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Berlinale 2021:Massaker in Grünwald

Film "O.K." von Michael Verhoeven

Eva Mattes, Mitte, in einer Szene aus "o.k.", gedreht im Forst hinter Michael Verhoevens Haus.

(Foto: Edition Filmmuseum)

Michael Verhoevens "o.k." über den Vietnamkrieg sprengte 1970 die Berlinale. Jetzt ist er auf DVD zu sehen.

Von Fritz Göttler

Es ist ein unmöglicher Film, damals wie heute, "o.k.", im Jahr 1970 produziert von Rob Houwer, Regie Michael Verhoeven. Ein Film, der Lässigkeit und Ernsthaftigkeit kombinieren will und dem dabei Brecht in den Sinn kommt, dessen Verfremdungstheater. Und der dann selbst absurdes Theater provoziert und die Berlinale sprengt. Eben ist er in der Edition Filmmuseum auf einer DVD herausgekommen, betreut vom Münchner Filmmuseum.

Michael Verhoeven hatte Ende der Sechziger für Rob Houwer zwei sehr deutsche Lustspiele gedreht: "Engelchen macht weiter - hoppe, hoppe Reiter" mit Mario Adorf und Gila von Weitershausen und "Der Bettenstudent oder: Was mach' ich mit den Mädchen?" mit Weitershausen und Hannelore Elsner. Es ist noch keine zehn Jahre her, dass das Manifest von Oberhausen verfasst wurde, in dem ein anderes deutsches Kino gefordert wurde, politisch und selbstbewusst, Rob Houwer hat es mitunterzeichnet. Im Spiegel las Verhoeven einen Bericht über einen Trupp amerikanischer Soldaten im Vietnamkrieg, die sich im Bong-Son-Tal ein vietnamesisches Mädchen schnappten, es drangsalierten, vergewaltigten, töteten. Er schreibt ein Theaterstück darüber, "Massaker", und macht dann einen Film daraus, "o.k."

Wir wissen nicht, wo das Bong-San-Tal ist, sagt einer der Schauspieler, als sie sich zu Beginn kurz vorstellen und ihre Rollen einnehmen. Das Spiel von Nähe und Distanz, sie sprechen Bairisch, das untertitelt wird. Bayern ist nah ... Gedreht wurde im Forst hinter Verhoevens Haus in Grünwald. Auch das Mädchen stellt sich vor, "ich bin Eva Mattes, sechzehn Jahre, ich spiele Mao".

Verhoevens Film legt den Kern der Grausamkeiten in Vietnam bloß

Der erste Teil ist dann erst mal recht possenhaft, die Langeweile an der Dschungelfront. Schützenlöcher ausbuddeln, Frotzeleien, die ersten Frühlingsblumen sind schon da, Krokus und Seidelbast, "für die Natur, da braucht man einen Blick", ein Schokohase, es ist der Osterwaffenstillstand. Beträchtliche Zeit wird mit Watten verbracht, dem bayerischen Kartenspiel, da kommt die Untertitelung nicht mit. Das Mädchen radelt vorbei, mit einer Milchkanne.

Der zweite Teil ist aufdringlich, gemein, brutal. Das Mädchen wird gezwungen, seine letzte Beichte vor den Soldaten noch einmal zu wiederholen. Das geilt die Burschen auf. Verhoeven selbst verkörpert den guten Soldaten, der rennt davon und macht Meldung von dem Vorfall beim Captain - das ist Gustl Bayrhammer in US-Uniform, er schenkt erst mal zwei Runden Enzian aus und wiegelt dann alles ab.

Die Grausamkeiten in Vietnam gab es damals täglich in den Fernsehnachrichten, erinnert sich Verhoeven, sein Film legt ihren Kern bloß, den Mechanismus der Gewalt. Er wird der deutsche Beitrag der Berlinale, die damals noch ein Sommerfestival war. Es gibt viel Zustimmung bei der Premiere, aber der Jurypräsident George Stevens findet ihn antiamerikanisch. Es gibt Versuche, den Film vom Wettbewerb auszuschließen, Festivalchef Alfred Bauer verheddert sich in seinen Versuchen, alles runterzuspielen, das Jurymitglied Dusan Makavejev steckt die internen Vorgänge der Presse. Von Zensur ist die Rede. Houwer und Verhoeven ziehen den Film zurück, die Berlinale wird sang- und klang- und preislos abgebrochen. Kino als Happening, ein Film, der sich einfach nicht festivalwürdig und gediegen geben will. Der Menschheit ist die Kugel bei einem Ohr hinein und beim andern hinausgegangen, wird anfangs Karl Kraus zitiert.

o.k., BRD 1970 - Buch und Regie: Michael Verhoeven. Kamera: Igor Luther. Mit: Friedrich von Thun, Eva Mattes, Gustl Bayrhammer. 78 Minuten, Edition Filmmuseum.

© SZ/khil
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