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Berlinale Teddy Award:"Sie wissen, dass Homosexuelle gehasst werden"

66. Berlinale - Teddy-Award

Sonst alles fröhlich beim 30. Teddy-Award: Moderator Jochen Schropp und die Burlesque-Tänzerinnen Lada Redstar (l.) und Sheila Wolf. Der schwul-lesbische Filmpreis wird im Rahmen der Berlinale vergeben.

(Foto: dpa)

Flüchtlinge sind nur schutzbedürftig, wenn sie Kriegsflüchtlinge sind? Nein, auch wenn sie schwul oder lesbisch sind, erklärt die Generalsekretärin von Amnesty International beim Teddy Award auf der Berlinale.

Interview: Ruth Schneeberger

Kurz vor Abschluss der Berlinale sind Freitagnacht in Berlin zum 30. Mal die Teddy Awards verliehen worden. Auf der Jubiläumsparty des schwul-lesbischen Filmpreises erinnerten Laudatoren wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller und sein Vorgänger Klaus Wowereit daran, wie bescheiden diese Veranstaltung einst startete, und wie um sie gekämpft werden musste. Ausgezeichnet wurde der Film "Kater" des österreichischen Regisseurs Klaus Händl, der von dem unerwarteten Gewaltausbruchs eines Paares erzählt (weitere Infos und alle Gewinner hier). Von Gewalt gegen Homosexuelle spricht bei der Preisverleihung auch die Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International, Selmin Çalişkan. Im Interview erläutert sie, warum Menschen deshalb nach Deutschland fliehen.

SZ: In Deutschland glauben viele, dass Flüchtlinge vor allem dann geschützt werden müssen, wenn sie aus Kriegsgebieten kommen. Sie sagen, es gibt noch weitere Bedrohungen.

Selmin Çalişkan: Ja, zum Beispiel wenn man schwul, lesbisch oder transsexuell ist. Dann ist man in sehr vielen Ländern dieser Welt besonderen Gefahren ausgesetzt. Viele Länder haben sogar ein Gesetz gegen Homosexualität. Zum Beispiel Tunesien. Es gibt dort ein Strafgesetz, das homosexuelle Handlungen und sogenannte Unanständigkeiten verbietet.

Was droht dann?

Mindestens drei Jahre Haft.

Wird das Gesetz auch angewendet?

Wir haben zurzeit sechs Männer, die deshalb in Tunesien verhaftet wurden. Fünf davon haben keinen Rechtsbeistand für die Gerichtsverhandlung. Besonders schlimm: Ihnen wurde eine sogenannte Anal-Untersuchung aufgezwungen. Die ist ohne deren Zustimmung passiert. Nach internationalem Recht ist das Folter.

Wie kann das sein?

In Tunesien gibt es keine Meinungsfreiheit, Demos werden brutal niedergeschlagen. Es gibt Folter durch die Polizei. In Marokko genauso. Dort und in Algerien gibt es immer noch die Todesstrafe. Die Polizei sagt, dass sie nach dem Gesetz handelt. Auch alle anderen Akteure innerhalb der Gesellschaft, die Kirche oder die nationale Menschenrechtskommission, berufen sich auf das Gesetz und sagen: Was ist denn? Wir haben doch das Gesetz, das besagt: Homosexualität ist verboten. Warum sollen wir diese Leute vor Gewalt schützen? Deshalb fliehen Menschen nach Europa. Weil der Staat sie nicht schützt.

Welche Erfahrungen machen homosexuelle Menschen auf ihrer Flucht?

Wenn man schon im Herkunftsland zu einer diskriminierten Gruppe gehört, dann wird es auf der Flucht erst mal nicht leichter. Weil man unterwegs auf die Solidarität der anderen Flüchtlinge angewiesen ist, um überhaupt durchzukommen. Vor allem, wenn man alleine flieht. Ich vermute, dass viele eher nicht sagen, dass sie homosexuell sind, um ihr Leben auf der Flucht nicht zu gefährden. Weil sie wissen, dass Homosexuelle gehasst werden.

Wenn diese Menschen bei der Asylbewerbung ihre Fluchtgründe angeben, wäre es aber ein Grund, bleiben zu dürfen.

Bei der Anhörung ist das Wichtigste die eigene Geschichte. Da ist es entscheidend, dass eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen werden kann. Es kommt besonders darauf an, dass Anhörer und Dolmetscher sensibilisiert sind für Menschenrechtsverbrechen an Homosexuellen und Transgender-Personen.

Sind sie das bisher denn?

Sehr selten. Es fallen während der Anhörungen sogar diskriminierende, homophobe Äußerungen.

"Das ist fast ein Todesurteil dort"

Zum Beispiel?

Da wird Homosexuellen geraten, dass sie sich doch einfach anders verhalten sollen - dann würden sie auch nicht verfolgt. Bei einer Asylanhörung in Großbritannien wurde ein junger Mann gefragt, wie oft er schon Sex hatte, bevor er mit seinem Freund zusammenkam. Oder was an homosexuellem Sex denn nun anders wäre als an dem Sex mit Frauen. Das sind alles Fragen, die nicht erlaubt sind, weil sie die Menschenwürde verletzen. Man diskriminiert diese Leute erneut. Das ist ja gerade das, wovor sie fliehen mussten.

