Einen Windhauch, nur eine Brise bräuchte es, vor über 2300 Jahren vielleicht vom Mittelmeer her, heute wohl aus der Klimaanlage, einen Hauch, und Königin Arsinoe II. stünde nackt da. So leicht fällt ihr das Gewand über die Schulter, so elegant schlingt sich der charakteristische Isis-Knoten vor den halb verhüllten Brüsten, so zart lässt das Tuch den Nabel ahnen, Hüften und Knie, dass das steinerne Kleid, das die Hand eines griechischen Meisters verrät, fast durchscheinend wirkt. Selten wurde so feine Lingerie aus schwarzem Granit gemeißelt.

Wenn Franck Goddio Statuen vom Glanz dieses mattschwarzen Torsos aus dem Mittelmeer hebt, sollen Mitarbeiter und Besucher schon mal in spontanen Beifall ausbrechen angesichts der Pracht der letzten Pharaonen. Goddio ist Amateur, früher hat er als Finanzberater gearbeitet, dann begann er, nach Schiffen zu tauchen. Inzwischen hat der Franzose seine PR- und Sponsoring-Strategie so perfektioniert, dass wissenschaftlich skrupulöseren, aber weniger solventen Forschern nur die Analyse seiner Kostbarkeiten bleibt. Und es sind, wie die Ausstellung ¸¸Ägyptens versunkene Schätze" im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt, Stücke, die alle Aufmerksamkeit verdienen. Die 500 Objekte, die in dieser Fülle zum ersten Mal außerhalb Ägyptens gezeigt werden, bilden nur einen Bruchteil der Funde aus den Tauchgängen der vergangenen 14 Jahre, und doch erlauben sie einen Blick in die für Kunst und Wissenschaft unendlich fruchtbare Spätphase Ägyptens.
Manches Objekt lässt sich überhaupt erst mit den neuen Funden zu einem Ganzen zusammenfügen wie der ¸¸Naos der Dekaden", ein Schrein für den Gott Schu. Das pyramidenartige Dach lagerte in Paris, die Seitenteile, 1940 gefunden, in Ägypten. Nun aber lassen sich die Zeichen auf seinem Äußeren entziffern: Es ist der älteste astrologische Kalender Ägyptens.
Goddios Funde lassen Riten, Kultstätten und Orte vor der ägyptischen Mittelmeerküste auferstehen, die so vollständig vom Meer getilgt wurden, dass oft nur ihr Name in den antiken Schriften blieb. Zu Zeiten der schönen Arsinoe aber leuchteten sie. Restaurants, Badeanstalten und Bordelle säumten die Küstenstraße. Seit Alexander Ägypten erobert hatte, herrschten die Griechen am Nil, die Ptolemäer, deren Geschlecht ein General Alexanders, Ptolemaios I., gegründet hatte. Dreihundert Jahre lang wurden sieben Millionen ägyptischer Fellachen von einer winzigen hellenistischen Clique regiert, bis das Reich mit dem Selbstmord Kleopatras zur römischen Provinz herabsank.

Zuvor aber hatten die Ptolemäer im Delta die erste Megapolis der Antike erstehen lassen, Alexandria, 331 v. Chr. von Alexander gebaut. Über eine halbe Million Menschen, Griechen und Ägypter, Nubier, Gallier und Juden lebten in dieser Stadt. Sie war der Mittelpunkt der antiken Welt und doch sind ihre größten Wunder heute nur Legende: Pharos, der monumentale Leuchtturm, die Bibliothek, das Grab Alexanders, der Palast Kleopatras - unauffindbar, unentdeckt.
An der Schwelle zum Mittelalter haben wohl Erdbeben den glitschigen Untergrund des Deltas erschüttert, kilometerlang senkte sich der Küstenstreifen um Meter ab, so dass ganze Viertel Alexandrias ins Meer rutschten - und mit ihnen ein Teil der Stadt Kanopus und ganz Herakleion, drei Städte, die die Schau nun auf spektakuläre Weise wieder auferstehen lässt, ja, deren Lage, wie im Fall Herakleions, überhaupt erstmals nachgewiesen werden kann. Denn zu den wichtigsten Funden gehört eine Stele Nektenabos" I. aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., Zwillingsarbeit einer Stele aus Naukratis, einige Kilometer nilaufwärts. Zehn Prozent aller Zölle für griechische Waren aus Thonis, so verfügte der Pharao, sollten der Göttin Neith gehören. ¸¸Thonis" aber war der ägyptische Name für das griechische Herakleion: Wo die Stele gefunden wurde, musste die sagenumwobene Handelsstadt Herakleion, Ägyptens Tor zum Mittelmeer, gelegen haben.
Wie Kanopus lag auch diese Stadt im Osten Alexandrias, vor der heutigen Bucht von Abukir. Doch erst mit Alexandria fügten sie sich über Straßen und Kanäle zu einem urbanen Ensemble. Hier verschmolzen koloniale Permissivität und lokale Volksfrömmigkeit, heilige Kulte und wüste Ausschweifungen, trafen die Götter Griechenlands und Ägyptens aufeinander. Die Ägypter galten als die ¸¸Frömmsten unter den Menschen", allein in Alexandria wurde den Göttern in 2500 Kultstätten gehuldigt. Aber das war nur die halbe Wahrheit.
