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Berlinale-Programm:Ein Ausblick auf die Highlights

Zehn Filme oder Reihen der Festivals, auf die wir besonders gespannt sind.

"Synonyms"

Der israelische Regisseur Nadav Lapid hat schon mit seinem ersten Spielfilm "Policeman" (2011) über eine Spezialeinheit der israelischen Polizei auf sich aufmerksam gemacht. Auch für "Ich habe ein Gedicht" gab es viel Kritikerlob. Darin entdeckt eine Kindergärtnerin bei einem Fünfjährigen ein enormes Talent für Poesie. Die Sprache steht nun auch im Zentrum seines dritten Spielfilms "Synonyms", der im Wettbewerb der Berlinale läuft und einen vielversprechenden Plot hat: Ein Israeli kommt nach Paris, will aufhören, Israeli zu sein, und Franzose werden, seine Muttersprache durchs Französische ersetzen. Sein Begleiter wird ein Wörterbuch, das ihm bei dem Vorhaben helfen soll. Lapid scheint eigene Erfahrungen verarbeitet zu haben, hat er doch selbst mal in Paris studiert. Produziert wurde "Synonyms" von Saïd Ben Saïd, der die letzten Filme von Philippe Garrel und Paul Verhoeven produziert hat und dessen Name für feinstes Autorenkino steht. Philipp Stadelmeier

"Serpentário"

(Foto: Berlinale)

Nach etlichen Videoinstallationen und Kurzfilmen, die auch in Cannes liefen, präsentiert der portugiesische Filmemacher Carlos Conceição nun seinen ersten Langfilm in der Reihe Forum. Er trägt den geheimnisvollen Titel "Serpentário" (Fotos (4): Berlinale) und erzählt, wie Conceição selbst, der 1979 in Angola geboren wurde, von Europa nach Afrika zurückkehrt und sich auf Spurensuche nach seiner Mutter begibt. Um die Bereiche zwischen Geschichte, Kolonialismus und futuristischer Utopie auszuloten, durchläuft der Filmemacher eine Metamorphose, wird Kolonialist, Cowboy oder Astronaut. So führt der Film durch verschiedene Orte und Zeiten, Landschaften und Klangschichten. Auch auf die Tonarbeit darf man gespannt sein - Conceição ist auch Sounddesigner. Alles in allem hört sich "Serpentário" aufregend an, fantasievoll, queer und politisch. Die Perlen der Berlinale findet man ja meist in Nebenreihen. Das hier könnte eine sein. Philipp Stadelmeier

"Vice - Der zweite Mann"

Nominierung Oscar 2019 -Film 'Vice'
(Foto: Matt Kennedy/dpa)

Ja doch, der Mann auf dem Bild sieht wirklich ein wenig wie Dick Cheney aus - jener Vizepräsident, der während der Präsidentschaft George W. Bushs im Hintergrund alle Fäden zog. Auf keinen Fall sieht er aus wie der berühmte und meist eher schlanke Schauspieler Christian Bale, der ihn auf diesem Foto - und in dem Film "Vice" - verkörpert. Das spricht für Hollywoods Maskenbildner und Bales notorische Verwandlungskunst. Vor allem aber erlaubt es dieser Stareinsatz dem Filmemacher Adam McKay, mal wirklich tief in Leben und Taten eines Washington-Bürokraten einzusteigen, der ein Meister darin war, seine Taktiken und seine wahre Macht zu verschleiern. Der Ton ist leicht, bisweilen fast komödienhaft, aber die Faktenrecherche ist knallhart. Hier sind also selbst Politjunkies angesprochen - während alle anderen, die noch einmal Zeuge dieser konservativen Machtergreifung werden, aus dem Staunen nicht herauskommen werden. Tobias Kniebe

"The Art of Pauline Kael"

