Berliner Volksbühne Wir retten ein Theater

Die alte Volksbühne ist tot, nur wie soll bloß die neue aussehen?

(Foto: Regina Schmeken)

Kollektive Wunschproduktion und Experimente am lebenden Objekt: In der Berliner Akademie der Künste diskutierten Aktivisten, Theaterleute und regierende Politiker über die Zukunft der Volksbühne.

Von Peter Laudenbach

Es gibt in Deutschland bekanntlich um die 40 Millionen fähigere Fußball-Bundestrainer als Jogi Löw, wenn man sie nur ranließe. Nach dem Scheitern Chris Dercons erlebt das Land seit Monaten gefühlt ein ähnlich hohes Aufkommen an Menschen, die ganz genau wissen, was man als Intendant der Berliner Volksbühne zu tun hat. Sie bringen - mal höflicher, mal ruppiger - eigene Ideen, Vorschläge und Forderungen zur Zukunft des Theaters vor. Die Bühne wird dabei zur Projektionsfläche für sämtliche Wünsche nach einer besseren, also mindestens gendergerechten, postkolonialistischen, gentrifizierungsresistenten und basisdemokratischen Gesellschaft. Es wirkt, als würde die anarchische Energie der Castorf-Volksbühne noch nach ihrem Ende weiterstrahlen. Allerdings hat sich Castorf selbst für die Regularien der jetzt in die Debatte eingespeisten politischen Korrektheit bestenfalls zum Zweck ihrer Verhöhnung interessiert. Wer heute über die Volksbühne diskutiert, ist deutlich wohlerzogener und harmonieorientierter, als Castorfs wildes Theater es war.

Einerseits zeugt die Inbrunst der Debatte von einer Identifikation mit dem Theater, die ziemlich einmalig sein dürfte. Andererseits sorgen das offensiv vorgebrachte Partizipationsbegehren wie die Überhöhung der Volksbühne zur Widerstandsfestung für eine heillose Überforderung. Für ihre Verehrer mag die Trutzburg am RosaLuxemburg-Platz der wichtigste Ort des Universums sein, sie ist aber trotzdem nur ein Theater, also ein ziemlich empfindlicher Organismus. Kein Wunder, dass Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) eingestand, dass jede Entscheidung über die zukünftige Intendanz und damit über die Neuausrichtung des Theaters "mit Sicherheit ein Scheitern" mit sich bringen werde. Die Frage sei also nicht, ob, sondern wie man scheitere.

Zumindest für einen Politiker ist das ein erstaunliches Bekenntnis. Noch erstaunlicher war nur der Ort, an dem der Kultursenator über die offenbar noch lange nicht abgeschlossene Suche nach einer tragfähigen Idee für die Zukunft der Volksbühne sprach: Die Berliner Akademie der Künste hatte, unterstützt von Lederers Kulturverwaltung, am vergangenen Wochenende zum zweitägigen Kongress "Vorsicht Volksbühne!" eingeladen, um flächendeckend über "das Theater, die Stadt und das Publikum" zu diskutieren.

Lederer signalisierte damit den Abschied von den einsamen Entscheidungen seines in Kulturangelegenheiten erstaunlich beratungsresistenten Amtsvorgängers, des Regierenden Bürgermeisters Müller und dessen in Berlin-Mitte weltberühmten Kulturstaatssekretärs Tim Renner. Der Kongress war eine Geste des Dialogs, mit der Lederer und die Akademie der Künste dem öffentlichen Nachdenken über die Zukunft der Volksbühne ein Podium gaben. Das mag als Stimmungstest, Deeskalationsstrategie und Einhegungsversuch von Kritik nicht frei von Kalkül gewesen sein, ist aber allemal besser als Renners Hinterzimmer-Stil - und eröffnet womöglich die Chance echter Lernprozesse.

Der Senator saß zwei Tage im Publikum und hörte sich an, was Intendanten verschiedener anderer Theater, frühere Volksbühnen-Besetzer, Wissenschaftler, Volksbühnen-Mitarbeiter und vor allem das aus Aktivisten, Theaterzuschauern und Theaterleuten gemischte Publikum zu sagen hatten. Draußen schien die Sonne auf das Brandenburger Tor und die Touristenströme, drinnen wurden im überfüllten Plenarsaal der Akademie Planspiele zur Neuerfindung des Theaters probiert.

Dass es dabei, etwa beim Auftritt eines einst an der Volksbühne angestellten Hausautors (von dem das Theater nie ein Stück gespielt hat), zu allerlei eitlen Peinlichkeiten kam, war wahrscheinlich unvermeidlich. Auch die Allgemeinplatzdichte der gut gemeinten Wünsche nach "Zugewandtheit und Mut" (Ulrich Khuon), "echter Beteiligung" und "kollektiver Wunschproduktion" (Kathrin Tiedemann vom Forum Freies Theater Düsseldorf), einem "Kunsthaus" (Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard) oder einem "neuen Projekt" (Thomas Oberender) gehört zur Kulturbetriebs-Routine. Und das obligatorische Schwelgen in Erinnerungen an die Castorf-Schlingensief-Pollesch-Fritsch-Abenteuer gab's natürlich auch wieder reichlich. Aber eben doch auch vieles Bedenkenswerte zur Frage, wie die künftige Intendanz und der Weg zu ihrer Berufung beschaffen sein sollen.

