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Berliner Staatsballett:Tanz in den Untergang

Das Berliner Staatsballett protestiert gegen die Doppelspitze mit Sasha Waltz, doch der wahre Grund für die Wut liegt woanders.

Das Ballett ist eine Traditionskunst mit akademischen Standards. Wenn jemand Einlass begehrt in seine hehren Hallen, gar Führung beansprucht, obwohl er nicht mit dem Spitzenschuh groß geworden ist, droht scheinbar der Untergang des Abendlandes. Jedenfalls in Berlin. Kaum eine Woche nachdem der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller die Choreografin Sasha Waltz an die Spitze des Berliner Staatsballetts berufen hat, ist aus der Personalie ein kulturpolitischer Eklat geworden.

Das Ensemble geht auf die Barrikaden, per Protestkundgebung und Netz-Petition. Es fürchtet eine Art feindlicher Übernahme und will Waltz, die sich die Leitungsposition von 2019 an mit Johannes Öhman teilen soll, dem derzeitigen Direktor des Königlich Schwedischen Balletts, unter keinen Umständen akzeptieren. Sie sei "ungeeignet", heißt es, und ihre Ernennung beschädige den "Ruf des Staatsballetts als einer weltweit anerkannten klassischen Ballettcompagnie".

Den Tänzern und Tänzerinnen des Staatsballetts muss entgangen sein, dass der Ruf längst gründlichst ruiniert ist. International spielt die Kompanie seit Jahren keine Rolle mehr. Mit London, Paris, Mailand, Moskau kann sie nicht konkurrieren, auch im Vergleich zu Stuttgart oder Düsseldorf ist sie nicht satisfaktionsfähig. Weil in Berlin einem antiquierten Ballettbegriff gehuldigt wird, der die Klassiker mumifiziert. Weil in Berlin gegenwartstüchtige Tanzmacher bislang nur in Ausnahmefällen zum Zug kommen. Weil in Berlin auf Vladimir Malakhov, den chronisch adoleszenten Tanzprinzen auf dem Intendanten-Thron, der Choreograf Nacho Duato folgte - mit selbst gestrickter Depotware im Gepäck, aber ohne Lust, Saft, Kraft, etwas Neues zu schaffen.

Dieses Desaster haben Berliner Politiker zu verantworten, die das Staatsballett in die Opernstiftung steckten und ihm weder Fürsorge noch Respekt angedeihen ließen. Der rabiate Ton, den die Tänzer in ihrer Online-Petition anschlagen, ist das Echo vieler Demütigungen, die ihnen selbst widerfahren sind. Müllers Vorgänger Klaus Wowereit und seinem Adlatus André Schmitz reichten 2013 ein paar DVDs und der Besuch einer "Dornröschen"-Aufführung von Duato, um ihn zum Chef der Truppe zu küren. Für diesen fahrlässig-dilettantischen Umgang mit Deutschlands größtem Ballettensemble zahlen jetzt Müller, sein Staatssekretär Tim Renner, Waltz und Öhman die Zeche.

Das Ensemble hat erst einmal entschieden, dass Waltz eine Fehlbesetzung ist - allerdings in Wahrheit nicht so unisono, wie es das lauthals verkündet. Andersmeinende äußern sich öffentlich aber nicht. Ist die Ablehnung in der Sache begründet? In Antwerpen hat vor einem Jahr Sidi Larbi Cherkaoui, Star der zeitgenössischen Tanzszene, die Leitung des Flandern-Balletts übernommen. Es gab keinen Aufschrei, es gibt keine Katastrophenmeldungen. Im Gegenteil, Cherkaouis Programm-Mix aus Tradition und Innovation scheint zu funktionieren. Weil er davor, genau wie Waltz, oft und lang genug mit klassischen Spitzenkompanien gearbeitet hat, als Grenzgänger zwischen Staatstheater und dem eigenen Kollektiv "Eastman" hin- und hergependelt ist, das weiterhin besteht. Auch Sasha Waltz will an ihren Produktionen für Sasha Waltz & Guests festhalten. Ihr daraus einen Strick zu drehen, wie es nun geschieht, heißt, einen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen, statt sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: Welches Profil soll das Staatsballett künftig haben?

Dabei scheinen die alarmierten Tänzer samt ihren Unterstützern völlig zu übersehen, dass Waltz als Teil eines Tandems antritt, gleichberechtigt und -verantwortlich mit Johannes Öhman: klassisch ausgebildet, später Ballett-Solist in Basel und Stockholm, wo er nun seit 2011 die royale Tanzkompanie dirigiert. Und das mit Umsicht, mit klassischer Expertise und experimentellem Wagemut. Genau das plant Öhman auch in Berlin und weiß sich darin einig mit der Ko-Intendantin.

Die Tänzer müssen kapieren, dass ein hoch subventioniertes Theater kein Mitbestimmungsladen ist

Waltz erklärte auf der Pressekonferenz vor einer Woche, sie sehe die gemeinsame Mission darin, eine "bewegte Kunstsammlung" zu kuratieren - ein Haus, in dem "von Rembrandt bis Ai Weiwei" alles Platz findet. Genau das ist, umgemünzt aufs Tanzrepertoire, Aufgabe eines Staatsballetts.

Die Münchner haben das unter Ivan Liška hinbekommen, genau wie das Ballet de l'Opéra de Paris bis 2014, unter dem Vorsitz von Brigitte Lefèvre. Noch als Ballerina war die spätere Directrice in den Achtzigerjahren Teil der Groupe de recherche choréographique, die innerhalb des Ballettrahmens mit führenden Köpfen der Avantgarde arbeitete, von Merce Cunningham bis Maguy Marin. Sage niemand, radikal zeitgenössische Choreografen taugten nicht fürs Ballett! Vor ihrem Ausscheiden aus dem Direktorenamt wurde Lefèvre nach den eindrucksvollsten Choreografen ihrer Zeit gefragt. "John Neumeier, Pina Bausch, William Forsythe, Sasha Waltz", lautete die Antwort. Eine Aussage, die der Anti-Waltz-Fraktion zu denken geben sollte.

Unabhängig davon wird Sasha Waltz, deren Werke bisweilen das Erhabene mit dem Pathetischen verwechseln, beweisen müssen, dass die Künstlerin hinter der Ko-Intendantin zurückstehen kann. In dem Zusammenhang ist es keine gute Idee, dass Waltz bis 2024 fünf bereits existierende Stücke ins Staatsballett-Repertoire einspeisen und drei eigene dazulegen soll. Wer auf Vielfalt setzt und das Sagen hat, muss anderen, auch jungen Choreografen Wege ebnen. Umgekehrt müssen die Staatsballetttänzer kapieren, dass ein hoch subventionierter Theaterbetrieb kein Mitbestimmungsladen ist. Und der Regierende Bürgermeister Müller und sein Kulturstaatssekretär Renner, die am Dienstag nochmals bekräftigten, dass sie bei ihrer Entscheidung bleiben, müssen beide Seiten schnell ins Gespräch bringen. Tanzleute sind schließlich Drama-Profis, auf und hinter der Bühne.

© SZ vom 14.09.2016

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