Wird das auch als Grund herangezogen, die Leute wieder abzuschieben? Zu sagen: Wir glauben dir nicht, dass du homosexuell bist?

Das kann passieren. Das hat aber weniger mit dem Anhörer zu tun als damit, dass Politiker Staaten zu sicheren Herkunftsländern erklären. Dann weiß der Anhörer schon, wenn jemand reinkommt: Der kommt aus Tunesien, das ist ein sicherer Herkunftsstaat. Da braucht er nicht so lange und sorgfältig zu prüfen, denn dieser Mensch wird sowieso mit hoher Wahrscheinlichkeit abgeschoben.

Müsste man die Definition von sicheren Herkunftsstaaten also überdenken?

Ich finde, man muss das Konzept abschaffen. Es verstößt gegen unser eigenes Grundgesetz, das besagt: Man darf Menschen keinen Schutz verweigern, die in ihrem Herkunftsland verfolgt werden und hier um Schutz bitten. Zurzeit wird aber nur brachiale Realpolitik gemacht und die politischen Akteure sind Sachargumenten gar nicht mehr zugänglich. Es wird ausgerufen: Die Grenzen müssen jetzt dichtgemacht werden. Das ist Signalpolitik, um bestimmten Wählergruppen zu signalisieren: Wir werden Herr der Lage und die Ankunftszahlen herunterschrauben. Was Amnesty daran bemängelt, ist: Man fährt die Standards runter, höhlt das Asylrecht aus. Von Asylpaket zu Asylpaket. Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender-Menschen gehören schon in ihren eigenen Gesellschaften zu den verletzlichsten. Sie werden noch mehr durch die Raster fallen und überhaupt keinen Schutz mehr bekommen. Erst 2013 gab es das Urteil des europäischen Gerichtshofs. Damals wurde klar, dass es ein Asylgrund nach der Genfer Flüchtlingskonvention ist, wenn man aufgrund seiner sexuellen Identität und Orientierung in seinem Heimatland verfolgt wird.

Wie erscheint Ihnen der Vorwurf, jemand könnte sich absichtlich als Homosexueller ausweisen, um so Asyl zu bekommen?

Aus diesen Ländern ist das wirklich unvorstellbar. Das ist fast ein Todesurteil dort - wenn man in den Kosovo guckt, nach Kamerun, oder auch in die Türkei. In Syrien haben wir einen Fall dokumentiert, wo der sogenannte Islamische Staat jemanden, weil er einen Mann verdächtigte schwul zu sein, von einem Turm geworfen hat. Und als er unten aufprallte, wurde er zusätzlich noch gesteinigt.

Sie haben auf der Bühne auch von Kamerun erzählt.

Ich war letztes Jahr in Kamerun. Wir haben dort viele Nichtregierungsorganisationen besucht. Sie haben alle erzählt, wie schwierig die Suche nach einen Büro war. Als sie schließlich etwas gefunden hatten, flogen am nächsten Tag Molotowcocktails durch die Scheiben und zerstörten alles. Das war wie ein Automatismus. Der Weg der Mitarbeiter zum Büro war voller Übergriffe und Beleidigungen. Die Leute sind wie Freiwild. Sie werden im Krankenhaus nicht behandelt. Man wird fast kaputt geschlagen, kommt verwundet ins Krankenhaus und dann sagen die Ärzte: Wir behandeln keine Homosexuellen. Dann geht man zur nationalen Menschenrechtskonvention, die eigentlich diese Menschenrechtsverletzungen dokumentieren müsste, und die sagen dann: Es gibt doch gar keine Probleme, und außerdem haben wir ein Gesetz gegen Homosexualität. Dann gehen diese Menschen zum Kardinal, zum obersten Chef der katholischen Kirche in Kamerun, und der sagt: Das ist Sünde. Ich habe ihn gefragt: Sie sind doch Christ, warum wenden sie sich nicht gegen diese Gewalt?

Und was sagt er dazu?

Nach einigen internationalen Protesten hat er sich dann tatsächlich im TV gegen diese Gewalt ausgesprochen. Aber das ist zu wenig. Und deshalb werden diese Menschen aus afrikanischen Ländern sich zu uns aufmachen. Da dürfen wir uns nicht wundern. Weil Deutschland auch zuguckt, wie sich die Menschenrechte dort verschlechtern. Auch im Namen der Sicherheit, wegen wirtschaftlichen Deals, wegen Waffenlieferungen. Wenn die Menschenrechtslage dort weiter erodiert, dann schafft das Fluchtursachen.

Zurück zum deutschen Teddy: Was bedeutet dieser Preis für sie?

Ich finde es wichtig, dass es den Teddy gibt. Für mich ist es zwar schwierig, hier zu sein, denn hier ist ein Publikum, das sich freuen und feiern will. Und dann gehe ich auf die Bühne und erzähle von hammerharten Menschenrechtsverletzungen. Trotzdem muss das Platz haben, auch viele Filme erzählen ja von Gewalt gegenüber Homosexuellen und Transsexuellen. Diskriminierung ist für sie Teil des Alltags. Der Teddy ist deswegen für mich wichtig, weil Menschen aus anderen Ländern hier ihre Filme zeigen können. Sie sind voller Energie und können mit der Unterstützung internationaler Kontakte und Anerkennung zurückgehen. Um neue Hoffnung zu pflanzen.

© SZ.de/rus/fehu
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