Die Zerstörung der Volksbühne als arbeitsfähiges Theater ist für Lederer keine Option

Die Theaterwissenschaftlerin Evelyn Annuß, die Initiatorin der von 40 000 Unterzeichnern getragenen Petition zum Erhalt der Volksbühne als Ensembletheater, forderte etwa die Einrichtung eines "Beratergremiums", das nicht nur mit der Intendantensuche, sondern auch noch mit Analysen zu Stadtsoziologie, Gentrifizierung, und politisch-ästhetischer Theorie zu beauftragen sei. Für Silvia Fehrmann vom Künstlerprogramm des DAAD war klar, dass eine Findungskommission gender-quotiert und international besetzt sein muss. Ohne jede Menge beschriebenes Papier und bürokratische Verregelung scheint Partizipation nicht mehr zu haben zu sein. Ein Vertreter des Besetzerkollektivs "Staub zu Glitzer" verlangte dagegen höflich die Überlassung einer Nebenspielstätte. Die Frage, was die Besetzer damit denn konkret vorhätten, beantwortete er mit dem Versprechen einer "kollektiven Intendanz", die Kongresse, Diskussionen und ein Plenum nach dem anderen planen werde. So wird die Dauerdebatte zum Selbstzweck und im "Staub und Glitzer"-Wunschdenken das Theater zur Geisel eines Plenum-Ersatzparlaments für Leute, die gerade nichts Besseres zu tun haben. Die Selbstermächtigungsgesten der kollektiven Wunschproduktion zeigen vor allem, dass sie nur um den Preis der Zerstörung der Volksbühne als arbeitsfähiges Theater zu realisieren wären. Das allerdings, gab Lederer zu erkennen, sei für ihn keine Option. Es sind schließlich die Theaterprofis, die in der Debatte für Sachkenntnis und Nüchternheit sorgen. Die "Staub zu Glitzer"-Fantasie, dass jeder ein Theater leiten könne, zerbröselte, als Ulrike Köhler, die Leiterin der Kostümabteilung der Volksbühne, von ihrer Arbeit an diesem besonderen Haus berichtete. Sie plädierte dafür, dass jeder tun solle, was er am besten könne. Schließlich sei Theater ein hochgradig arbeitsteiliger Prozess.

Wer auf den Podien fehlte, waren die prägenden Künstler der Castorf-Volksbühne. Sie waren eingeladen worden, hatten aber unabhängig voneinander abgewunken. René Pollesch sagte gegenüber der SZ: "Ich glaube Lederer, dass er an Transparenz und einer offenen Diskussion interessiert ist. Ich selbst weiß im Augenblick nur nicht, wie eine gute Lösung aussehen könnte." Für Pollesch ist bloß klar, dass die alte Volksbühne zerstört ist und alle Versuche, sie wiederzubeleben, zum Scheitern verurteilt wären. Er kann sich vorstellen, in ein paar Jahren wieder dort zu inszenieren "wenn die Leute dort okay sind". Vielleicht ist es ja eine Option, ihm den Prater, eine Zweitbühne in Prenzlauer Berg, zu überlassen, wenn dessen Sanierung in zwei Jahren abgeschlossen ist.

Die Akademie-Diskussion war so außergewöhnlich wie die derzeitige Lage des Theaters. Nach Dercons abruptem Abgang im April muss der Kommissarische Intendant Klaus Dörr nun ohne zeitlichen Vorlauf und ohne Ensemble einen Spielplan für die beiden kommenden Spielzeiten stemmen. Erste Pläne klingen eher nach Notlösungen für die Übergangszeit: Neuinszenierungen von Leander Haußmann und Susanne Kennedy, die als Überbleibsel der Dercon-Volksbühne jetzt in einer seltsamen Situation ist. Dazu kommen Gastspiele wie Edgar Selges Houellebecq-Monolog "Unterwerfung" oder "Das 1. Evangelium" von Kay Voges. Die Gastspiele, für die die Volksbühne deutlich weniger zahlen muss als üblich, sind auch Akte praktischer Solidarität befreundeter Theaterleute, die dem von Dercon in den Abgrund gewirtschafteten Theater helfen wollen.

Andere Vorhaben Dörrs könnten wiederum langfristige Perspektiven eröffnen. Dazu gehört der Plan, die Choreografin Constanza Macras mit mindestens einer Neuproduktion und der Wiederaufnahme einer älterer Arbeit an das Theater zu binden - eine Entscheidung, mit der Dörr an die politische Haltung und die eher subkulturell-plebejische als bildungsbürgerliche Kunst der Castorf-Volksbühne anknüpft. Selbiges gilt für seinen nicht ganz unkomplizierten Versuch, Inszenierungen von Herbert Fritsch ("Die spanische Fliege") und Christoph Marthaler ("Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter") wiederaufzunehmen. Wenn es gut läuft, wird die Volksbühne unter Dörr wieder zu einem funktionierenden Theater. Gegen Ende des Jahres will Lederer verraten, wer das Haus 2020, nach Dörrs Übergangsintendanz, leitet.