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Berlinale 2021:Kinokunst mit Amateurporno

Goldener Bär für den Besten Film: "Bad Luck Banging or Loony Porn" von Radu Jude.

(Foto: Silviu Ghetie/Micro Film/Berlinale)

Der Goldene Bär der Berlinale geht an einen Film über eine Lehrerin, die ein Sexvideo dreht, das im Internet landet.

Von Kathleen Hildebrand

Dass zwei Menschen ein Kunstwerk nie genau gleich erleben, ist eine rezeptionsästhetische Binsenweisheit. Man bringt sein Leben ein, seinen Geschmack, den ganz akuten Körperzustand: hungrig und müde oder satt und hellwach. Aber so disparat wie diese von Corona auseinandergerissene Berlinale ist wohl noch kein Filmfestival von seinen Teilnehmern erlebt worden. Ob man beim Streamen der Filme chinesisches Lieferessen aß, ob Kinderschreien den Film unterbrach, man tagsüber schaute oder nur nachts: Jeder, der an diesem ersten Teil des Festivals, dem für Branche und Presse, teilgenommen hat, wird die Filme auf ganz eigene Weise gesehen haben. Und zwar in den meisten Fällen auf kleinen Bildschirmen.

Bis auf die Jury: Vier der sechs internationalen Regisseure und Gewinnerinnen von Goldenen Bären der Vergangenheit (Ildikó Enyedi aus Ungarn, Nadav Lapid aus Israel, Adina Pintilie aus Rumänien, Mohammad Rasoulof aus Iran, Gianfranco Rosi aus Italien und Jasmila Žbanić aus Bosnien) waren zusammen in Berlin und schauten die Wettbewerbsbeiträge im Kino. Zu viert in einem großen Saal, das ist auch in Pandemiezeiten ein vertretbares Risiko. Ihren Preisentscheidungen vom Freitag merkt man an, dass sie nicht vor Laptops saßen, sondern vor einer großen Leinwand: Die Bären gingen fast allesamt an widerborstige Filme, die nicht so leicht nebenbei zu konsumieren sind.

Die Schüler zeigen sich das Sexvideo der Lehrerin natürlich auf ihren Handys

Mit "Bad Luck Banging or Loony Porn" geht der Goldene Bär für den besten Film an eine Satire aus Rumänien, die einem erst einmal einen Amateurporno vor den Latz knallt. Danach folgt die Kamera einer Frau auf einer erratischen Wanderung durch Bukarest. Sie trägt eine weiße Bluse und ein spießiges graues Kostüm, ist aber trotzdem dieselbe, die in der Sexszene vom Anfang mit Neonperücke ihren Mann bearbeitet hat. Weil der Film ins Internet geraten ist, muss Emi sich am Abend einer Art Tribunal stellen: Die Eltern der angesehenen Schule, an der sie Geschichte unterrichtet, werden entscheiden, ob sie trotz des Pornos - den die Kinder sich natürlich längst auf ihren Handys zeigen - ihren Job behalten darf. Es wird ein furchtbares, leider sehr zeitgemäßes Diskursmassaker werden.

So lakonisch wie sein Titel klingt, ist Radu Judes "Bad Luck Banging", also "Pech beim Vögeln", bei Weitem nicht. In den verfallenen Straßen von Bukarest bleibt die Kamera an Werbefotos mit hypermuskulösen Männern hängen, an einer blonden Frau, die ein phallusförmiges Eis schleckt. In der Ecke eines Hinterhofs liegt das abgerissene Bein einer weiblichen Schaufensterpuppe. Im Mittelteil dieses satirischen Triptychons wird Radu Jude dann noch konkreter, zeigt Archivbilder aus der rumänischen Geschichte mit Panzern und Kindern, die Kriegslieder singen. Die Frau gehöre in die Küche, heißt es in der Collage aus Zitaten, Sinti und Roma sollten möglichst raus aus dem Land.

All der Autoritarismus, der Geschichtsrevisionismus, die Frauenverachtung werden Emi am Abend bei der Elternversammlung aufs Deprimierendste entgegengeschleudert. Da kann sie noch so oft erklären, dass das Sexvideo ihre Privatsache ist, dass es sie mit ihrem kirchlich angetrauten Ehemann zeigt und nichts Verwerfliches sei. Die besser gestellten Eltern sehen in ihr nur eine verantwortungslose Hure, die es dazu noch wagt, ihre Kinder im Unterricht auch mit den Schattenseiten rumänischer Geschichte und, Gott bewahre, dem Holocaust zu konfrontieren ("Sind Sie Jüdin?").

Im Gegensatz zu den Eltern und der Schulleitung lässt Radu Judes wilder, greller, politischer Film seine Heldin nicht allein mit ihrem Problem, sondern bettet es ein, leitet es her und zeigt, bei aller Privatheit des Gegenstands, seine enorme gesellschaftliche Relevanz. Wie es ausgeht mit der Lehrerin Emi, überlässt Radu Jude dem Optimismus oder Pessimismus des Publikums. In einem von drei alternativen Enden lässt er sie als Superheldin die bigotten Eltern vermöbeln. Mit einem Dildo.

Der Große Preis der Jury ging an "Wheel of Fortune and Fantasy" von Ryusuke Hamaguchi.