Vor allem der laszive Kurort-Flair in Kanopus provozierte sittenstrenge Denker. Zwar wurde hier nicht nur Osiris, dem Herrscher über das Totenreich, gehuldigt, sondern auch dem neuen mächtigen Über-Gott Sarapis. Zwar pilgerten Tausende her, um sich im neuen Sarapeion gesund zu schlafen - oder schickten zumindest einen Stellvertreter. Für Seneca aber blieb Kanopus eine ¸¸Höhle des Lasters", ein Prädikat, das bald zum Selbstläufer wurde und den anrüchigen Ruhm des antiken Las Vegas mehrte.
Selbst in Herakleion wurde mindestens so viel gebetet wie gefeiert. Zumindest legen dies die Funde nahe: Zu Füßen dreier kolossaler, über fünf Meter hoher, rosafarbener Statuen eines Pharaos, seiner Gattin und des hängebrüstigen Fruchtbarkeitsgottes Hapi im Lichthof glitzern Vitrinen mit Weinschalen und Öllampen, Kellen und Bechern. Zum Kosmos der Ptolemäer gehörten heilsbringende Ibis-Amulette ebenso wie Darstellungen winziger draller Lüstlinge.
Aufregender als diese Zeugnisse antiker Sinnenfreude aber sind jene Exponate, die beweisen, mit welcher Geschmeidigkeit sich die neuen Könige die ägyptische Götterwelt anverwandelten. Nachdem sich schon Alexander in der libyschen Wüste zum Pharao gekrönt hatte, lag der Nutzen des gottgleichen Status für die Legitimation der fremden Herrscher auf der Hand. Mit Billigung des ägyptischen Klerus ließen sich die Griechen - wie Ptolemäus XII., Kleopatras Vater - als Sphinxe darstellen, imitierten in Figuren Stil und Haltung ihrer Vorgänger bis hin zu den Accessoires wie der Uräus-Schlange auf der Stirn, die sie über dem hellenistischen Stirnband trugen.
Mehr noch: Kurzerhand quartierten die Ptolemäer die eigenen Götter in den vorhandenen Heiligtümern ein. Der große Tempel in Herakleion etwa war ursprünglich Amun gewidmet, dem ägyptischen Übergott, im Laufe der Jahrhunderte wurde der Kult aber ausgedehnt auf Isis und Osiris und den Sohn des Götterpaares, Chons, deren Huldigung die Griechen wiederum als Verehrung ihres eigenen Göttervaters und dessen Sohn begriffen: Zeus und Herakles. Das polytheistische Prinzip, in dem Götter sich wandeln, neu entstehen oder verschmelzen, wurde durch diesen Doppelkult eher noch gestärkt.
Ohnehin beweist die Ausstellung, dass die Kunst ideologischen Fanatismus durchaus überleben kann. Den ersten Schlag gegen das bunte Treiben am Mittelmeer führten nämlich nicht die Römer, sondern die Christen, die die heidnischen Tempel schliffen und Götterstatuen wagenladungweise zerstörten. Der Torso einer Isis-Statue aber, die Chons auf dem Schoß hält - schon 1930 gehoben, nie gereinigt und zerfressen von Salzen - dieser Torso nimmt die Muttergottes mit dem Jesuskind im Arm unübersehbar vorweg.
Eine spektakuläre Schau also, die es nicht nötig gehabt hätte, jeden Saal von der Wand bis zur Decke mit Postern einer grün schillernden Unterwasserwelt zu tapezieren, wo die Sphinxe dutzendweise herumzuliegen scheinen. Auch die Bildschirme, in denen Goddio Pharaonen die Neoprenhand aufs versandete Haupt legt, sind verzichtbar. Und dass eigens ein Raum seinen Plänen für ein Unterwasserarchäologie-Museum am Mittelmeer geräumt wurde, befremdet mit einem seltsamen Personenkult. Doch darüber kann man leicht hinwegsehen.
Am heutigen Donnerstag werden die Präsidenten Deutschlands und Ägyptens die Schau eröffnen. Für Mubarak ist es ein selten schöner Auftritt. Wie bei kaum einem anderen Land zerfällt die Außenwirkung Ägyptens in das Bild einer von Folter und Fundamentalismus erschütterten Despotie und in das eines Hortes der strahlenden Antike. Gerade in Alexandria lässt sich dieser Widerspruch nicht immer überbrücken. Heute ist die Stadt eine Hochburg der Muslimbrüder, bei Krawallen zwischen Muslimen und Kopten floss erst vor wenigen Wochen wieder Blut.
Überhaupt hat die kulturelle Flexibilität seit den Ptolemäern stark nachgelassen. Vor kurzem erließ Ägyptens Großmufti Ali Gomaa eine Fatwa, die das Aufstellen von Statuen als Sünde bezeichnet. Noch, so betonen seine Exegeten, gehe es nur um unislamische Götzen in Privathäusern, nicht um Museen und öffentliche Plätze. Ägyptens Intellektuelle sehen das anders. Der nächste Bildersturm könnte nur eine Frage der Zeit sein.
¸¸Ägyptens versunkene Schätze", 13. Mai bis 4. September, im Martin-Gropius-Bau in Berlin, Tel.: 030 / 254 860. Der Katalog kostet 29 Euro.