Berliner Theatertreffen Viele Hirten, eine Maria

Wo sind sie, die Regisseurinnen? Das Berliner Theatertreffen diskutiert die "Burning Issues": Wie kann Theater gerechter werden?

Von Christine Dössel

Mit einer Adaption des Kindheits-romans "Das große Heft" von Ágota Kristóf ging am Montag das 56. Berliner Theatertreffen zu Ende: wuchtvolles, emotional erschütterndes Erzähltheater in der Regie von Ulrich Rasche. Die Zwillingsbrüder, aus deren Sicht diese Geschichte einer Abhärtung durch Krieg und Not erzählt wird, sind vervielfacht zu einem 16-köpfigen Männerchor, der auf zwei riesigen, rotierenden Scheiben in stets neuen Formationen marschiert und skandiert. Angetrieben von der Musik und der peitschenden Härte der Sprache. Eine Produktion des Staatsschauspiel Dresden, die einen kalt am Kragen und am Herzen packt. Und die am Ende der zweiwöchigen Besten-Schau des deutschsprachigen Theaters einen Höhe- und Schlusspunkt setzt.

Die Inszenierung mit den virilen Darstellern und Musikern und nur einer einzigen Frau, einer Violinistin, ist am Ende aber auch wie eine beweiskräftige Fuß(tritt)note zu dem, was bei diesem Theatertreffen heiß diskutiert wurde: die Einführung einer Frauenquote bei der künftigen Auswahl der zehn "bemerkenswertesten" Inszenierungen und die Frage nach der Repräsentation von Frauen im noch immer stark auf Männer fixierten, von Männern dominierten Theaterbetrieb.

Da, wo Rasche und seine Schauspieler mit einem mitternächtlichen Publikumsgespräch das Theatertreffen beendeten, waren in den Tagen zuvor Scharen von Frauen versammelt, Teilnehmerinnen der Konferenz "Burning Issues" zum Thema Gender(un)gleichheit. Was für ein Auftrieb und buntschöner Anblick! 450 Theaterfrauen aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland bevölkerten im Haus der Berliner Festspiele die Hallen, den Garten, die Podien, auch die benachbarte Universität der Künste. Um jene Themen ("issues") zu besprechen, die ihnen auf den Nägeln brennen.

Gibt es wirklich nicht mehr Regisseurinnen, die einladungswürdig sind?

Die gleichnamige Konferenz wurde vor einem Jahr von der damaligen Bonner Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp und der Schauspielerin Lisa Jopt in Bonn ins Leben gerufen und war auf Anhieb ein solcher Erfolg, dass die zweite Auflage der "Burning Issues" nun ins Theatertreffen eingebettet wurde. Dort, wo Frauen nur ganz selten vertreten sind. Seit der Gründung des Festivals 1964 stammten überhaupt nur 11,7 Prozent der Inszenierungen von Frauen. Die ersten eingeladenen Regisseurinnen (von insgesamt 27) waren 1980 Pina Bausch und Ellen Hammer. Das sind himmelschreiende Zahlen. Auch in diesem Jahr waren sieben von zehn Inszenierungen von Männern, und das obwohl die Theatertreffenjury inzwischen mehrheitlich weiblich besetzt ist und es ein verschärftes Geschlechterbewusstsein gibt.

Teilnehmerinnen der Burning Issues-Sektion bei den Berliner Festspielen, dem Theatertreffen 2019: Die Konferenz zu Gender(un)gleichheit diskutierte Möglichkeiten eines diversen Theaters.

(Foto: Sophie Wanninger)

Bei den Nominierten handelt es sich neben Rasche um schon oft eingeladene Platzhirsche mit bekannten, markanten Regiehandschriften wie Simon Stone ("Hotel Strindberg"), Ersan Mondtag ("Das Internat"), Sebastian Hartmann ("Erniedrigte und Beleidigte") und den gerne mit Nebel spielenden Thom Luz ("The Girl from The Fog Machine Factory"); außerdem Christopher Rüping mit seinem zehnstündigen Münchener Antiken-Marathon "Dionysos Stadt" und - beim Theatertreffen ein Neuling - Thorsten Lensing mit einer starbesetzten Adaption des Mammutromans "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace, die genau so auch schon vor zehn Jahren hätte inszeniert und eingeladen werden können.

Dagegen nur drei Arbeiten von Regisseurinnen: die Molière-Überschreibung "Tartuffe oder das Schwein der Weisen" von Claudia Bauer, die interaktive Performance "Oratorium" zum Thema Gentrifizierung und Erben von dem Frauenkollektiv She She Pop sowie "Persona" von Anna Bergmann, eine deutsch-schwedische Koproduktion nach dem Film von Ingmar Bergman, die tatsächlich so etwas wie einen "weiblichen Blick" aufzeigt.

Im Zentrum zwei Frauen, die mit ihren Rollenbildern hadern und ihre weibliche Identität hinterfragen. Die eine, Elisabet, ist eine plötzlich verstummte Starschauspielerin, die andere, Alma, ihre plappernd sich ihrer selbst vergewissernde Krankenschwester. Gespielt werden sie von Corinna Harfouch vom Deutschen Theater Berlin und ihrer schwedischen Kollegin Karin Lithman vom Stadsteater Malmö, zwei berückend einnehmende Protagonistinnen, die je nach Aufführungsort die Rollen tauschen. Der muschelartige Raum, in dem die beiden Frauen im Wasser planschen und sich ineinander spiegeln und gespiegelt werden, hat etwas von einer Mutterhöhle. Das ist so feminin und intim, so irisierend und befremdend, mitunter auch melodramatisch kitschig und stereotyp, jedenfalls im Gesamttableau so weiblich anders, dass diese Inszenierungsart, ob man sie mag oder nicht, die Sehgewohnheit herausfordert, ins Schwimmen bringt. Angesichts der theatertrefflichen Wiederkehr des Fast-Immergleichen, ist das durchaus bemerkenswert. Auch wenn sich hier eine Regisseurin mal wieder an der Vorlage eines Mannes abarbeitet.

