Bernhard Schlinks Roman "Die Frau auf der Treppe" Der verschollene Akt

Bernhard Schlink 2011 bei einer Lesung in Köln: Sein neuer Roman ist ihm spannend, flott und witzig geraten.

(Foto: dpa)

Ein Bild von Gerhard Richter hat ihn inspiriert. Bernhard Schlinks Roman dreht sich um eine Frau, die drei Männer um den Finger wickelt. "Die Frau auf der Treppe" ist eine flotte Komödie über das Ineinandergreifen von Kunst und Leben.

Von Burkhard Müller

Dieser Anwalt ist noch ein rechter Welpe, als ihm der Fall in den Schoß fällt, irgendwann in den Siebzigern. Den Schlichen der charmanten Irene hat er nichts entgegenzusetzen, so wenig wie die beiden anderen, deutlich erfahreneren Männer, die sie um den Finger wickelt. Den erfolgreichen Finanzmann Gundlach hat sie geheiratet, aber mit dem Maler Schwind, dem Star der Zukunft, der sie im Auftrag des Gatten porträtiert, brennt sie durch.

Gundlach rächt sich, indem er diesem Porträt, das er zurückbehalten hat, immer wieder kleine Beschädigungen zufügt. Dann muss Schwind kommen und reparieren, ein Arrangement, das ihn zunehmend in Wut, Verzweiflung und schöpferische Hemmung stürzt. Endlich schließen die Rivalen einen sittenwidrigen Vertrag: Frau gegen Bild, Austausch Zug um Zug, wobei sie allerdings die Rechnung ohne die Wirtin machen.

Differenz zwischen gemaltem Akt und bekleideter Dame

Der Anwalt - der Ich-Erzähler, dessen Namen man nicht erfährt - erblickt das Bild, einen Akt, der die Treppe hinabsteigt, und verliebt sich in das Modell, oder vielmehr in die spannungsreiche Differenz zwischen gemaltem Akt und bekleideter Dame. Er lässt sich überreden, der letzteren beim Diebstahl des ersteren sowie bei der anschließenden Flucht zu helfen.

Irene dreht ihnen allen dreien, dem Gatten, dem Liebhaber und dem scheuen Verehrer, eine lange Nase und taucht samt entwendetem Kunstwerk unter, unauffindbar für Jahrzehnte. (Nicht von ungefähr nennt sie sich später Irene Adler, wie "The Woman", die einzige Frau, die Sherlock Holmes jemals Respekt abnötigt.)

Dann geruht sie, das verschollene Bild an eine Werksschau des inzwischen weltberühmten Schwind in Sydney zu verleihen. Wie sie richtig vorausgesehen hat, setzt sie damit alle drei, ältere bis ziemlich alte Herren nunmehr, in Bewegung. Es kommt zu einer Begegnung, bei der die riesigen Egos der Kontrahenten Gundlach und Schwind, durch ein langes triumphales Leben noch größer geworden als damals, im australischen Busch aufeinanderprallen . . .

Von Gerhard Richters Bild "Ema - Akt auf einer Treppe" inspiriert

Wie er in einer Nachbemerkung gesteht, hat sich der Autor Bernhard Schlink von Gerhard Richters Bild "Ema - Akt auf einer Treppe" inspirieren lassen. Offenbar stark hat er das anmutige Geheimnis dieses Werks empfunden, mit dem Richter nachdrücklich demonstrierte, dass die figürliche Malerei nicht tot sei. Schlink nahm es als Anregung, sich eine Geschichte dazu auszudenken; denn auch beim Erzählen handelt es sich ja vor allem um eine figürliche Kunst.

Diese Geschichte ist ihm spannend, flott und witzig geraten. Die Figuren werden, wie man es von einer guten Komödie erwartet, deutlich durch ihren weitgehend unveränderlichen Charakter umrissen; dabei fehlt auch nicht der Einschlag ins ernste Fach, denn gerade mit der Jüngsten, Irene, geht es zu Ende.

Schlink, der Vergangenheitsbewältiger

Nur an einer Stelle überschreitet das Buch den sonst entschieden gesetzten Rahmen, und zwar dort, wo Irene sich nicht mit der Rolle der Abenteuerin begnügt, sondern sich Gedanken macht über die Befreiung der Frau und der Welt; auch hat sie, ohne dass man darüber Genaueres erfährt, viele Jahre in der linken Terrorszene und dann versteckt in der DDR verbracht.

Hier tönt ansatzweise der andere Schlink durch, der Vergangenheitsbewältiger, der durch die nicht ganz geradlinige Art, wie er im "Vorleser" mit den Nazis und ihren KZs umging, internationalen Ruhm erlangt hat. "Die Frau auf der Treppe" will deutlich weniger und ist darum das bessere Buch geworden.