Berlinale Teddy Award "Das ist fast ein Todesurteil dort"

Zum Beispiel?

Da wird Homosexuellen geraten, dass sie sich doch einfach anders verhalten sollen - dann würden sie auch nicht verfolgt. Bei einer Asylanhörung in Großbritannien wurde ein junger Mann gefragt, wie oft er schon Sex hatte, bevor er mit seinem Freund zusammenkam. Oder was an homosexuellem Sex denn nun anders wäre als an dem Sex mit Frauen. Das sind alles Fragen, die nicht erlaubt sind, weil sie die Menschenwürde verletzen. Man diskriminiert diese Leute erneut. Das ist ja gerade das, wovor sie fliehen mussten.

Wird das auch als Grund herangezogen, die Leute wieder abzuschieben? Zu sagen: Wir glauben dir nicht, dass du homosexuell bist?

Das kann passieren. Das hat aber weniger mit dem Anhörer zu tun als damit, dass Politiker Staaten zu sicheren Herkunftsländern erklären. Dann weiß der Anhörer schon, wenn jemand reinkommt: Der kommt aus Tunesien, das ist ein sicherer Herkunftsstaat. Da braucht er nicht so lange und sorgfältig zu prüfen, denn dieser Mensch wird sowieso mit hoher Wahrscheinlichkeit abgeschoben.

Müsste man die Definition von sicheren Herkunftsstaaten also überdenken?

Ich finde, man muss das Konzept abschaffen. Es verstößt gegen unser eigenes Grundgesetz, das besagt: Man darf Menschen keinen Schutz verweigern, die in ihrem Herkunftsland verfolgt werden und hier um Schutz bitten. Zurzeit wird aber nur brachiale Realpolitik gemacht und die politischen Akteure sind Sachargumenten gar nicht mehr zugänglich. Es wird ausgerufen: Die Grenzen müssen jetzt dichtgemacht werden. Das ist Signalpolitik, um bestimmten Wählergruppen zu signalisieren: Wir werden Herr der Lage und die Ankunftszahlen herunterschrauben. Was Amnesty daran bemängelt, ist: Man fährt die Standards runter, höhlt das Asylrecht aus. Von Asylpaket zu Asylpaket. Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender-Menschen gehören schon in ihren eigenen Gesellschaften zu den verletzlichsten. Sie werden noch mehr durch die Raster fallen und überhaupt keinen Schutz mehr bekommen. Erst 2013 gab es das Urteil des europäischen Gerichtshofs. Damals wurde klar, dass es ein Asylgrund nach der Genfer Flüchtlingskonvention ist, wenn man aufgrund seiner sexuellen Identität und Orientierung in seinem Heimatland verfolgt wird.

Wie erscheint Ihnen der Vorwurf, jemand könnte sich absichtlich als Homosexueller ausweisen, um so Asyl zu bekommen?

In Nürnberg eröffnet eine Asylunterkunft für Homosexuelle

Der Unterkunftsbetreiber will damit auf die Diskriminierung in Flüchtlingsheimen reagieren. mehr...

Aus diesen Ländern ist das wirklich unvorstellbar. Das ist fast ein Todesurteil dort - wenn man in den Kosovo guckt, nach Kamerun, oder auch in die Türkei. In Syrien haben wir einen Fall dokumentiert, wo der sogenannte Islamische Staat jemanden, weil er einen Mann verdächtigte schwul zu sein, von einem Turm geworfen hat. Und als er unten aufprallte, wurde er zusätzlich noch gesteinigt.

Sie haben auf der Bühne auch von Kamerun erzählt.

Ich war letztes Jahr in Kamerun. Wir haben dort viele Nichtregierungsorganisationen besucht. Sie haben alle erzählt, wie schwierig die Suche nach einen Büro war. Als sie schließlich etwas gefunden hatten, flogen am nächsten Tag Molotowcocktails durch die Scheiben und zerstörten alles. Das war wie ein Automatismus. Der Weg der Mitarbeiter zum Büro war voller Übergriffe und Beleidigungen. Die Leute sind wie Freiwild. Sie werden im Krankenhaus nicht behandelt. Man wird fast kaputt geschlagen, kommt verwundet ins Krankenhaus und dann sagen die Ärzte: Wir behandeln keine Homosexuellen. Dann geht man zur nationalen Menschenrechtskonvention, die eigentlich diese Menschenrechtsverletzungen dokumentieren müsste, und die sagen dann: Es gibt doch gar keine Probleme, und außerdem haben wir ein Gesetz gegen Homosexualität. Dann gehen diese Menschen zum Kardinal, zum obersten Chef der katholischen Kirche in Kamerun, und der sagt: Das ist Sünde. Ich habe ihn gefragt: Sie sind doch Christ, warum wenden sie sich nicht gegen diese Gewalt?

Und was sagt er dazu?

Nach einigen internationalen Protesten hat er sich dann tatsächlich im TV gegen diese Gewalt ausgesprochen. Aber das ist zu wenig. Und deshalb werden diese Menschen aus afrikanischen Ländern sich zu uns aufmachen. Da dürfen wir uns nicht wundern. Weil Deutschland auch zuguckt, wie sich die Menschenrechte dort verschlechtern. Auch im Namen der Sicherheit, wegen wirtschaftlichen Deals, wegen Waffenlieferungen. Wenn die Menschenrechtslage dort weiter erodiert, dann schafft das Fluchtursachen.

Zurück zum deutschen Teddy: Was bedeutet dieser Preis für sie?

Ich finde es wichtig, dass es den Teddy gibt. Für mich ist es zwar schwierig, hier zu sein, denn hier ist ein Publikum, das sich freuen und feiern will. Und dann gehe ich auf die Bühne und erzähle von hammerharten Menschenrechtsverletzungen. Trotzdem muss das Platz haben, auch viele Filme erzählen ja von Gewalt gegenüber Homosexuellen und Transsexuellen. Diskriminierung ist für sie Teil des Alltags. Der Teddy ist deswegen für mich wichtig, weil Menschen aus anderen Ländern hier ihre Filme zeigen können. Sie sind voller Energie und können mit der Unterstützung internationaler Kontakte und Anerkennung zurückgehen. Um neue Hoffnung zu pflanzen.