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Berliner Baustellen:Türme für Trockland

Komische Oper, Checkpoint Charlie, Kulturforum: Berlin besteht auch aus dem, was nicht gebaut wird - und den Vorschlägen von Stephan Braunfels.

Und der Mann, der am Ende dieses Jahres die Berliner Architekturdebatten bestimmt, heißt: Stephan Braunfels.

Weil von dem Erbauer der Pinakothek der Moderne in München und des Paul-Löbe-Hauses des Bundestags zuvor in diesem Jahr hier eher nicht so viel die Rede war, mag das einerseits ein wenig überraschend sein. Andererseits aber auch wiederum nicht, und zwar aus denselben Gründen. Insider hatten schon vor Wochen gemutmaßt, dass es kein gutes Zeichen für das Gesamtverfahren ist, wenn Braunfels so ostentativ keine Rolle spielt wie beim Wettbewerb zum Umbau der Komischen Oper. Tatsächlich hat er das Verfahren jetzt durch eine Klage vorerst gestoppt. Was war passiert? Braunfels hatte vor Jahren schon im Direktauftrag der damaligen Intendanz das Foyer und den Garderobenbereich mit minimalinvasiven Mitteln optisch aufgewertet, war aber nun zu dem Wettbewerb über den anstehenden Großumbau nicht eingeladen worden - anders als 15 besonders namhafte Büros aus dem In- und Ausland, die als Teilnehmer sozusagen gesetzt waren, während andere, nicht weniger namhafte, sich um 35 weitere Plätze bewerben mussten.

Gegen diese offenkundige Willkür und Intransparenz war Braunfels zu Felde gezogen und hatte gegen das ganze Verfahren Einspruch erhoben. Der Wettbewerb soll nun im nächsten Jahr noch einmal ausgeschrieben werden, wobei die bisherigen Teilnehmer durch ihren Vorlauf in einem Vorteil sind, den die anderen grundsätzlich nicht mehr aufholen können, gleichzeitig aber selbst Grund zum Unmut äußern, weil der Senat sie an ihren Projekten bis kurz vor dem Abgabetermin ohne Vorwarnung weiter werkeln lassen hatte, obwohl längst klar gewesen sein muss, dass der Wettbewerb gekippt werden würde.

Touristen besuchen den ehemaligen Berliner Grenzübergang und heutige Gedenkstaette Checkpoint Charlie. 25.10.2019, Berli

Blick von Berlin-Mitte nach Kreuzberg, hinweg über den einstigen Grenzübergang. Was braucht die Gegend? Freiflächen? Ein Hotel? Ein Museum des Kalten Krieges? Sozialwohnungen?

(Foto: imago images/Dirk Sattler)

Außerdem bestätigte die Finanzverwaltung, dass es noch einen Rechtsstreit um ein angrenzendes Grundstück entlang der Glinkastraße gibt, das von einem Privatbesitzer im Tausch gegen die bisherigen Verwaltungsbauten Unter den Linden erworben werden sollte, und dieser Tausch wäre tatsächlich wichtig, um die etwas versteckt liegende Komische Oper auch städtebaulich besser einzubinden. Weitere Querelen sind hier also jetzt schon abzusehen. Aber selbst, wenn man sich unter den bisher beteiligten Architekten umhört, dann wird Braunfels in der Sache größtenteils recht gegeben: Der Senat wollte durch eine in ihrer Undurchsichtigkeit fast schon wieder durchsichtige Einladungspolitik auf möglichst kurzem Weg in die internationale Liga von Architekten wie Rem Koolhaas vorstoßen, bekam es nun dadurch aber eher mit einer Art Michael Kohlhaas zu tun, der gegen die gutsherrenartigen Zustände in den Vergabestellen streitlustig in einen Krieg zieht, den auch die gerechtfertigt finden, denen selbst Zeit, Lust und Nerven dafür fehlen.

Wer will denn schon im Auflaufgebiet der Selfiestick-Touristen wohnen?

Die zweite Wortmeldung von Braunfels betraf dann das Geschehen rund um den ehemaligen Grenzübergang Friedrichstraße, der nach dem Jargon der amerikanischen Streitkräfte heute allgemein Checkpoint Charlie genannt wird. Auf diese terminologische West-Dominanz des Blicks hatte übrigens der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl aufmerksam gemacht, als er zusammen mit der Architektin Theresa Keilhacker wiederum Einspruch gegen das dortige Verfahren erhoben hatte. Zur Erinnerung: Die Freiflächen, auf denen einst die Grenzabfertigungsbaracken standen, waren nach der Wende an Investoren verkauft worden, die bankrott gingen, der Investor Trockland hatte die Grundschulden übernommen, mit einer Kaufoption, die er bisher aber nicht gezogen hat, weil er seine Absicht, dort unter anderem ein Hard-Rock-Hotel zu errichten, gegen Kritik nicht durchsetzen konnte. Nicht nur die Gruppe um Keilhacker und Flierl monierte die fehlende Ernsthaftigkeit der Bürgerbeteiligung und hätte lieber die Freifläche erhalten. Auch das Landesdenkmalamt hätte am liebsten, dass der damals militärisch freigeholzte Raum zwischen den ikonisch gewordenen Brandwänden so bleibt, wie er ist. Dummerweise hatte der Senat mit Trockland auch den Bau eines Museums zum Thema Kalter Krieg vereinbart, gewissermaßen als Seriositätsausgleich zur Frivolität eines Hard-Rock-Hotels an diesem ohnehin vom Selfiestick-Tourismus überbeanspruchten Ort. Nun ist das Hotel mit dem etwas unwürdigen Namen zwar vorerst vom Tisch, aber das Museum, für dessen Thematik es bereits nicht wenige andere Museen gibt in Berlin, das blieb nicht nur, sondern es soll nun statt unterirdisch im Keller der Investoren überirdisch errichtet werden, wo es wie eine störrische Großtante, die man nicht mehr ausladen kann, den Gedenkfeierlichkeiten der Leere dummerweise im Weg steht. Auf das Angebot eines Privatinvestors, das Museum in seinem direkt benachbarten Haus unterzubringen, um so den Freiraum wirklich frei zu halten, wurde vom Senat erstaunlicherweise bisher überhaupt nicht eingegangen.

