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Berlusconi-Film:Orgien für Fortgeschrittene

Loro

Silvio Berlusconi (Toni Servillo, rechts) bekommt alle Aufmerksamkeit.

(Foto: DCM)

Der Regisseur Paolo Sorrentino porträtiert in seiner Tragikomödie "Loro" die Welt des Machtmenschen Silvio Berlusconi.

Es ist ein gefährlicher Ausschnitt, den er da ins Visier genommen hat. Das merkt der durch seine Koksnase schniefende Aufschneider aus Tarent gleich. Er ist auf der richtigen Spur, im Schwerkraftbereich der italienischen Macht angekommen. Sie besteht aus lauter kleinen Satelliten, viele davon atemberaubend schön und mit tief ausgeschnittenen Kleidern, die alle um "ihn" kreisen - um "LUI", so steht es in Großbuchstaben auf dem Handydisplay der Schönen, als der italienische Ministerpräsident anruft: Silvio Berlusconi.

Regisseur Paolo Sorrentino arbeitet sich in seinem Film "Loro" mit den Mitteln der Fiktion durch diesen in der Atmosphäre schwebenden Sternenstaub aus Diamanten und Brüsten vor. Er ist das, was vom italienischen Gemeinwesen in den Nullerjahren noch übrig ist, nun stürzt er auf einen einzigen Punkt hin in sich zusammen.

Sorrentino stürzt mit ihm, ebenso wie Sergio, jener Aufschneider aus Tarent. Der gehört zum Berufsstand der Zuhälter und möchte sich mithilfe seiner Dienstleistungen die Gunst des großen Mannes und vielleicht einen Ministerposten sichern. Auch Sorrentino hat für seinen Film viel nacktes Fleisch eingekauft. Die erste Hälfte des Films, als "lui" noch der gottgleich Abwesende ist, besteht aus einer Inszenierung, die Sergio nur dafür geschaffen hat, "seine" Aufmerksamkeit zu erregen. In Sichtweite von Berlusconis Villa feiert er Drogenpartys mit halbnackten Mädchen, die Sorrentino mit seiner katholisch-barocken Lust am Prunk in entrückter Zeitlupe zeigt. Wie in "La Grande Bellezza" treten die von der Kamera gierig aufgesogene Leere der glänzenden Oberflächen und eine negativ sich dagegen abzeichnende Transzendenz irritierend nah zusammen, bevor sie im Gesicht von Toni Servillo gerinnen.

Er ist "er" - Berlusconi. Sein Gesicht bedeckt eine undurchdringliche, ölige Schicht aus Schminke, wie eine Totenmaske, in der sich alles spiegelt. In "La Grande Bellezza" spielte Servillo für Sorrentino einen alternden Autor, der das Geheimnis der existenziellen Leere sucht. Nun, als "lui", hat er es gefunden: grinsend, zerfressen, halbdebil. Zuvor spielte er in Sorrentinos "Il Divo" schon einen anderen Machtpolitiker, den 2013 verstorbenen Christdemokraten Giulio Andreotti, als frettchenhaft durch die dunklen Ecken der Paläste huschendes Männlein. Andreotti war ein Politiker aus einer anderen Zeit, als Unsichtbarkeit und nicht totale mediale Sichtbarkeit den Mächtigen Schutz vor den Konsequenzen ihres Handelns garantierte.

Die von Berlusconi eingeleitete Ära bringt Sorrentino nun mit einer einzigen Szene auf den Punkt. Die Ölfratze will sich versichern, dass sie das Verkaufen noch draufhat, also ruft sie wahllos einen Namen aus dem Telefonbuch an. Eine alte Dame meldet sich - und bekommt ein Haus angedreht, das sie nicht braucht, das noch nicht einmal existiert. Als sie Interesse bekundet und der Beweis erbracht ist, legt Berlusconi auf. Es geht bei diesem Verkaufsgespräch um nichts als um die narzisstische Selbstbestätigung. Berlusconi verkauft sich selbst, an sich selbst. Das ist wahrscheinlich der ultimative "Deal" der "Dealmaker", die die Welt übernommen haben als Ikonen des Kapitalismus. Dessen Prinzipien verkörpern sie so rein, dass der geile Glanz, den sie verströmen, tatsächlich aussieht, als entstamme er einer übernatürlichen Sphäre. Aber natürlich sind diese Götzenpolitiker Menschen. Sorrentinos Film zeigt, was hinter der öligen Maske steckt: Ein alter "cazzo", der Angst vorm Alleinsein hat.

Loro - Die Verführten, Italien 2018 - Regie: Paolo Sorrentino. Buch: Sorrentino, Umberto Contarello. Kamera: Luca Bigazzi. Mit: Toni Servillo, Elena Sofia Ricci, Riccardo Scamarcio. DCM, 145 Minuten.

© SZ vom 15.11.2018

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