"Beste Chance" im Kino Fremd und vertraut

Anna Maria Sturm als Kati in "Beste Chance".

(Foto: dpa)

Marcus H. Rosenmüllers "Beste Chance" führt zwei Freundinnen in die Welt hinaus und zurück zu ihren bayerischen Wurzeln. Es ist das dritte Abenteuer von Kati und Jo - und allein dieses Sichtbarwerden der Zeit verleiht dem Film einen unschlagbaren Charme.

Von Doris Kuhn

Mit sechzehn kamen sie nicht in die Disco, mit achtzehn nicht über den Brenner, aber jetzt kommen sie überall hin.

Fünf Jahre sind vergangen im Leben von Kati und Jo, seit wir sie im Film "Beste Gegend" zuletzt gesehen haben. Dreiundzwanzig sind die beiden Heldinnen aus dem Dachauer Land jetzt, und der Regisseur Marcus H. Rosenmüller macht gleich klar, dass sich da mehr verändert hat, als die verstrichene Zeit vermuten lässt. Das Reiseziel "überall hin" ist beispielsweise längst gestrichen, jedenfalls für die meisten jungen Leute aus dem Dorf Tandern, und das ist nicht der einzige Verlust.

Schneise kleinerer Verwüstungen

Auch die alten Freundschaften sind eingeschlafen. Sogar die besten Freundinnen Kati und Jo haben sich verloren, was damit zusammenhängt, dass Kati jetzt in München studiert und Jo noch immer durch Indien trödelt. Bis dann ein paar Anrufe bei Kati deren panische Vorbereitung auf die Abschlussprüfung unterbrechen: Einmal ist die weinende Jo auf dem Anrufbeantworter, einmal ihre weinende Mutter - was genau passiert ist, lässt sich nicht feststellen, aber es muss etwas getan werden. Also leiht Kati sich ein Auto, in bewährter Manier von einem Jungen, der ihr lieber sich selber leihen würde, und brettert heim, zum ersten Mal seit langer Zeit.

Auf dem Weg dorthin löst sich die ganze Starre des Erwachsenseins, die sie befallen hat. Sie wird wieder das Mädchen, das wir von früher kennen, das ihrer Leidenschaft folgt, wo andere Menschen eine Vorsicht spüren. Folgerichtig schlägt Kati als Erstes eine Schneise kleinerer Verwüstungen durch ihr Dorf, wobei ihr alle - die Freunde, die Eltern, das Kinopublikum - geradezu begeistert folgen.

Denn ihre Rückkehr erinnert daran, dass es noch andere Prioritäten gibt als Hausbau, Kinder, Beruf. Trotzdem reagiert niemand richtig forsch auf Katis Appell, Jo zu retten. Die alten Freunde haben wenig Lust, ihre fest gefügten Lebenspläne durcheinanderzubringen, um ausgerechnet nach Indien zu fliegen. Außerdem weiß niemand, in welchen Schwierigkeiten Jo überhaupt steckt, und auch ihr Aufenthaltsort lässt sich nur anhand von ein paar Postkarten erahnen. So fliegt Kati allein - aber immerhin bleibt bei den Tanderner Jungs die Frage zurück, ob sie gerade etwas Wichtiges verpassen.

Die Vereinzelung stört kaum das Vergnügen

Bald folgen jedoch weitere Indienmissionen, denn das Radio weckt mit beunruhigenden Nachrichten die Sorge der Eltern. Jetzt brechen die Väter von Kati und Jo auf, um ihre Töchter zu retten, wobei sie vätertypisch gar nicht daran denken, ob die überhaupt gerettet werden wollen. Das führt dann dorthin, wo solche Unternehmen öfter enden sollten: erst in den Slapstick, dann in die Selbstreflexion. Zum ersten Mal wechselt Marcus Rosenmüller dafür vom regionalen Schauplatz auf fremdes Terrain, aber er bewältigt auch die Ferne mit der stoischen Gemütshaltung des Bayern. Die zwei Väter, angenehm altmodische Touristen, haben zwar Touristenprobleme, aber selbst in Indien gibt es ausreichend Tandern für sie: Wer einen Traktor fahren kann, wird hier nicht untergehen.

Daheim im Dorf erfährt man derweil mehr von den anderen Protagonisten als bisher und weniger von der Freundschaft der beiden Mädchen. Denn Kati und Jo, das ist das Erstaunliche an diesem Film, treffen nicht ein einziges Mal zusammen. Parallel zu Katis Suche in Indien kehrt Jo zurück - was die Verbundenheit der beiden nicht mindert, im Gegenteil. Selbst autonom unterwegs auf unterschiedlichen Kontinenten sind sie noch ähnlich im Handeln und Denken, vor allem, wenn es um den altvertrauten Umgang mit jungen Männern geht. Da scheucht Jo halb Tandern auf: Der Proberaum der Band oder der Hügel hinter dem Dorf, alle Refugien der Vergangenheit werden besucht, und dann sind die Jungs so weit, ihr Liebesleben und ihre Zukunft zu überdenken. Nebenher kann man außerdem feststellen, wie Oberbayern, so leer, braun und matschig es im Spätwinter daliegt, an Schönheit gegen Indien nicht verliert.

Die Vereinzelung der Mädchen stört also kaum das Vergnügen. Marcus Rosenmüller hat in "Beste Zeit" und "Beste Gegend" sein Terrain gut vorbereitet. Man hat eine ganze Bande von Jugendlichen kennengelernt, man konnte sehen, wie sich die Attitüden verändern, aber die Gesichter auch. Was das Heranwachsen aus Menschen macht, sieht man jetzt erneut in "Beste Chance", und allein dieses Sichtbarwerden der Zeit verleiht dem Film einen unschlagbaren Charme. Aber auch der Takt hat sich verändert: Das Nichtstun, das sich durch die ersten beiden Filme zog und so exakt die Lebenshaltung der Teenager wiedergab, ist hier vorbei. Niemand hat jetzt mehr die Muße, einen gelangweilten Blick auf sich selbst zu werfen.

Wer die beiden vorhergehenden Teile nicht kennt, ist hier trotzdem keineswegs verloren. Denn vor allem anderen erfährt man, wie Freundschaften, die bedeutsam sind, die Weichen für das restliche Leben stellen. Was man tut und wie man lebt, das hängt, wenn man Glück hat, mehr mit Freunden zusammen als mit großen Planungen, und die Chance, im Kino daran erinnert zu werden, ist doch das Beste, was ein Film bieten kann.

Beste Chance, D 2014 - Regie: Marcus H. Rosenmüller. Buch: Rosenmüller, Karin Michalke. Kamera: Stefan Biebl. Mit Anna Maria Sturm, Rosalie Thomass, Volker Bruch. Majestic, 102 Minuten.

Entschlossene Männer, fremdelnde Damen

mehr...