Süddeutsche Zeitung

Berlinale-Programm:Eher dunkel

Filmkunst statt Hollywood: Carlo Chatrian, der neue Künstlerische Leiter der Berlinale, präsentiert seine Auswahl für den Wettbewerb.

Als Carlo Chatrian, der neue künstlerische Leiter der Berlinale, im letzten Jahr gemeinsam mit der neuen Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek antrat, kündigte er eine Filmauswahl für den Wettbewerb an, die einem "Narrativ" folgen solle. Um dieses herauszustellen, hat er in diesem Jahr alle Bären-Anwärter gemeinsam auf einer Pressekonferenz präsentiert - also nicht, wie sein Vorgänger, häppchenweise per Pressemitteilung.

Chatrian liebt das Kino, entsprechend scheut er keine großen Worte. Tausende Filme seien gesichtet, eine "epische und aufregende Reise" läge hinter ihm. Das Deutsch des Italieners, der zuletzt das Filmfestival Locarno leitete, ist noch nicht ganz sattelfest, weswegen er schnell ins Englische wechselt. Das deutsche Wort "Brückenbauer" (und "Brückenbauerinnen") verwendet der ehemalige Filmkritiker dann allerdings doch sehr bewusst, um die Verantwortung des Festivals hervorzustellen: Eine Verbindung zu schaffen zwischen Besuchern und Fachpublikum, Avantgarde-Filmkunst und dem Charakter als Publikumsfestival.

Zur 70. Jubiläumsedition, sagt Chatrian, stehe zum einen die Stadt Berlin selbst im Zentrum. Es gibt eine Neuverfilmung von "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani, den neuen Film von Christian Petzold, "Undine" (mit Paula Beer und Frank Rogowski) und "Schwesterlein" von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond (mit Nina Hoss und Lars Eidinger), die alle in Berlin spielen.

Wer nach Neuem aus Hollywood sucht, findet eine Pixar-Gala - das war's

Im ersten Jahr der neue Berlinale-Doppelspitze werden neben "Schwesterlein" überhaupt einige Filme von Regieduos gezeigt: "DAU. Natasha" von Ilya Khrzhanovskiy und Jekaterina Oertel, "Favolacce" der Italiener Damiano und Fabio D'Innocenzo sowie der brasilianische Beitrag "Todos os mortos" von Caetano Gotardo und Marco Dutra. Das bekannte belgische Filmemachergespann Benoît Delépine und Gustave Kervern steuert eine ihrer berüchtigten Komödien bei - ansonsten, so Chatrian, seien die Filme des Wettbewerbs doch eher "dark", dunkel - passend zur heutigen Zeit. Einige stammen von renommierten Autorenfilmern, deren Filme schon früher in Berlin gezeigt wurden. So laufen im Wettbewerb die neuen Filme von Hong Sangsoo ("The Woman Who Ran"), Abel Ferrara ("Siberia", mit Willem Dafoe), Tsai Ming-Liang ("Rizi") und Philippe Garrel ("The Salt of Tears"). Weitere Beiträge sind Sally Potters "The Roads Not Taken", der argentinische Film "The Intruder" von Natalia Meta, "Irradiated" des kambodschanisch-französischen Filmemachers Rithy Panh, "There is No Evil" des aktuell mit Reiseverbot belegten Iraners Mohammed Rasoulof, "Hidden Away" von Giorgio Diritti sowie die neuen Filme der amerikanischen Regisseurinnen Kelly Reichardt ("First Cow") und Eliza Hittman ("Never Rarely Sometimes Always").

Sieben Regisseurinnen, 16 Regisseure, das ist diesmal die Geschlechterbilanz im Wettbewerb. Darauf angesprochen betont Chatrian, dass für ihn die "künstlerische Qualität" der Filme entscheidend sei, gibt aber zu, dass man am Gleichgewicht noch arbeiten müsse. Rissenbeek unterstreicht, dass allerdings fast alle Sektionsleiterinnen der Berlinale Frauen seien - in dieser Hinsicht sei das Festival "gut aufgestellt".

Wer nach der klassischen Verbindung von Hollywood und Filmkunst sucht, findet jenseits des Bären-Rennens in der Berlinale Special Gala den neuen Pixar-Animationsfilm "Onward" von Dan Scanlon - aber das war's dann auch. Für diejenigen, die es eher mit der filmkünstlerischen Avantgarde halten, hat Chatrian dagegen eine neue Reihe geschaffen, "Encounters", in der auch Preise verliehen werden. Ob der Brückenschlag gelingt, wird man in etwas mehr als drei Wochen sehen. Die Berlinale beginnt dieses Jahr am 20. Februar und geht bis 1. März.

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SZ vom 30.01.2020
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