Süddeutsche Zeitung

Berliner Literaturfestival:Nickende Köpfe

Fifty Shades of Queer: Das Internationale Literaturfestival Berlin diskutiert über Gender und postkoloniale Theorie.

Von Corinne Orlowski

In der vergangenen Woche hat das Oberste Gericht in Indien entschieden, dass Homosexualität nicht mehr unter Strafe gestellt werden darf. Das stärkt nicht nur die Rechte von Schwulen und Lesben, es ist auch ein Akt der Dekolonialisierung. Denn der Paragraf 377, der den "Geschlechtsverkehr wider die Natur" mit dem Höchststrafmaß belegte, stammt aus der englischen Kolonialzeit.

Fünfzig Jahre nachdem sich die meisten afrikanischen und asiatischen Länder von ihren Kolonialherren befreit haben, hebt die endlich in den gesellschaftlichen Diskurs vorstoßende Dekolonisierung die Schmerzen und Traumata ins Bewusstsein, die durch Gewalt, Unterdrückung und Verfolgung entstanden sind. Die westliche Dominanz ist immer noch spürbar, auch wenn die physische Unterwerfung beendet wurde, dauert die geistige, allein schon in Sprache und Gesetz, weiter an.

Mit der Frage, wie koloniale Spuren in Literatur, Wissenschaft und im Alltagsleben sichtbar gemacht werden können, beschäftigtsich die Reihe Decolonizing Wor:l:ds im Rahmen des diesjährigen Internationalen Literaturfestivals Berlin. In einem zweiteiligen Talk am Samstag ging es speziell um die Verbindung von Dekolonisierung und sexueller Orientierung, Gender und Identität. Der Andrang des vor allem jungen Publikums im Kreuzberger Aquarium war groß. Auf dem Podium saßenAutorInnen und AktivistInnen, unter ihnen Akwaeke Emezi aus Nigeria, Mbali Matandela aus Südafrika, Zairong Xiang aus China oder Lana Sirri aus Palästina. Sie alle kommen aus einem akademischen Umfeld, lehren an Universitäten auf der ganzen Welt.

Rasch ist unstrittig: Kolonialismus existiert auch heute, Rassismus, Xenophobie, Gewalt und Unterdrückung sind täglich erfahrbar. Doch ebenso rasch wird das Problem der Gesprächsrundedeutlich. Jeder der hier formulierten Standpunkte hat seine Wichtigkeit, jedes Statement wird von zustimmendem Nicken des Publikums begleitet. Etwa, wenn Musa Okwonga, Journalist und Autor über die Komplexität und Vielfalt des afrikanischen Kontinents spricht, über die Schwierigkeiten der queeren Bewegung, länderübergreifend solidarisch zu sein und wie notwendig es wäre, eine gemeinsame "Sprache" zu finden. Oder wenn Zethu Matebenis erläutert, dass sie als schwarze, lesbische Frau in Südafrika kaum einen "safe space" findet und auch deshalb weiterhin eine Distanz zwischen sich und ihrer Kultur spürt.

Gern würde man darüber im Detail mehr erfahren, aber die Statements bleiben isoliert, eine produktive Diskussion entsteht nicht, selten wird der wissenschaftliche Kontext verlassen. Ein Dialog mit dem Publikum kommt nicht zustande. Das mag auch an der Seminaratmosphäre liegen, in der niemand sich traut, Fragen zu stellen oder Einspruch zu erheben. Eine Nachfrage zum historischen Kontext der queeren Bewegung in Afrika wird mit einem Verweis auf einen Essay beantwortet. Das Publikum scheint überfordert angesichts der Komplexität des Themas.

Auch der zweite Teil, der sich dem Feminismus und der "Intersektionalität", also der Überlagerung und dem Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen widmet, wird nicht konkreter. Wie passen all die in diesen zwei Stunden vorgetragenen Perspektiven zusammen? Wie kann bewegungsübergreifend und gemeinsam Widerstand gegen Unterdrückungsstrukturen und Machtmissbrauch geleistet werden, obwohl Begriffe wie "queer" für alle derart Bezeichneten eine andere Bedeutung haben? Und was hat das Publikum davon? Wie kann sich eine weiße, heterosexuelle Frau wie die Berichterstatterin um Inklusion bemühen?

Immer häufiger integrieren Literaturfestivals Veranstaltungsreihen wie diese, um politische Diskurse aufzugreifen. Das ist gut und wichtig. Doch geht es dabei oft arg akademisch zu. Was möglich ist, wenn der Brückenschlag zur Literatur gelingt, zeigte sich, als Musa Okwonga sein bewegendes Gedicht Love, Against Homophobia vortrug und Akwaeke Emezi über ihren neuen Roman Süßwasser sprach, der gerade in der Übersetzung von Anabelle Assaf und Senthuran Varatharajah im Eichborn Verlag erschienen ist. Es waren die Momente, in denen Dekolonisierung und Sexualität greifbar wurden, in denen die Wunden und Stärken der immer noch Unterdrückten zu fühlen waren, in denen die Dringlichkeit der Akzeptanz aller Minderheiten bewusst wurde.

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Quelle:
SZ vom 11.09.2018
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