Der Bebauungsplan, den Berlins Bausenatorin Katrin Lompscher entwerfen lassen hat und der Anfang Dezember vom Senat beschlossen wurde, sieht nun allerdings nicht nur das Museum vor, sondern auch Sozialwohnungen.

Auch das ist einerseits überraschend und andererseits wiederum nicht. Lompscher hat sich lange genug anhören dürfen, dass sie zu wenig für die Schaffung günstigen Wohnraums getan habe, speziell in der Innenstadt. Und mehr Innenstadt als am Checkpoint Charlie geht nun einmal kaum. Gleichzeitig ist aber mehr als umstritten, ob selbst Leuten mit kleinem Einkommen überhaupt zuzumuten ist, in einem derartigen Touristenauflaufgebiet wirklich wohnen zu müssen. So kann jetzt niemand so richtig glücklich sein, aber so ist das in Berlin ja häufig.

Braunfels hat mehrere Hochhausformen entworfen, auch diese verdrehten.

(Foto: Stephan Braunfels Architekten BDA)

Hier nun Auftritt Stephan Braunfels: In diese Gemengelage hinein hat der Architekt nun Vorschläge für zwei Hochhäuser links und rechts der Friedrichstraße platziert. Der Architekturessay mit dem launigen Titel "Zwei Türme für Charlie" beruft sich unter anderem darauf, dass schon die Obergutachter vor einem Jahr für zwei 60 Meter hohe Türme an dieser Stelle plädiert hatten. Das hat nicht nur städtebauliche Gründe, obwohl ein kleines Hochhaus-Cluster an dieser Stelle sicher schon aus rein ästhetischen Gründen interessant wäre. Zugleich melden auch die städtischen Wohnungsunternehmen, dass sie mit der Vorgabe, innerstädtisch günstigen Wohnraum zu schaffen, ihre Baukosten nicht decken können, sofern sie nicht massiv den Anteil an teuer vermietbaren Gewerbeflächen ausweiten können, was wiederum zu einer Zunahme der Baumassen in die Grenzbereiche des rechtlich Zulässigen führt. Am Checkpoint Charlie wurden dem Investor nun auch von Lompscher noch Türen dafür offengelassen. Zwar sind Hochhäuser hier im Augenblick nicht geplant, könnten aber in der Zukunft noch als Option geprüft werden. Trockland ist offensichtlich immer noch interessiert zu bauen. Ein Hotel kann also weiterhin nicht ausgeschlossen werden, und ob Stephan Braunfels, der schon mal großzügig Türme in mehreren Varianten (kubisch, verdreht, kristallin, sogar Davidsterne nachformend) entworfen hat, am Ende auch wirklich der Architekt sein darf, ist so ungewiss wie bei der Komischen Oper.

Das Übereinander der verschiedenen Städte kann für Kopfsausen sorgen

Nur wenige Kilometer weiter weg, am Kulturforum, musste derweil hektisch vor Ablauf des Kalenderjahres noch der erste Spatenstich für ein Museum des zwanzigsten Jahrhunderts getan werden, von dem ebenfalls noch lange nicht so sicher ist, ob es am Ende auch wirklich fertig gebaut werden wird - warum und was stattdessen dort geschehen sollte, darüber ist übrigens gerade ein großer Architekturessay veröffentlicht worden, Autor: Stephan Braunfels. Währenddessen zeigt sich nun also auch am Checkpoint Charlie wie an der Oper mal wieder, dass das Baugeschehen in Berlin grundsätzlich nicht nur aus dem besteht, was tatsächlich gebaut wird. Sondern immer auch aus dem, was nicht gebaut wird. Dem, was hätte gebaut werden können. Und dem, was immer noch gebaut werden könnte. Zusammen mit dem, was mal gebaut worden war und für anderes wieder weggerissen wurde, ergibt sich über weite Strecken ein Übereinander von so vielen verschiedenen, sich gegenseitig widersprechenden Städten, wie selbst der literarische Städteerfinder Italo Calvino es sich vermutlich nicht hätte ausdenken können, ohne Kopfsausen zu bekommen (oder wenigstens Stephan Braunfels um Rat zu fragen). Und das ist ja immerhin auch schon mal was.

© SZ vom 18.12.2019

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