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Berlinale-Premiere: "Pina":Wie soll man leben?

Wenders kann auch aus menschenleeren Räumen Spannung herausholen, das sah man schon an seinen Fotografien. Aber letztlich ist er doch ein Menschenfilmer. Wenders hat über die Verbindung, die er zwischen Film und Architektur herstellt, einmal gesagt: Beides stellt die selbe Frage - wie soll man leben? Die Menschen und die Räume, in denen sie leben, die sie durchqueren, gehen bei ihm von jeher ineinander über, und Wuppertal und der Tanz finden wie von allein zusammen. Die Schwebebahn und die Leichtigkeit der Körper, Straßen und Häuser und Brücken.

Pina ist auch ein Architekturfilm

"Eine Straße oder eine Häuserfront oder ein Berg oder eine Brücke oder ein Fluss oder was auch immer sind immer mehr als ein Hintergrund. Auch sie besitzen eine Geschichte, eine Persönlichkeit, eine Identität, die es ernst zu nehmen gilt. Sie beeinflussen die Charaktere, die vor diesem Hintergrund leben, sie rufen eine Stimmung hervor, ein Gefühl für Zeit, eine bestimmte Emotion, sie können hässlich oder schön sein, alt oder jung, aber sie sind mit Sicherheit präsent." Das hat Wenders vor zwanzig Jahren aufgeschrieben, aber es gilt natürlich immer.

Pina ist auch ein Architekturfilm. Wenders hat Orte und Tänze zusammengefügt. Ein Glaspavillon, ein bunkerartiges Gebäude, und jeweils dazu ein Solo oder ein Pas de deux, der das Filigrane oder das Kantige der Umgebung aufnimmt. Diese kleinen Inszenierungen jenseits von Bühnen und Probenräumen handeln davon, wie sie sich zueinander verhalten, die Menschen und die Räume, in denen sich die Menschen die Seele aus dem Leib tanzen. Wenders weiß ja selbst, dass viel von Antonioni in seiner Wahrnehmung, in seinen Bildern wiederzufinden ist. Es geht nie nur um den Raum, sondern darum, wie sich die Bewegung zum Raum verhält. Normalerweise ist da immer noch die Sprache im Spiel - der Tanz setzt auch die in Bewegung um. Manchmal. Denn natürlich sind die Interviews mit den Tänzern dann doch Verbindungsstücke in einer fortlaufenden Erzählung.

Aber vor allem sind sie präsent, wenn sie tanzen. Man kommt den Tänzern normalerweise nie so nah - und vielleicht ist man sich aus der Entfernung deswegen auch nie so bewusst, was es heißt, dass sich Bauschs Tanztheater so weit weg bewegt hat vom klassischen Ballett, seinem Drill und seinen Figuren, die den Gelenken, dem ganzen Körper etwas abverlangen, was er nicht lange zu geben bereit ist.

Bauschs Tänzer, und vor allem die Tänzerinnen, durften altern, sie können zeigen, was sie mit der Zeit an Ausdruck dazugewonnen haben. Und das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Anblick, wenn die Bilder ihnen ganz nah an die Gesichter rücken. Wie diese Tänzer heißen, kommt im Film nicht vor. Der nimmt sie als Ensemble wahr, als Teile eines Geflechts. Was zählt, sind die Beziehungen untereinander, zwischen Tänzer und Choreograph, Choreographie und Raum.

Nur wenige Tage vor dem ersten Probendreh ist Pina Bausch gestorben, damals hat Wenders erst einmal das ganze Projekt ad acta gelegt, seine Protagonistin war ja fort. So, wie er den Film dann gemacht hat, ist sie nun doch da, in jedem Bild - sie lebt in den Erinnerungen ihrer Tänzer und in den Choreographien vor unseren Augen neu auf. Das ist das Schöne an dem merkwürdigen Verhältnis zwischen dem Kino und der Zeit: Es macht die Vergangenheit unsterblich.