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Berliner Ensemble:Blut, Boden, Bauernstube

Andreas Döhler spielt den Bauern Christoph Rott als verzweifelten Brüter (links), Ingo Hülsmann ist eine Freude als Killer (rechts).

(Foto: Matthias Horn)

Michael Thalheimer inszeniert am Berliner Ensemble den Alpen-Reißer "Glaube und Heimat". Das Ergebnis ist fatal.

Von Peter Laudenbach

Wenn man sich angesichts der Ausfälle rechtspopulistischer Politiker gegen liberale Kunst und weltoffenes Theater fragt, wie denn wohl ein Theater nach AfD-Geschmack aussehen könne, ist man bei dem einst viel gespielten österreichischen Dramatiker Karl Schönherr an der richtigen Adresse. Urige Tiroler Bergbauern, harte, schweigsame Männer, aufopferungsvoll liebende Frauen bevölkern seine Stücke. Es fehlt nicht an heimatverbundener Archaik in dieser vormodernen Welt der eisernen Gewissheiten, unangekränkelt von Werterelativismus, Emanzipation, Individualisierung und anderem neumodischem Kram.

Dass die Nazis Schönherrs Werke schätzten, war völlig verdient und alles andere als ein Missverständnis. Kein Wunder, das sich der Dramatiker im Alter problemlos mit ihnen arrangieren konnte. Dass ausgerechnet das Berliner Ensemble jetzt sein damaliges Erfolgsstück "Glaube und Heimat" von 1910 aufführt, ist eine bizarre Spielplanentscheidung.

Das Stück hält, was der Titel verspricht. Weil sie ihren protestantischen Glauben nicht aufgeben wollen, werden Tiroler Bauern im Zuge letzter Ausläufer der Gegenreformation im frühen 19. Jahrhundert aus ihrer Heimat vertrieben. Die heutige Alltagskleidung der Darsteller in Michael Thalheimers Inszenierung könnte man mit viel gutem Willen als vagen Verweis auf die Gegenwart und ihre Flucht- und Vertreibungsbewegungen verstehen.

Zentralfiguren sind die Familie des Kleinbauern Christoph Rott, den Andreas Döhler mit großer Kraft und noch größerem Feingefühl als verzweifelten Brüter spielt, den Blick abwärts Richtung Erde (oder Hölle) gerichtet. Sein Gehirn arbeitet langsam, aber mit stoischer Konsequenz. Auf ein bewegliches Denken in Alternativen ist es nicht angelegt. Jeder seiner Sätze scheint aus einem langen Grübeln und Schweigen aus ihm herauszubrechen, ein erdschwerer Mann, der sich über die Unausweichlichkeit seines Schicksals keine Illusionen macht. Stefanie Reinsperger macht aus seiner Gattin eine bei aller Emotionswucht unsentimentale Frau. Der kleine Sohn (Laura Balzer) ist so lebensfroh, das es mit ihm in dieser düsteren Umgebung kein gutes Ende nehmen kann.

Der Einzelne als Teil einer Glaubens- oder Volksgemeinschaft. Das spendet Trost und Sinn

Rott ist evangelisch, verbirgt seinen Glauben aber, um der Vertreibung aus seiner Heimat zu entgehen. Als eine evangelische Nachbarin (Kathrin Wehlisch) mit der Bibel in der Hand von einem katholischen Schergen (immer eine Freude als Killer: Ingo Hülsmann) niedergemetzelt wird, bricht es aus Rott heraus. Er bekennt seinen Glauben, er kann nicht anders, die Tragödie nimmt ihren Gang. Dass der und die Einzelne nichts als Teil einer Glaubens- oder Volksgemeinschaft ist, dass sie über ihr Leben nicht verfügen, ist in Schönherrs Alpental eine harte, aber auch Sinn und Trost liefernde Gewissheit. Vielleicht handelt es sich bei seinem Heimatdrama, frei nach Botho Strauß, um einen Fall von anschwellendem Steinbocksgesang.

Natürlich ist der Regisseur Michael Thalheimer auch in dieser wohlig in den schaurigen Freuden der Archaik badenden Inszenierung ein Könner und großer Wirkungstechniker, der mit einem Hochleistungsensemble ohne Umwege auf den Schmerzpunkt, den Konflikt, den Moment größtmöglicher Heftigkeit zusteuert. Ein ironischer Umgang mit dem Stoff, eine Dekonstruktion des ideologischen Giftmülls ist ganz offenkundig nicht seine Angelegenheit. Statt Ideologiekritik gibt es Pathos: Nebelschwaden und Regen im spärlichen weißen Streiflicht, ein bedrohlich wabernder und dröhnender Soundtrack (Musik: Bert Wrede), dazu Schauspieler, die sich mit BE-Perfektion Tiroler Dialekt draufgeschafft haben und die knorrigen Typen Schönherrs mit Freude an der herben Figurenzeichnung ausstanzen.

Auch die Bühne (Nehle Balkhausen) ist eine einzige wuchtige Pathosformel: ein die gesamte Höhe einnehmender Quader mit Blechwänden auf der Drehbühne, an den Seiten eine schmale Bank, eine Mischung aus Opferaltar und ins Monströse und Abstrakte gewachsener Bauernstuben-Kachelofen. Man kann das als Versuch verstehen, in Schönherrs Tiroler Milieu-Enge eine antike Tragödie zu entdecken.

Bleibt die Frage: Wie kann sich ein bedeutender Regisseur bei der Stoffwahl so entschlossen ins Reaktionäre verrennen? Was Thalheimer, den Tragiker des deutschen Theaters, mit dem Antimodernismus des Schnitzler-Zeitgenossen und -Antipoden Schönherr verbindet, ist das Misstrauen gegen die Feinheiten der Individualpsychologie und zivilisierende Affektkontrolle. Der Regisseur pflegt seit langem durchaus mit Lust am Abgrund ein düsteres Menschenbild, das unter der Oberfläche der Zivilisation stets die Barbarei und das enthemmte Tier vermutet. Diese Faszination an der Bestialisierung der Menschen geht mit Schönherrs Blut-und-Boden-Dramatik eine ungute Allianz ein. Das Ergebnis ist fatal.

© SZ vom 09.12.2019
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