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Berliner Volksbühne:Auf dem Opferaltar

Pinar Karabulut inszeniert Eugene O Neills Dreiteiler Mourning Becomes Electra (Trauer muss Elektra tragen) an der Volksbuehne Berlin. Premiere: 16. Oktober 2020.; Mourning becomes Electra
von Eugene O'Neill

Überspitzter Mystery-Thriller in Splatter-Manier: Paula Kober als Lavinia in Eugene O'Neills "Mourning becomes Electra".

(Foto: david baltzer / bildbuehne.de)

Pınar Karabulut, die neue Hausregisseurin der Münchner Kammerspiele, hat in Berlin einen unterhaltsamen Horrortrip inszeniert.

Von Anna Fastabend

Mittendrin lüftet die Regisseurin Pınar Karabulut höchstpersönlich einen Vorhang. Dahinter eine mondäne Bar, in der Götter und ihre Opfer einen draufmachen. Bei Karabulut sind das Fetischnonnen und Jean-Paul-Gaultier-Matrosen, die Lust auf einen Cocktail wecken. Aber das geht natürlich nicht, denn es ist Coronazeit und das Ganze bloß eine Filmszene über der Spielfläche der Volksbühne Berlin. Trotzdem macht dieser Abend enorm Laune: "Mourning becomes Electra" ist ein extrem unterhaltsamer, fast dreistündiger Horrortrip, der einem die griechische Mythologie näher bringt als mancher Klassiker und auch wegen seiner popkulturellen Zitatschlacht großen Spaß macht.

Am Anfang ist auf einer riesigen Leinwand über der Bühne das Intro eines Films zu sehen. Ein Volvo flitzt über eine Landstraße, links und rechts Felder, Windräder am Horizont. Das Intro zeigt eine typische Familienheimfahrt, die einem schon mal die Kehle zuschnüren kann. So geht es jedenfalls der Hauptfigur Lavinia, die ihrem toten Vater Lebewohl sagen muss. Da ihre Mutter die Ehe mit ihm nicht aushielt, hat sie ihn kurzerhand umgebracht. Nun liegt er mausetot auf einem von Kunstblumen und Kerzen umsäumten Opferaltar. Doch die Mutter ist nicht die einzige Täterin, auch ihr neuer Lover, ein Verwandter des Vaters, hatte seine Finger im Spiel. Und jetzt ist Lavinia natürlich auf Rache aus ...

Zwei echte Sensationen: Paula Kober und Sabine Waibel spielen witzig und charismatisch

So weit, so gut. Dennoch wird jetzt nicht die ganze verworrene Geschichte des Hauses Atreus-Mannon rekonstruiert. Grundlage der Familientragödie ist die "Orestie", sie inspirierte den US-amerikanischen Dramatiker Eugene O'Neill zu einem düsteren Kammerspiel, das am Ende des Sezessionskriegs spielt und interessanter ist als jeder High-Society-Skandal. Verbotene Liebschaften, Intrigen, Morde, Inzest oben drauf - schon steckt man knietief im Ödipus- und Elektrakomplex, dessen verheerende Auswirkungen einem nun satirisch überspitzt vor Augen geführt werden, zuerst in Form eines trashigen Mystery-Thrillers. Den hat der Videokünstler Leon Landsberg hinter den Kulissen des Theaters gedreht. Dort liefern sich Paula Kober als Lavinia und Sabine Waibel als ihre Mutter einen bitterbösen Schlagabtausch nach dem nächsten: "Du gemeine, schamlose, blöde Bitch!" - "Du Teufel! Du gemeine kleine - !" Das Grandiose dabei ist, wie detailverliebt sie ihre Rollen ausfüllen. Während Kober mit vorgeschobener Unterlippe ganz das trotzige Mädchen mimt, gibt sich Waibel als Mischung aus Perlen-Paula und Milf, ständig hin- und hergerissen zwischen Contenance und Explosion.

Überhaupt hat Karabulut mit den beiden zwei echte Sensationen engagiert: charismatisch, witzig und immer eine Spur drüber - wie das Stück selbst. Und sie können sich dank der raffinierten Schnitttechnik auch noch wie von Geisterhand bewegen, springen vom Spiegel zur Chaiselongue und wieder zurück. Zusammen mit den anderen gruseligen Spezialeffekten befördert einen das geradewegs in einen schrillen Albtraum, in dem Naturgesetze keine Rolle spielen.

In diesem Fall ist es der Albtraum einer Sammelwütigen, die nicht geizig ist mit Anspielungen und Requisiten: Hier eine Reminiszenz an den Film "Kill Bill" - Kostümbildnerin Teresa Vergho hat Kober für die zweiten Hälfte des Abends einen Uma-Thurman-Gedächtnis-Overall verpasst -, da eine Adaption von Britney Spears' Song "Work Bitch", außerdem Porzellankatzen, ausgestopfte Tiere, goldene Schatullen. Bei einem derart wilden Mashup ist es fast ein Wunder, dass keine einzige Szene konfus oder überladen wirkt, im Gegenteil. Karabulut platziert jede Beigabe mit Bedacht.

Die Leinwand fährt hoch und der Showdown beginnt. Und zwar auf einer sich erbarmungslos drehenden Spielfläche, in deren Mitte Bühnenbildnerin Michela Flück ein Kopf stehendes Einfamilienhaus platziert hat. Fast hat man das Gefühl, vor einer Edward-Hopper-meets-James-Turrell-Installation zu sitzen, derart surreal und Unheil verkündend wirkt die Szenerie. Und tatsächlich wird diese Bühne zum Tatort: Lavinia und ihr aus dem Krieg heimgekehrter Bruder stechen den mütterlichen Liebhaber ab, und so geht es in bester Splatter-Manier weiter.

Das Stück mündet in der Zaubershow einer dilettantischen Hexe

Doch die Toten denken gar nicht daran, von der Bühne zu verschwinden. Daher hält Malick Bauer, der den Liebhaber spielt, nach dessen Ableben einen minutenlangen Monolog über strukturellen Rassismus. Bauer ist einer von wenigen schwarzen Schauspielern der deutschen Theaterszene und freut sich, die ungeteilte Aufmerksamkeit endlich mal für sich allein zu haben.

Auch sonst entfernt sich dieser Abend zusehends von seiner Ausgangslage und mündet in einer absurden Zaubershow, in der Kober eine herrlich dilettantische Hexe spielt, die den ganzen New-Age-Influencerinnen in den sozialen Medien in nichts nachsteht. Und "ene, mene, muh" steht sie plötzlich allein da - jedoch nicht als eine dem Untergang geweihte Serienkillerin, sondern als blutverschmierte, aber befreite Frau. Ein echter Karabulut halt.

© SZ vom 20.10.2020

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