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Berliner Schaubühne:Zu viel Liebe

Schaubühne

Wer treibt es am tollsten? Joachim Meyerhoff und Bastian Reiber (von links).

(Foto: Thomas Aurin)

Das Publikum feiert "Amphitryon" als Abschied von Regisseur Herbert Fritsch und Ankunft des Schauspielers Joachim Meyerhoff.

Herbert Fritsch ist ein Schlitzohr. Nach anderthalb Stunden meisterlich zubereitetem Theaterspaß unterlegen seine beiden Musiker, der Haus- und Hofkomponist Ingo Günther und die Percussionistin Taiko Saito, den Applaus mit einer treibenden Melodie, die wie beim Grand Finale im Zirkus schneller wird, und alle klatschen schneller mit. Das sei jetzt ein riesiger Erfolg gewesen, soll das wohl heißen, und als dann noch ein Paket aufgerissen wird und der Regisseur herausschlüpft, gibt es kein Halten mehr. Klar, die Schauspieler lieben ihn, weil sie Faxen machen dürfen, und das Publikum liebt ihn, weil sie Faxen sehen dürfen und sich dabei nicht schämen müssen wie bei einer schnöden Stand-up-Comedy. Aber man fühlt sich nach der Premiere von "Amphitryon" nach Molière an der Berliner Schaubühne auch ein wenig zwangsbespaßt.

Jedes Haus braucht seinen Pausenclown, wobei damit nicht gemeint ist, dass Herbert Fritsch und sein Faxenmacher-Ensemble nur Blödsinn machen um des Blödsinns Willen. Quatschmachen hat immer auch eine ausgleichende, ja friedensstiftende Funktion, weil so ein intellektueller Haufen wie ein Theaterbetrieb ansonsten vermutlich implodiert. "Amphitryon" aber sei, nach drei vorherigen Arbeiten, die wohl letzte Arbeit des Volksbühnenvertriebenen an der Schaubühne, hört man vor Beginn. Nicht, weil etwas vorgefallen sei, aber die Zusammenarbeit zwischen Haus und Künstler sei beendet, und etwas Neues in Berlin habe Fritsch noch nicht.

Da ist es gut, dass mit Joachim Meyerhoff ein neuer Pausenclown ans Theater gekommen ist, denkt man sich. Dem vormaligen Burgschauspieler eilt allein durch seine vier autobiografischen Bestseller ein Ruf voraus. Meyerhoff ist einer, der dem größten Schlamassel einen komischen Anstrich geben kann. In einem Interview mit dem Standard spricht Meyerhoff davon, dass er sich auch ein Projekt ohne Regisseur vorstellen kann - womit man ihn auch als konsequente Weiterentwicklung von Fritsch begreifen könnte. Erst kommt der Regisseur, dann der Schauspielerregisseur Fritsch, dann der Schauspieler Meyerhoff, der es ohne Anleitung machen will.

Das hätte bestimmt auch bei "Amphitryon" gut funktioniert, dieser klassischen Verwechslungskomödie, in der sich Molière zum einzigen Mal einen antiken Stoff vornahm. Nachdem er wegen seines religionskritischen "Tartuffe" Probleme bekommen hatte, habe er ein bisschen weniger anspielungsreich texten wollen, heißt es.

So ist diese 1668 in Paris uraufgeführte Komödie schnell erzählt: Der Gott Jupiter hat es auf die schöne Alkmene abgesehen und gibt sich als ihr Gatte Amphitryon aus. Immer an seiner Seite sein Gehilfe Merkur, der so tut, als ob er Amphitryons Diener wäre. Als die beiden Originalmänner aus dem Krieg heimkehren, ist das Chaos perfekt, und es passiert, was bei Fritsch-Abenden immer passiert: Der große Klamauk geht los, der aber zugleich auch eine Überbietungsspirale der Schauspielkunst ist, und das wirkt im Zuschauersaal ein bisschen anstrengend.

Das Bühnenbild kann rascheln, man kann es abreißen und zum Beispiel einer nervigen Figur in den Mund stopfen

Das Kostümdesign ist natürlich hinreißend, ein echter Victoria Behr, schrill, neonpink und orange, barockig, eine gelungene Mischung aus Provinz-Karneval und Harald Glööckler. Auch die Bühne, wie stets von Fritsch selbst, kann sich sehen lassen mit ihren an die alte Theatertradition angelehnten Auf- und Abgängen aus regenbogenfarbenen Papiervorhängen, die die Beleuchtung in eine glamourös-kitschige Showbühne verwandelt, nach hinten verjüngt für den dramatischen Auftritt. Dieses Bühnenbild kann rascheln, man kann es abreißen und einer nervigen Figur, wie Cleanthis, die von Carol Schuler als Lady-Gaga-Verschnitt interpretiert wird, in den Mund stopfen.

Großartig wie Klavier und Schlagwerk ganz stummfilm-like die Stimmung der nächsten Szene vorgeben: So wirkt das Figurenensemble mal wie in einem Rosamunde-Pilcher-Set und mal wie in einem von James Bond. Die Schauspieler interpretieren die Szenen völlig frei, geben sich mal als perverser Priester und Lustknabe, mal als Bonnie und Clyde, obwohl das mit dem Inhalt nur im Entferntesten zu tun hat, was dem Konflikt eine wunderbare zusätzliche Ebene gibt. Die Slapsticknummern werden manchmal zu minutenlangen Schattenkämpfen, in denen Bastian Reiber alias Merkur sämtliche Kampfsportarten vorführt. Und die Musikeinlagen bewegen sich ideal zwischen Herbert Grönemeyer und Helene Fischer.

Das Dilemma an diesem Schauspielertheater der Extraklasse ist aber, dass es wie ein Wettbewerb wirkt: Wer von den Darstellenden treibt es am tollsten - und dies verstärkt durch die Doppelgängerschaft? Wer kann den Diener Sosias besser: Meyerhoff, der ihn im Original spielt, oder Reiber, der in dessen Rolle schlüpft? Wer ist der größere Pausenclown? Eindeutig Meyerhoff, werden die einen sagen: Wie er die Szene mit der ausgedachten Kriegsstory spielt, mit seinem viel zu langen Ärmel, den er dabei als Alkmene-Attrappe benutzt. Oder geht der Sieg eindeutig an den Fritsch-Wiedergänger Reiber? So dauerbekifft, wie der die ganze Zeit geschaut hat, dieses dicke Engelchen mit der Ausstrahlung des Tatortreinigers aus dem Fernsehen oder eines Türstehers vor einer Dorfdisco.

Und so amüsiert man sich eine Dreiviertelstunde ganz prächtig. Als sich die komischen Nummern dann aber wiederholen, schauen die ersten auf die Uhr, den Kranich gab es schon und auch diesen Hampelmanntanz. Und jetzt? Eingefleischte Fritsch-Fans stört das natürlich nicht. Die Zuschauer der Schaubühne werfen zum Schlussapplaus Rosen auf die Bühne. Sie lieben Fritsch und Meyerhoff sehr. Manchmal, so scheint es, haben sie schon gelacht, bevor es richtig losging.