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Berliner Schaubühne:Heimat in der Fremde, fremd in der Heimat

Das "Festival Internationaler Neuer Dramatik" nimmt die Krisengebiete ins Visier. Herausragend ist Caroline Guiela Nguyen.

In diesem Ferienhaus aus Glas und Holz und Offenheit und schönstem Siebzigerjahre-Mobiliar sehen Familientragödien doch gleich viel moderner aus als in den Plüsch-Salons des 19. Jahrhunderts. Natürlich beherrschen die Bewohner dieses gebauten Transparenz-Versprechens den verständnisvollen Umgangston, der den Verzicht auf patriarchale Autoritätsgesten so freundlich signalisiert wie die Freischwinger und Hängeregale im großzügigen Wohnzimmer. Der seit einigen Jahren gehypte Simone Stone hat Figuren, Motive und Handlungsstränge aus Ibsen-Dramen für sein "Ibsen Huis" zum Cocktail einer verunglückten Familienaufstellung verrührt und, zumindest an der Deko-Oberfläche, ins 20. Jahrhundert versetzt.

Mit dem "Ibsen Huis"-Gastspiel der Touneelgroup Amsterdam ging am vergangenen Sonntag das "Festival Internationaler Neuer Dramatik" (FIND) an der Berliner Schaubühne zu Ende. Leider verrutschen Stone die Ibsen-Figuren zu effektbewusst arrangierten Klischeelieferanten. Weil er sich, anders als Ibsen (oder Thomas Ostermeier in viel konturschärferen Ibsen-Aktualisierungen), kaum für innerfamiliäre ökonomische Abhängigkeiten und bürgerliche Statuskämpfe interessiert, muss als zuverlässiger Schocklieferant sexueller Missbrauch im scheinbar sozialdemokratisch befriedeten Ambiente einer niederländischen Architektenfamilie herhalten. Dass das Glashaus auf der Drehbühne an Stones Basler Erfolgsinszenierung "Drei Schwestern" mit ihrer Tschechow-Aktualisierung zitiert, verstärkt den Eindruck von handwerklich gekonntem, aber inhaltlich eher leer laufenden Stil-Recycling.

Das Festival hätte einen überzeugenderen Abschluss verdient. Der Einblick ins internationale Gegenwartstheater, den FIND in diesem Jahr mit Künstlern unter anderem aus Japan, Südafrika, England, dem Libanon, Spanien, den Niederlanden, Australien, Chile, Griechenland, Frankreich, Israel und Vietnam liefert, ist längst einer der wichtigen Termine in Berlins Theaterkalender. Festival bedeutet hier neben den üblichen Funktionen von Kontaktbörse, Party-Zone, Selbstfeier vor allem: Arbeitstreffen. Wer wollte und über die nötige Kondition verfügte, konnte in gut zwei Wochen 14 zum Teil aufwendige Produktionen sehen - ein Kraftakt, für den das Theater jedes Jahr um die Finanzierung aus Drittmitteln kämpfen muss. Wenn die in ihren Themen und Stilmitteln sehr heterogenen Aufführungen dieses Jahres etwas verbindet, ist es ein nervöses Krisenbewusstsein, sei es im Intimbereich wie bei Stones "Ibsen Huis", sei es bei gesellschaftlichen Großkonflikten wie den kulturellen Codierungen des Rassismus in Ntando Celes Solo "Black Off" oder den Mustern politischer Gewalt im brüchigen Frieden nach dem kolumbianischen Guerilla-Krieg in "La Despedida" von Mapa Teatro aus Bogotá.

Wie sich individuelle, künstlerische und gesellschaftliche Krisenzustände kurzschließen lassen, erkundet der libanesische Regisseur und Autor Wajdi Mouawad mit "Inflammation du verbe vivre", einem Versuch, eine antike Tragödie ins Rezessions-Athen der Gegenwart zu versetzen. Wajdi Mouawad baut ein verwirrendes Spiegelkabinett auf: Sein Monolog vor Filmaufnahmen verknüpft ins Stocken geratene Theaterproben, den Tod eines Freundes, Obdachlose und Selbstmörder in der griechischen Wirtschaftskrise, "Philoktet" von Sophokles und eine Reise ins Totenreich. Das ist trotz einiger Passagen von poetischer Kraft vor allem reichlich prätentiös. Angesichts der realen Opfer der verheerenden Austeritätspolitik in Griechenland, die nebenbei herbeizitiert werden, wirkt dieses düstere Raunen etwas zu selbstverliebt.

Die große Entdeckung ist die vietnamesisch-französische Regisseurin Caroline Guiela Nguyen mit dem französisch-vietnamesischem Ensemble ihrer umwerfenden Inszenierung "Saigon" aus Paris. Das hyperrealistische, sich über die Bühnenbreite erstreckende Vietnam-Restaurant steht gleichzeitig in Saigon und Paris, in der Heimat und im Exil. Wir bewegen uns mit Imbiss-Betreibern und -Besuchern im Jahr 1956, als die französischen Besatzer und ihre Kollaborateure Vietnam verlassen mussten; und in den Exiljahrzehnten bis 1996, als die Emigranten erstmals nach Vietnam zurückkehren konnten. Das Restaurant wird zur Zeitschleuse, in dem sich die Biografien mit Liebesgeschichten und Sehnsüchten, dem Überleben im Alltag und der Einsamkeit des Exils begegnen. Es wird eine große Ballade erzählt, mit scheinbar beiläufigem, dabei sehr genauem und darin eindringlichem psychologischen Realismus. Caroline Guiela Nguyen ist eines der großen jüngeren Talente des europäischen Theaters.