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Berühmter Musiker gestorben:Die tiefe Ruhe des Wüterichs

Der Dirigent Nello Santi galt als einer der besten Interpreten von Verdi-Opern. An der New Yorker Met dirigierte er mehr als 400 Aufführungen.

(Foto: imago stock&people)

Der Dirigent Nello Santi, einer der großen Interpreten von Verdi-Opern, ist tot.

Wer Nello Santi bei seiner Arbeit zugeschaut hat, hätte ihm nicht unbedingt das heißeste Temperament attestiert. Je älter und reifer er wurde, desto gelassener verkörperte er am Pult das Gegenteil vom exaltierten Zappelphilipp, den Anti-Hampelmann. Manchmal hätte man fast glauben können, er würde schlafen und nur seine rechte Hand, die präzise den Takt schlug, sei noch wach. Umso erstaunlicher war es, was die Orchester unter seiner Leitung hervorbrachten. Santi konnte sehr, sehr tief in sich ruhen.

Doch ebenso tief in diesem mächtigen Maestro schlummerte ein Wüterich. Es begab sich in München Ende März des Jahres 1982, dass Nello Santi dieses Innere auf eindrucksvolle Weise hervorkehrte. In der Bayerischen Staatsoper stand eine Aida auf dem Programm, eine Repertoire-Vorstellung. Santi dirigierte. Im Zuschauerraum, achte Reihe Parkett, saß ein 21 Jahre alter Sanitätsgefreiter, der die Freizeit gerne in der Oper verbrachte und sich dafür jeden Pfennig absparte, wie die Münchner Abendzeitung (AZ) nach dem verhängnisvollen Abend herausfand. Ebenso berichtete sie, der junge Opernfreund sei Sohn eines Musikkritikers. Beim Schlussapplaus übte er selbst Kritik: Als Santi auf die Bühne kam, bekundete er wegen allzu waghalsiger Tempi durch Buh-Rufe Missfallen. Kurz darauf stand Santi vor ihm. Im Zuschauerraum. Santi nannte den Jüngling einen "asino" (Esel), gab ihm eine Ohrfeige und Santis Ehefrau versetzte ihm Hiebe in die Rippen. Tags darauf leugnete Santi sein Vorgehen gegen den buhenden Zuhörer. "Wenn ich es gewesen wäre", sagte er der AZ "dann hätte ich ihn krankenhausreif geschlagen."

Auch wenn mancher Dirigenten-Kollege ihn nach diesem Vorfall insgeheim noch mehr verehrte als vorher, machte diese Form der Selbstjustiz nicht Schule. Das Amtsgericht München stellte ihm einen Strafbefehl über 6000 Mark zu.

Nello Santis musikalische Qualitäten waren weltweit gefragt. Nachdem er im Jahr 1951 mit Verdis "Rigoletto" debütiert hatte, dirigierte er in London das Symphony Orchestra, in Wien an der Staatsoper, in Zürich, Paris und New York. Santis Diskografie umfasst das italienische Standardrepertoire und noch viel mehr. Im Alter von 88 Jahren ist Maestro Santi am Donnerstag in Zürich gestorben.

© SZ vom 08.02.2020
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