(Foto: Neopa/Fictive/Berlinale)

Den großen Preis der Jury bekam der wunderbare Episodenfilm "Wheel of Fortune and Fantasy" des japanischen Regisseurs Ryusuke Hamaguchi. In drei voneinander unabhängigen Geschichten ergründen darin Frauen ihren Platz in der japanischen Gesellschaft. Am berührendsten ist die dritte Short Story über zwei Frauen Ende dreißig, die sich aus ihrer Schulzeit zu kennen meinen. Sie gehen Tee trinken, die eine beginnt, ihr Herz auszuschütten, sie hält ihr Gegenüber für ihre erste große Liebe. Dann stellen sie fest, dass sie einander doch noch nie begegnet sind. Sie haben sich getäuscht und trotzdem führen sie ein Gespräch, das mit seiner Ehrlich- und Wahrhaftigkeit beider Leben verändert.

Von großer Menschlichkeit ist auch die dreieinhalbstündige Dokumentation "Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth, der mit einem Silbernen Bären (Preis der Jury) ausgezeichnet wurde. Über ein Schuljahr hinweg hat Speth den Lehrer einer sechsten Klasse in der Kleinstadt Stadtallendorf bei Marburg im Unterricht begleitet. Offiziell lehrt er seine Schüler, von denen fast alle einen Migrationshintergrund haben, Musik, Mathe und Englisch. Inoffiziell müsste man sein Fach wohl "Zusammenleben" nennen. Was Herrn Bachmann so besonders macht, ist die Wärme, die Augenhöhe, mit der er den Kindern begegnet, und der Respekt, zu dem er sie auch untereinander anhält. Es wirkt fast einfach, wenn er mitten in der Stunde zu einem Jungen in der letzten Reihe sagt: "Du lachst immer so schön!" Am Ende, als er in Rente und seine Klasse auf weiterführende Schulen geht, gibt er ihnen ihre Zeugnisse, die nicht für alle erfreulich sind. Er sagt: "Das, was hier steht, ist nur eine Momentaufnahme. Das seid nicht ihr." Dem System Schule wünscht man sehr, sehr viele Bachmänner.

Der Schauspielpreis wurde erstmals geschlechtsneutral verliehen

Die am Freitag verkündeten Preise werden erst im Sommer offiziell überreicht, wenn der zweite, physische Teil der diesjährigen Berlinale fürs Publikum stattfindet. Da kann sich dann auch der ungarische Regisseur Dénes Nagy einen Silbernen Bären als bester Regisseur abholen, für seinen souveränen Debütfilm "Natural Light". Eine ungarisch-lettisch-französisch-deutsche Koproduktion. Viel natürliches Licht gibt es in diesem Anti-Kriegsfilm nicht. Er spielt im Jahr 1943 in herbstlich kalten und nassen Wäldern irgendwo in der von Deutschen besetzten Sowjetunion. Der ungarische Offizier Semetka soll dort im Auftrag der Wehrmacht Partisanen aufspüren und muss jeden Tag im Großen wie im Kleinen entscheiden, wie weit er in diesem Krieg zu gehen bereit ist, um selbst zu überleben. Anfangs reicht es noch, passiv zu sein, eine Diebin im belagerten Dorf einfach nicht zu melden. Aber als er das Kommando über seine Einheit übernimmt, ändert sich das.

Der Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse" wurde mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.

(Foto: Madonnen Film/Berlinale)

Von den vielen sehr guten deutschen Spielfilmbeiträgen im Berlinale-Wettbewerb wurde am Ende nur "Ich bin dein Mensch" ausgezeichnet. Der Schauspielpreis ging an Maren Eggert. Dass der erstmals geschlechtsneutral verliehene Preis an eine Frau gehen würde, war abzusehen, nach all der Kritik die die Streichung der Frauen- und Männer-Kategorie im Vorfeld der Berlinale hervorgerufen hat.

In Maria Schraders Film über eine Keilschriftforscherin (Eggert), die ausprobiert, wie es ist, eine Beziehung mit einem Roboter zu führen, der programmiert wurde, sie glücklich zu machen, strahlt sie große Intelligenz, Pragmatismus und stilles Unglück aus. Ihr dabei zuzusehen, wie sie mit sich ringt, ob sie diesen künstlichen Mann (Dan Stevens) in ihr Herz lassen soll, ist ein Erlebnis. Trotzdem muss es eine schwere Entscheidung gewesen sein, aus den herausragenden Frauenrollen in diesem Wettbewerb eine auszuwählen: Maryam Moghaddam als Witwe eines unschuldig Hingerichteten im iranischen Beitrag "Ballad of a White Cow" und auch Saskia Rosendahl in Dominik Grafs "Fabian" wären ebenfalls eine gute Wahl gewesen.

Auch die etwas leichter zugänglichen Filme wie Grafs "Fabian" oder "Petite Maman" von Céline Sciamma hätten einen Preis verdient gehabt. Das Wunderbare an dieser Notlösungsberlinale war jedenfalls das: Auch wenn viele der Wettbewerbsfilme unter Pandemiebedingungen gedreht werden mussten, der Festival-Jahrgang, der unter diesen merkwürdigen Bedingungen gemacht und gezeigt wurde, war ausgesprochen stark.

© SZ
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