Bestseller-Roman "Er ist wieder da" "Ein medialer Wiedergänger"

Hitler trifft auf eine Gesellschaft, die das Lachen über ihn längst als Zeichen der eigenen Aufgeklärtheit definiert hat - und wohl auch als notwendigen Schritt, um die lästige Vergangenheit zu entsorgen. Zudem scheint Konsens zu sein, dass ein Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, das mit leichtem Gruseln oder sogar einem kleinen Schuldgefühl einhergeht, als anspruchsvoller, komplexer, vielschichtiger gilt.

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Die hohen Zuschauerquoten im Roman haben offenbar ähnliche Gründe wie der reale Verkaufserfolg des Buches selbst. In Deutschland hat sich eine seltsame Hitler-Fixierung herausgebildet, die fast schon etwas Manisches hat. Der Journalist Daniel Erk, der sechs Jahre lang im "Hitler-Blog" der tageszeitung Parodien, Witze, NS-Vergleiche und sogar Werbung mit Hitler gesammelt und kommentiert hat, nennt diesen Prozess die "Banalisierung des Bösen". "Dieser Hitler", schreibt Erk in seinem Buch mit dem Titel "So viel Hitler war selten" (Heyne 2012), "der heute durch die Gazetten und Fernsehkommentare geistert, ist ein Abziehbild (. . .) ein medialer Wiedergänger, dem jede Widersprüchlichkeit genommen wurde."

Vermes persifliert diese Hitleritis

Hitler posiert in zuverlässiger Regelmäßigkeit auf Magazin-Titeln, er geistert mit einer Penetranz durchs Fernsehen, dass es kaum möglich ist, zu zappen, ohne ihn den Arm in die Höhe klappen zu sehen, und eine kleine, angedeutete "Föhrrerrr"-Parodie mit zwei Fingern unter der Nase ist in fast jeder geselligen Runde ein Garant für lang anhaltende, leicht hysterische Heiterkeitsschübe.

Diese Fokussierung auf Hitler - wahlweise als komische Figur oder aber als Inkarnation des Bösen - läuft Gefahr, die geschichtlichen Fakten verblassen zu lassen. Warum noch über die breite historische Zustimmung der Deutschen zur nationalsozialistischen Politik sprechen, oder über den tief verwurzelten Antisemitismus, wenn sich doch ein durchgeknallter Irrer als Alleinschuldiger anbietet? Timur Vermes persifliert diese Hitleritis. Sein Roman bedient sie jedoch auch und verleiht ihr sogar eine neue Dimension: Das Lachen nicht über, sondern mit Hitler, der im Buch mit seiner verschroben, aber wenig gefährlich wirkenden Art tatsächlich so manchen treffenden Seitenhieb auf unsere Mediengesellschaft landet. Allzu oft lässt sich der Autor dazu hinreißen, seinen Hitler als humorigen Gesellen zu zeichnen und das wirkt letztlich verharmlosend.

Vermes scheint sehr darauf zu vertrauen, dass sein Publikum schon auf der richtigen Seite stehen und in der Lage sein wird, das Gelesene zu reflektieren. Das wiederum ist, vor allem angesichts seiner intensiven Recherchen, politisch überraschend naiv.

Timur Vermes: Er ist wieder da. Roman. Eichborn Verlag bei Bastei Lübbe, Köln 2012. 396 Seiten, 19,33 Euro.

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