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Berlinale: Start mit "Shine a Light":Zum Steine-Erweichen

Solo: Als Vorgeschmack auf "Shine a Light" muss einzig der Trailer dienen, den man sich im Internet zu Gemüte führen kann. Auch der ist unterlegt mit dem perkussiven Einstieg zu "Sympathy for the Devil", dann hört man einen besorgten Jagger Einwände gegen zu viele Kameraleute auf der Bühne vorbringen, Scorsese guckt, Gelächter, Sorgenmiene: Irgendwelche Flammen könnten Jagger gar in Lebensgefahr bringen, alles versinkt in tiefen Gesichtsfalten, dann singt leider Keith Richards, Schnitt auf die drei Gaststars Christina Aguilera, Jack White und Buddy Guy, Jagger spielt wie immer besser Mundharmonika als jeder andere Mundharmonikaspieler auf diesem an Mundharmonikaspielern einst so reichen Planeten, und man ahnt es: Alles wird gut, wir sind dank hunderter Oscar-gestählter Vollprofis quasi live mit dabei im Beacon Theatre beim Geburtstagskonzert für Billy Clinton, "pleased to meet you, hope you guess my name", und aus.

Nichts wird den Jubel stören

Dritte Strophe: Selbstverständlich ist Martin Scorsese ein großer Künstler, ein Fabelwesen, der Regie-Godzilla. Natürlich sind die Rolling Stones auch noch in ihrer Ausprägung als Unterhaltungscombo für die ganze Ex-Präsidentenfamilie die beste Band der Welt, die Rock-Dinosaurier from outer space. Und ganz sicher gehört es zum Größten, was einem Rock-Fan geschehen kann, diese mehr als lebensgroßen Songs in geradezu intimer Umgebung, in diesem Falle einem 2900 Besucher fassenden Art Deco-Theater wie dem New Yorker Beacon zu erleben.

Aber wir werden einen Film zu sehen bekommen, der von den Bandmitgliedern der Stones produziert wird, und den Michael Cohl, der Tour-Organisator der Stones, mitfinanziert. Und wie man sich die besten Backgroundsänger, Bassisten und Keyboarder leistet für die rastlos die Welt abgrasenden Rolling Stones-Tourneen, so holte man sich hier einfach den größten Namen, den das Musikfilm-Genre zu bieten hat. Und dieser große Regisseur erledigt eine Auftragsarbeit; es wird und kann für ihn keine andere Motivation für diesen Film geben, als wiederum selbst mit den größten Namen des Rock-Zirkus zusammengearbeitet zu haben: Und wir werden nichts zu sehen und zu hören bekommen, was den Jubelcharakter dieses doppelten Ego-Trips für zwei Medienmonstren stören könnte.

Miet-Regisseur Scorsese

Der Umgang mit dem Ex-Mitglied Mick Taylor, die zynische Haltung gegenüber all dem Tod, der sie umgibt, oder, weltlicher: die Ausmaße der Merchandising-Maschine, die lächerlichen Exzesse, die wahnwitzigen Garantiesummen für die Konzerte, die Jahrzehnte währende musikalische Stagnation: Wer sollte warum danach fragen? Und wer nicht locker lassen? Wer an einer Antwort interessiert sein? Allein schon das im Trailer zu hörende Telefonat zwischen Jagger und Scorsese ist pure Volksverdummung: Wer meint, der bekennende Warholianer Jagger werde als Finanzier und Star des Projekts nicht die vollständige und endgültige Kontrolle über jede Sekunde sowohl des Live-Events wie auch des Films behalten und sich irgendwelchen Vorstellungen seines Miet-Regisseurs beugen, muss sich den Film zur Strafe gleich dreimal anschauen.

Worauf diese pessimistische Sicht auf das Noch-nicht-Gesehene gründet? Nun, wer einen Bob Dylan von dessen Road Manager interviewen lässt und dies in einen "Dokumentarfilm" hineinschneidet, hat - O-Ton hin, Menschenscheu her - alle Skrupel fahren lassen.

Ausblende: Wir schreiben das Jahr 2003, und es ist Sommer in München. Die Rolling Stones spielen ihr "Club Konzert" im Circus Krone. Ron Wood setzt sich für einen Moment neben einen Verstärker und scheint seine Hände und die Gitarrensaiten mit Magnesia einzureiben gegen all den Schweiß und die Feuchte in der Halle. Ein Bein hat er dabei ausgestreckt, das andere stützt die Gitarre. Er ist ganz auf diese kleine Handreichung konzentriert. Scheinwerfer tauchen ihn wie zufällig in blaues Licht. Er sieht aus, als hätte Gainsborough ihn gemalt, einen alten Knaben in Blau. Der Moment verweht. Schade, dass ihn niemand auf Film festgehalten hat.