Um als Filmkritiker selbst zum Gegenstand eines Films zu werden, muss man seine Leser schon in besonderer Weise berührt oder aufgerüttelt haben. Für Pauline Kael gilt das schon deshalb, weil sie sich als eine der ersten Frauen in der Filmkritik einen Namen erstritten hat, mit eigenwilligen Meinungen und feuriger Liebe zum Kino, das sie auf sehr persönliche Weise mit dem Leben verknüpfte. Sie hat große Klassiker wie David Leans "Lawrence of Arabia" oder Charlie Chaplins "City Lights" inbrünstig vernichtet, und zugleich Meisterwerken wie "Bonnie and Clyde" den Weg zum Ruhm geebnet, weil sie früh ihre Wucht verstand. In Filmausschnitten, Home Movies, Talkshow-Passagen und Interviews mit Filmemachern wie Francis Ford Coppola, David O. Russell und Quentin Tarantino lässt Rob Garver die schillernde und stachlige Persönlichkeit der legendären New Yorker Kritikerin noch einmal lebendig werden. Anke Sternbeborg

"Der goldene Handschuh"

Fatih Akin ist einer der gefragtesten deutschen Regisseure auf dem umkämpften Festivalmarkt. Zuletzt entschied er sich für Cannes, wo er seinen NSU-Thriller "Aus dem Nichts" zeigte. Zur Weltpremiere seines neuen Films gibt der 45-Jährige aber mal wieder der Berlinale die Ehre, wo sein "Goldener Handschuh" im Wettbewerb um den Goldenen Bären läuft. Der Horrorfilm basiert auf dem gleichnamigen Bestseller des Schriftstellers Heinz Strunk aus dem Jahr 2016, in dem die Verbrechen des realen Serienmörders Fritz Honka aus dessen Perspektive rekonstruiert werden. Honka schleppte in der Hamburger Säufertristesse der Siebzigerjahre in der Kiezkneipe "Der goldene Handschuh" verwahrloste Frauen ab. Seine Opfer hielt er in seiner heruntergekommenen Wohnung unter sklavenähnlichen Umständen gefangen und ermordete sie. Eine traurige, harte, brutale Milieustudie. David Steinitz

Charlotte Rampling

(Foto: Berlinale)

Ist sie die Mörderin oder nur eine zufällige Beobachterin? Das Opfer oder die Täterin? Eine Femme fatale oder ein gefallener Engel? Charlotte Rampling, die auf der Berlinale mit einer Hommage und einem Goldenen Ehrenbären geehrt wird, ist die große Geheimnisvolle des europäischen Kinos. Keine Verwandlungskünstlerin, sondern eine, die Spielen in Sein verwandelt. Sie kann es zum Ereignis machen, einfach nur in der Küche zu stehen wie in "45 Jahre", oder in einer U-Bahn zu sitzen wie in "Hannah", weil sie in so einem Moment ein ganzes Leben verdichtet.

Ziemlich aberwitzige Geschichten hat die 73-Jährige mit der Intensität ihres Spiels geerdet, zum Beispiel die Liebe einer Holocaust-Überlebenden zu ihrem Peiniger in "Der Nachportier". Auf diese Weise bekommt sie in einem Alter, in dem das Kino die Frauen gerne vergisst, völlig ungeschminkt und ungeliftet noch aufregende Rollen, unter anderem bei ihrem großen Verbündeten François Ozon. Anke Sterneborg

"Shooting the Mafia"

Immer wieder hat Kim Longinotto die Welt als Kriegsschauplatz beschrieben und in ihren Dokumentarfilmen Frauen porträtiert, die sich als Kämpferinnen darin behaupten. Auf der Berlinale präsentiert die britische Dokumentaristin nun "Shooting the Mafia" - über die 84-jährige italienische Fotografin Letizia Battaglia. Sie ist eine faszinierende Frau, rothaarig, kettenrauchend, die schwer zu kämpfen hatte, um überhaupt eine Kamera in die Hand nehmen zu können. Bekannt wurde sie dann mit Bildern der Mafia, wohlkomponierte Schwarz-Weiß-Fotos, die brutal realistisch zeigen, was das organisierte Verbrechen anrichtet. Neben unzähligen blutigen Leichen sind auch Politiker zu sehen, die den Drahtziehern der Morde die Hand schütteln.

