Berlins Stadtmitte:Gewaltige Anspruchslosigkeit

Einheits- und Freiheitsdenkmal - Computergrafik

Kann das bestehen? Entwurf für das Freiheits- und Einheitsdenkmal.

(Foto: dpa)

In Berlin ist das Schloss der Republik bald vollendet. Von der versprochenen Stadtreparatur ist allerdings wenig zu ahnen. Es fehlt an Vorstellungen für das Gesamtensemble.

Von Jens Bisky, Berlin

Der linke Berliner Kultursenator Klaus Lederer möchte die Diskussion um das Freiheits- und Einheitsdenkmal auf dem Kaiser-Wilhelm-Sockel noch einmal beginnen und "ganz neu führen".

Der Entwurf von Milla & Partner überzeugt ihn nicht, das jahrelange Hin und Her, sagte er der Deutschen Presse-Agentur, habe dem Vorhaben geschadet. Die Meinung mag man teilen oder nicht, der Bundestag hat das Denkmal beschlossen, eine Jury hat entschieden. Auf Zuruf ist da nichts zu ändern. Der Haushaltsausschuss des Bundestages ist mit dem Versuch, das Projekt wegen angeblicher Kostensteigerungen kalt zu beerdigen, zu Recht gescheitert.

Dennoch ist es misslich, einfach weiterzumachen. Milla & Partner, damals noch gemeinsam mit Sasha Waltz, gewannen den Wettbewerb 2011. Der Grundstein für den Schlossneubau wurde erst zwei Jahre später gelegt. Die städtebauliche Situation hat sich durch den riesigen Neubau verändert. Es sei schwierig, "über einen Entwurf zu urteilen, ohne die Wirkung des fertigen Schlosses wirklich zu kennen", sagt Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, während eines Morgenspaziergangs rund um das Schloss.

Mit der Museumsinsel, dem Haus eins der Staatsbibliothek Unter den Linden und dem Humboldt-Forum ist die Preußenstiftung einer der größten Akteure in der Berliner Mitte. Parzinger schlägt vor, im Sockel, der vom Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal übrig geblieben ist, ein Informationszentrum einzurichten, das die Ereignisse von 1989/90 beleuchten und dabei auch Unterschiede zu früheren Freiheits- und Einheitsbewegungen, etwa von 1848 oder 1871, darstellen könnte.

Die Geschichte des Ortes wird auch ein Thema im Humboldt-Forum sein, aber der dort vorgesehene Platz dürfte kaum ausreichen, dem Schauplatz und seinen vielen Geschichten gerecht zu werden. Und jede Idee, das neue Kulturhaus mit der Stadt ringsum zu verbinden, ist willkommen.

Der Siegerentwurf weckt weder Enthusiasmus noch Widerwillen

Bislang sieht es so aus, als sei da ein Raumschiff aus Beton gelandet, verkleidet mit sorgfältig gefertigten Steinmetzarbeiten. Gewiss, Franco Stellas Schlossentwurf überzeugte vor allem mit einer neuen Nord-Süd-Verbindung durch das Gebäude. Aber diese läuft derzeit noch an beiden Enden, zum Lustgarten zu und zur Breiten Straße hin, ins Leere, auf viel befahrene Straßen.

Gewiss, es gab einen vom Land Berlin ausgelobten Wettbewerb "Freiraumgestaltung Umfeld Humboldt-Forum". Der Siegerentwurf von BBZ Landschaftsarchitekten weckt weder Enthusiasmus noch Widerwillen. Gewonnen haben sie 2013, als vom Schloss noch nicht viel zu sehen war.

Heute klingen Vorschlag und Wunsch Hermann Parzingers nach engerer Abstimmung aller Anlieger überfällig. Wenn schon das Deutsche Historische Museum, die Humboldt-Uni, die Staatlichen Museen, der Dom und viele Kulturinstitutionen mehr in der Nachbarschaft des Humboldt-Forums liegen, dann sollte es doch möglich sein, "eine Vision für das Gesamtensemble, einschließlich Museumsinsel und Unter den Linden zu entwickeln".

Die zeitgenössische Architektur hat eine Chance bekommen - für Luxuswohnungen

Mit dem Land Berlin will und muss Parzinger vor allem über die Verkehrsplanung reden. Auf den Bildern der Landschaftsarchitekten sind keine Reisebusse zu sehen. Sie zeigen überhaupt viel weniger Menschen, als üblicherweise die Häuser der nahen Museumsinsel besuchen und auch ins Forum kommen sollen.

Im Streit um die Rekonstruktion der Schlossfassaden hieß es oft, so könne der Stadtraum wieder hergestellt, die Mitte urban ertüchtigt werden. Das geschieht aber nicht im Bild und nicht von allein.

Dass Kooperationen, Abstimmungen schwierig sind, haben jüngst die Reaktionen auf Parzingers doch keineswegs überraschende oder abwegige Initiative gezeigt, in der Bauakademie ein Haus der Architektur einzurichten. Schinkels Meisterwerk zwischen Schloss und Friedrichswerderscher Kirche könnte endlich wiederaufgebaut werden. 62 Millionen Euro hat der Haushaltsausschuss dafür bewilligt.

Die Stiftung will nicht Träger der Bauakademie werden, befürwortet aber ein Zentrum für Architektur mit Ausstellungen und unter Beteiligung vieler, des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek, der Technischen Universität, der Berlinischen Galerie, der Akademie der Künste.

In der Mitte müsse, hieß es während des Schloss-Streits, die zeitgenössische Architektur eine Chance bekommen. Das ist geschehen. Indem die Chance für Luxuswohnungen genutzt wurde, zerstörte man die gerade sanierte Friedrichswerdersche Kirche, ein Hauptwerk Schinkels in Spuckweite des Schlosses. Dort zeigte die Nationalgalerie klassizistische Skulpturen, bis die Dependance wegen der Bauschäden im Oktober 2012 geschlossen werden musste. Die politische Verantwortung dafür hat, wir sind in Berlin, niemand übernommen.

Ähnliche Misere wie rund um den Hauptbahnhof wird befürchtet

Irgendwann wird die Kirche vielleicht wieder eröffnet, aber, so Parzinger, die weitere Nutzung als Ausstellungsraum scheint schwierig, da sich die Lichtverhältnisse extrem verschlechtert haben. Die Luxusappartements sind dem Bau so nah gekommen, dass der früher wie verzaubert wirkende Innenraum unter Sternengewölbe lange Zeit verdunkelt bleiben wird.

Nördlich der Kirche sind weitere Neubauten erstanden. Manche loben deren ästhetische Zurückhaltung. Parzinger glaubt, dass man angesichts dieser Anspruchslosigkeit gut verstehen könne, warum viele für Rekonstruktionen sind. Berliner befürchten inzwischen, rund um das Schloss könne eine ähnliche Misere wie rund um den Hauptbahnhof Wirklichkeit werden.

© SZ vom 10.04.2017/smb/pak
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