Kinder zum Hogwarts-Express bringen. Eine symbolische Stabübergabe, sollte man meinen.

Genau dort, wo der Roman aufhörte, setzt nun das Theaterstück "Harry Potter and the Cursed Child" ein, geschrieben von Jack Thorne und John Tiffany nach einer unveröffentlichten Erzählung von J. K. Rowling. Obwohl es sich hier nur um ein "Special Rehearsal Edition Script" zur Londoner Aufführung handelt, hat sich die englische Ausgabe bereits fantastillionenfach verkauft. Die deutsche Übersetzung ist für September angekündigt.

Allerdings geht es um die nächste Generation nur am Rande, im Mittelpunkt stehen die vertrauten Helden. Die ersten drei Schuljahre des Nachwuchses auf dem Zaubererinternat Hogwarts werden auf den ersten Seiten zusammengerafft, ein Zeitraum, der Rowling seinerzeit Stoff für drei Romane bot. Schon das macht klar, dass die Kinder keineswegs die Protagonisten sind oder allenfalls zu 9¾ Prozent.

Eine ganze Lesergeneration ist ja mit Harry Potter groß geworden, war unter seiner Führung eingetaucht in ein magisches Paralleluniversum, direkt neben und doch unendlich fern der Muggel- und also Menschenwelt, die natürlich auch die der Erwachsenen im wirklichen Leben ist. Über Harrys gesamte Schulzeit hinweg hatte ihn seine Leserschaft begleitet und war an seiner Seite selbst herangewachsen von Band zu Band, der jeweils ein Jahr in Hogwarts umfasst. Die jungen Potterianer konnten sich und die Probleme ihres Alters gerade deshalb in den Romanen wiederfinden, weil sie ihnen dort verwandelt wie in einem Zauberspiegel entgegentraten.

Hogwarts, das war die nach außen gestülpte Innenwelt der Harry-Potter-Gemeinde - und umso faszinierender, als diese Welt mit zunehmendem Alter der Romanfiguren und potenziell auch der Leser an Komplexität gewann. Der zunächst starre Gegensatz von Gut und Böse wurde, je weiter die Handlung fortschritt, brüchiger und mehrdeutig, die Atmosphäre beklemmender und die Figuren wurden in ein moralisches Zwielicht gehüllt, das immer weniger erkennen ließ, wer eigentlich auf welcher Seite steht.

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