Wie virulent das Thema ist, zeigt ebenso der Spielfilm "La paranza dei bambini" von Claudio Giovannesi im Wettbewerb, der nach einem Roman des Mafia-Beobachters Roberto Saviano ("Gomorrha") entstand. Tobias Kniebe

"Mid90s"

Der Schauspieler Jonah Hill wurde als Teil der Comedy-Crew um den Regisseur und Produzenten Judd Apatow berühmt. Er spielte in Komödien wie "Beim ersten Mal" und "Superbad". Für seine Auftritte in "The Wolf of Wall Street" und "Moneyball" wurde er für den Oscar nominiert. Bei der Berlinale präsentiert der 35-Jährige nun sein Regiedebüt "Mid90s", das in der Reihe Panorama seine Europapremiere feiert. Obwohl Hill längst eine feste Größe in Hollywood ist, zeigt er hier, dass er sich auch aufs Indie-Kino bestens versteht. Er erzählt vom Erwachsenwerden des 13-jährigen Stevie. Der Junge schließt sich ein paar Skatern an und lässt sich durch das heiße Los Angeles der Neunzigerjahre treiben - ein melancholisches Großstadtabenteuer. David Steinitz

Retrospektive der Frauen

(Foto: Berlinale)

Unter den großen Festivals ist die Berlinale die Königin der Retrospektiven, etwa fünfzig Filme werden beispielsweise in diesem Jahr gezeigt, lange Spielfilme, kurze Experimente, Dokumentationen. "Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen" heißt die Reihe - Filme von deutschen Regisseurinnen, entstanden nach 1966, weil es vorher kaum Frauen gab, die Filme inszenierten, und 1999, als es dann doch deutlich mehr geworden waren. Das Nebeneinanderstellen der Filme ist einerseits eine Suche nach der Gemeinsamkeit der Themen. Aber die Vorgabe der Reihe ist noch ein bisschen spannender: Denn diese Filmemacherinnen drehten über mehr als die Hälfte der Zeit ja in parallelen Welten. Aber es gibt dann doch Verbindungen zwischen Margarethe von Trotta ("Die bleierne Zeit", 1981) und Evelyn Schmidt ("Das Fahrrad", 1982), "Zur Sache, Schätzchen" von May Spils und "Die Taube auf dem Dach" von Iris Gusner, über alle Mauern hinweg. Susan Vahabzadeh

"Berlin Bouncer"

Eine Frontiergeschichte, aber nicht aus dem Wilden Westen, sondern dem noch wilderen Berlin. Regisseur David Dietl, Sohn von Helmut Dietl, porträtiert in seinem Dokumentarfilm drei Türsteher, die seit Jahrzehnten über die Schwelle zwischen Tag und Nacht, drinnen und draußen herrschen. Stadt-, Club- und Lebensgeschichte in einem. Smiley Baldwin kam als G. I. nach Deutschland und überwachte die Grenze zur DDR, bevor er ins Nachtleben einstieg. Frank Künster kam aus dem Westen, Sven Marquardt aus dem Osten, auch sie stiegen nach der Wende in die Liga der mächtigsten Tür- und Torhüter der Stadt auf. Ein lässiger Job natürlich, für einen gewissen Lebensabschnitt, die Musik, die Mädchen, die Drogen, der Lokalprominentenstatus. Aber wie lange kann man in dieser Branche arbeiten, bevor die immer jüngeren Besucher einen nicht mehr ernst nehmen? Bevor man selber das Gefühl bekommt, vielleicht den Absprung verpasst zu haben? Eine Studie über das Dasein im täglichen Ausnahmezustand. David Steinitz