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Berliner Theatertreffen 2020:Quotenfrauen-Stempel abgeschwächt

Haus der Berliner Festspiele

Das Haus der Berliner Festspiele in Berlin, Festivalzentrum des Theatertreffens.

(Foto: dpa)
  • Mindestens 50 Prozent der Inszenierungen beim diesjährigen Theatertreffen müssen von Regisseurinnen sein.
  • Bei den Frauen fällt auf, dass gehypte Jungregisseurinen wie Leonie Böhm oder Pınar Karabulut nicht dabei sind.
  • Das Theatertreffen holt 2020 einiges Verpasstes nach - und ist in anderen Dingen vornedran.

Erstmals in seiner 56-jährigen Geschichte hat sich das Berliner Theatertreffen eine Frauenquote verordnet. Mindestens 50 Prozent der zehn "bemerkenswerten" Inszenierungen müssen von Regisseurinnen stammen - eine umstrittene Zwangsmaßnahme der Festivalchefin Yvonne Büdenhölzer, die damit nicht nur einen Blickwechsel bei der Auswahl, sondern einen generellen Strukturwandel in der deutschsprachigen Theaterlandschaft anstoßen möchte. Denn dort herrscht bei Inszenierungen noch immer ein Geschlechterverhältnis von 70 (regieführenden Männern) zu 30 (regieführenden Frauen). Entsprechend waren Regiefrauen bei der Berliner Besten-Schau bisher krass unterrepräsentiert: Lediglich 11,7 Prozent der eingeladenen Arbeiten in den vergangenen 56 Festivaljahren waren von Regisseurinnen.

Diesmal also die Frauen im Fokus. Nominiert wurden: Katie Mitchell, Anne Lenk, Claudia Bauer, Florentina Holzinger, Helgard Haug und Anta Helena Recke. Das sind nicht nur quotenbedingte fünf, sondern gleich sechs Regisseurinnen - womit bei den Auserwählten der befürchtete Quotenfrauen-Stempel abgeschwächt wird. "Wir hatten einen unglaublich starken Frauenjahrgang", sagt flankierend dazu Festivalchefin Büdenhölzer.

Bleiben vier Männer. Dass Johan Simons mit "Hamlet" dabei sein würde, war eine sichere Bank. Schließlich wird dieser Bochumer Hamlet von der fabelhaften Sandra Hüller gespielt, die dafür den Berliner Theaterpreis erhält. Bei den anderen handelt es sich um Theatertreffen-Debütanten: Antonio Latella, Toshiki Okada und Alexander Giesche. Wobei der Italiener Latella und der Japaner Okada beileibe keine Greenhorns mehr sind. Beide sind mit Arbeiten aus München nominiert, auf die man nicht gewettet hätte. Latella mit seiner vom Publikum teils aggressiv aufgenommenen "Göttlichen Komödie" am Residenztheater (noch unter der Intendanz von Martin Kušej), in der er den gewaltsamen Tod Pier Paolo Pasolinis mit Dantes Werk verschränkt. Eine - abgespielte - Inszenierung in schwuler Hardcore-Ästhetik. Es ist die wohl frappierendste Setzung in einer insgesamt verblüffenden, betont weg von jeglichem Mainstream gehenden, den Diskurs provozierenden, etwas arrogant exzentrischen Spezialauswahl.

Gehypte Jungregisseurinnen wie Leonie Böhm sind nicht dabei

Okadas Einladung ist ja eigentlich überfällig. Warum der Japaner mit der ausgefallenen Sprech- und Bewegungschoreografie nun ausgerechnet mit "The Vacuum Cleaner", seiner vierten, sicher nicht stärksten Inszenierung an den Münchner Kammerspielen ausgewählt wurde, weiß der Himmel. Es geht um japanisches Familienleben, speziell um das Phänomen der Hikikomori. Intendant Matthias Lilienthal, ein Liebling der Jury, darf sich noch über eine weitere Nominierung seines Hauses freuen: Anta Helena Reckes performative Installation "Die Kränkungen der Menschheit" - ein, mit Verlaub, ärgerlich unterkomplexer, mit seiner Affensymbolik hyperdeutlicher Bilderzyklus über den weißen, männlichen, eurozentrischen Blick. Recke war schon 2018 mit ihrer Schwarzkopie von "Mittelreich" beim Theatertreffen und besetzt dort die Sparte Diversität und kulturelle Appropriation.

Nimmt man die Auswahl als Maßstab, dann ist München mit gleich drei Einladungen Bundesliga-Meister, und für die Kammerspiele, die ja tatsächlich einen guten Lauf haben, ist es eine Untermauerung des 2019-Labels "Theater des Jahres". Aber das Ganze ist natürlich, wie immer, anfechtbar und lässt sich größtenteils mangels Sichtung noch nicht bewerten.

Alexander Giesches "Der Mensch erscheint im Holozän", ein "visual poem" nach Max Frisch, ist jüngst erst am Schauspielhaus Zürich herausgekommen. Dort sind Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg neu am Ruder - der einzige Intendanzstart, der sich in der Auswahl niederschlägt. Nichts vom Burgtheater unter Kušej, nichts vom Münchner Resi unter Andreas Beck. Kein Ulrich Rasche diesmal, kein Sebastian Hartman, kein Milo Rau.

Bei den Frauen fällt auf, dass gehypte Jungregisseurinnen wie Leonie Böhm oder Pınar Karabulut nicht dabei sind. Dafür die verlässlich starke Katie Mitchell, die schon dreimal beim Theatertreffen war. Diesmal kommt sie mit "Anatomie eines Suizids" (Schauspielhaus Hamburg), einem düsteren Frauenstück über Depression von der Britin Alice Birch. Auch Claudia Bauer, deren groteske Auffrischung des Fünfzigerjahre-Dramas "Süßer Vogel Jugend" von Tennessee Williams ausgewählt wurde (Schauspiel Leipzig), ist in Berlin kein Neuling. Ebenso wenig wie Helgard Haug, die zum Kollektiv Rimini Protokoll gehört, bei "Chinchilla Arschloch, waswas" aber alleine Text und Regie verantwortet. Es ist ein (von vielen koproduziertes) Stück mit und über Menschen mit Tourette, herausgekommen am Schauspiel Frankfurt.

Anne Lenk ist mit "Der Menschenfeind" vom Deutschen Theater Berlin dabei. Auch das hätte man nicht vermutet. Molière, der zweite Klassiker in der Auswahl. Angeblich ist in Lenks Version Franziska Machens als Célimène die Protagonistin, nicht der Alceste von Ulrich Matthes. Im harten Kontrast dazu steht Florentina Holzinger mit ihrem weiblichen Extremtheater. In "Tanz", einer europaweiten Koproduktion, kommen elf nackte Frauen dem romantischen Ballett mit Splatter, Action und Akrobatik bei - nicht jugendfrei. Auch bei ihr holt das Theatertreffen dieses Jahr Verpasstes nach: Seit Jahren ist sie eine der provokantesten Performerinnen und wird von 2021 an mit René Pollesch an der Volksbühne arbeiten.

© SZ vom 29.01.2020/tmh
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