Gibt es wirklich nicht mehr Regisseurinnen, die einladungswürdig sind? Man mag es kaum glauben. Yvonne Büdenhölzer, die Leiterin des Theatertreffens, hat für die nächsten zwei Jahren eine Quote verfügt - aus Frust über die Einladungspolitik und zur Maßregelung der Jury (wie es den Anschein hat, aber das sagt sie natürlich nicht): Mindestens die Hälfte der zehn ausgewählten Stücke sollen von Frauen oder überwiegend weiblichen Kollektiven kommen. Große Begeisterung bei den meisten "Burning Issues"-Frauen, aber man muss das nicht automatisch gutheißen.

„I’ll be your mirror“: Corinna Harfouch (vorne) und ihre schwedische Kollegin Karin Lithmann in Anna Bergmanns Inszenierung „Persona“. Ein Vexierspiel mit weiblicher Identität, nach einem Film von Ingmar Bergman.

(Foto: Arno Declair)

Kulturstaatsministerin Monika Grütters lehnt die Quote aus guten Gründen ab. In ihrer Konferenzrede kritisierte sie die Vermischung von Qualitätskriterien mit strukturellen Vorgaben als "kontraproduktiv". An oberster Stelle stehe die "Autonomie der Kunst". Die Quote werde dazu führen, dass eine Inszenierung nur deshalb nicht eingeladen wird, weil sie von einem Mann ist. Wohingegen jede eingeladene Regisseurin "im Verdacht steht, ihre Einladung mehr ihrem Geschlecht als ihrer Leistung zu verdanken. Männer sind über derlei Zweifel völlig erhaben".

Ansonsten gab sich die Kulturstaatsministerin jedoch als flammende Unterstützerin der "Burning Issues" und verwies auf ein ins Leben gerufenes Mentoring-Programm. In Schweden hat man damit gute Erfahrungen gemacht, davon berichtete Nina Röhlcke, Kulturattachée der schwedischen Botschaft in Berlin. Wurden von den 37 Theatern des Landes 2004 nur zwei von einer Frau geleitet, waren sieben Jahre später, nach einer Mentoring-Initiative des Kulturministers, 20 in Frauenhand.

"Female Empowerment", mehr Transparenz, Teilhabe, Respekt - wie kann das gehen?

In Deutschland war es Grütters, die jene wichtige Studie "Frauen in Kultur und Medien" in Auftrag gab, die 2017 das diffuse Gefühl, dass da etwas extrem schiefläuft, mit ernüchternder Statistik untermauerte. Mit Fakten wie diesen: dass nur 22 Prozent der Intendanzen weiblich besetzt sind, dass Inszenierungen zu 70 Prozent von Männern gemacht werden. Seither ist einiges in Bewegung geraten, nicht zuletzt durch das Ensemble-Netzwerk, das inzwischen laut Mitbegründerin Lisa Jopt schon mehr Mitglieder hat als der Deutsche Bühnenverein. Und auch die "Burning Issues" haben in vielen Köpfen Funken gesprüht.

Die Anliegen beider Initiativen sind in der Schnittmenge dieselben: Es geht um mehr Diversität auf der Bühne wie in den Strukturen; um gerechte Bezahlung von Männern und Frauen (Gender Pay Gap); um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch da geht Schweden vorbildlich voran, wie die Malmöer Intendantin Kitte Wagner eindrücklich berichtete.

"Female Empowerment", mehr Transparenz, Teilhabe, Respekt, eine bessere Ensemblekultur - wie kann das gehen? In Gesprächsrunden und Workshops wurden dazu Erfahrungen und Ideen ausgetauscht. Diesmal auch mit Männern. Intendantinnen wie Barbara Mundel und Anna Badora berichteten von der "gläsernen Decke", Schauspielerinnen von der Angst, nicht mehr besetzt zu werden, sobald sie den Mund aufmachen. Von fehlenden weiblichen Vorbildern war die Rede, fehlenden weiblichen Rollen, fehlender Solidarität. Schon beim Krippenspiel lernen Frauen: Es gibt nur eine Maria, aber viele Hirten, "und wenn ich diese Rolle spielen will, kann ich sie nicht der Freundin gönnen, sondern brauche Ellbogen", so Nicola Bramkamp. Eine Erfahrung, die sich beim klassischen Stückekanon mit den wenigen starken Frauenrollen tendenziell fortsetzt. Warum muss, so lautete eine der brennenden Fragen, dieser Kanon mit seinen überkommenen Geschlechterbildern überhaupt immer wieder reproduziert werden?

Am Ende keine Lösungen, aber viele gute Anregungen. Zum Beispiel: Selbstverpflichtungen der Theater, Offenlegung der Gagen, Schutz der Ensemblevertretungen, Einführung von Feedback-Runden. Noch haben die "Burning Issues" keinen Flächenbrand entfacht. Doch die Fackel ist angezündet, und sie wird weitergetragen.