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Berlinale-Filme:Im Gefängnis der Legenden

'Knight of Cups'

Eine Frau (Natalie Portman) am Strand von Malibu, so fangen Kurzbeziehungen an in "Knight of Cups", dem neuen Film von Terrence Malick.

(Foto: Melinda Sue Gordon)
  • Terrence Malicks "Knight of Cups" mit Christian Bale ist ein trostloser Reigen der Schönen und Begehrenswerten - und sehr persönlich zu lesen.
  • In Guatemalas starken ersten Wettbewerbsfilm "Ixcanul" sind die Maya selbst Erzähler ihres Volksglaubens und ihrer Geschichte.
  • Und Benoît Jacquot holt die Gewalt, mit der Léa Seydoux als Kammerzofe um ihre Macht kämpft, in "Tagebuch einer Kammerzofe" leider nicht in die Gegenwart.

Von Tobias Kniebe

Es war die berühmteste Auszeit der Filmgeschichte, und bis heute gilt sie als freiwilliger Rückzug eines früh vollendeten Kinogenies. Langsam aber fragt man sich, ob der Regisseur Terrence Malick in den zwanzig Jahren seines völligen Schweigens nicht doch furchtbar gelitten hat - nachdem er 1978 verstummt war, und vor seinem Wiederauftauchen bei der Berlinale 1998. Aktuell läuft nämlich sein neuester Film "Knight of Cups" hier im Wettbewerb, und da er von einem Filmregisseur in den mittleren Jahren handelt, dessen innere Stimme fast endlos über das eigene Leben reflektiert, liegen biografische Rückschlüsse nahe.

Der Film setzt die tranceartigen, wunderschön gefilmten, schwer philosophischen und kaleidoskopartig zusammengesetzten Meditationen über Kindheit, Familie, Leben und Liebe fort, die Malick in "To the Wonder" unternommen hat, und im Zentrum steht wieder ein großer Suchender. Nur diesmal scheint dieser Mann schon sehr reich und berühmt zu sein. Er lebt in Hollywood, er bekommt offenbar verlockende Angebote, aber er hadert so sehr mit seiner Bestimmung, dass er gar nichts macht.

Ab und zu verloren lächeln

So hat Christian Bale nun keine andere Aufgabe, als sich versonnen durch ein Leben treiben zu lassen, das aus nichts als eleganten Apartments, Hotelzimmern, Bungalows, Partys und Strandspaziergängen besteht, und dabei ab und zu verloren zu lächeln. Das wiederum lockt die schönsten und begehrenswertesten weiblichen Wesen gleich reihenweise an, von nicht weiter benannten Models und Busenwundern bis hin zu Traumfrauen wie Cate Blanchett, Freida Pinto und Natalie Portman, die in dieser aseptischen Leere aber natürlich alle nicht lange bleiben.

So trostlos wirkt dieser Reigen nach einer Weile, dass man zwischendurch eine gewaltige Dosis schmutzigen Lebens herbeisehnt - etwa aus Jayro Bustamantes Debütfilm "Ixcanul / Vulkan", der ebenfalls im Wettbewerb läuft. Eine der ersten Szenen zeigt da zwei Frauen des Kakchiquel-Maya-Volks im Hochland von Guatemala, Mutter und Tochter, die eine quiekende Sau durch eine eindrucksvolle Vulkanlandschaft zerren und schließlich zu einem Eber in einen Holzverschlag sperren. "Sie tun es nicht", sagt die Tochter kurz darauf enttäuscht, worauf die Mutter zwei Flaschen Rum aus der Tasche zieht. Der wird den gierig trinkenden Schweinen eingeflößt, und danach entwickelt ihr Gegrunze im Off entschieden pornografische Frequenz.

In "Ixcanul/Vulkan" sind die Darsteller Angehörige des Volkes der Kakchiquel-Maya, die sich in großer Würde quasi selbst spielen.

(Foto: La Casa de Producción)

Diese kleine, mit Gelächter begrüßte Szene aus dem starken ersten Wettbewerbsfilm, den Guatemala überhaupt ins Berlinale-Rennen schickt, sagt im Grunde schon alles über die handfesten Notwendigkeiten von Sex, Fortpflanzung und Ehevermittlung, um die es dann gehen wird in diesem kleinen indigenen Volk von Kaffeepflückern. Denn auch die 17-jährige Maria, die Tochter der Familie - wie alle Darsteller hier eine Kakchiquel-Maya, die sich in großer Würde quasi selbst spielt -, wird kaum anders betrachtet als eine Sau, von der viele Ferkel erwartet werden.

Malicks Spätwerk - ein einziger Hilfeschrei

Sie rebelliert dagegen mit ihren eigenen Träumen, ihrer eigenen Bestimmtheit, ihrer eigenen Lust - aber in einer kleinen Gemeinschaft voller Abhängigkeiten und quasi-feudaler Verhältnisse setzt sie damit gleich die Existenz der ganzen Familie aufs Spiel. Das wird so zwingend erzählt, wie die prekärsten Verhältnisse nun einmal sind, im ewigen Kreislauf von Geburt und Tod, Saat und Ernte unter dem Vulkan, der dem Film seinen Titel gibt. Und es fühlt sich wirklich so an, als sei hier einmal kein Konzept von außen exekutiert worden, als seien die Maya hier selbst Erzähler ihres Volksglaubens, ihrer Traditionen, ihrer Geschichte.

Und so unbekannt und speziell diese Welt ist, so universal sind dann doch die Themen, mit denen besonders die Frauen zu kämpfen haben - und die sich dann über Zeit und Raum hinweg in Benoît Jacquots "Journal d'une femme de chambre / Tagebuch einer Kammerzofe" ebenso wiederfinden. Auch die Dienstverhältnisse um 1900, die Octave Mirbeau in seinem gleichnamigen Roman beschreibt, versehen den Körper einer mittellosen jungen Frau mit einem Tausch- und Moralwert, der Schwangerschaften zur Katastrophe erklärt und doch das ständige Angebot zu verschiedensten Formen der Prostitution enthält.

Léa Seydoux spielt die Hauptrolle in "Journal d'une femme de chambre/Tagebuch einer Kammerzofe".

(Foto: Carole Béthuel)

Die Kammerzofe Célestine, überzeugend gespielt von der bald allgegenwärtigen Léa Seydoux, die wegen aktueller Bondgirl-Verpflichtungen nicht nach Berlin kommen konnte, ist zwar auch Opfer der Verhältnisse, aber vor allem eine Studierende der Mechanismen von Machtausübung und Bigotterie, Sexualität und Wahrheit. Man ist ganz bei ihr, wenn sie den Ansatzpunkt sucht, ihre Ohnmacht in Macht zu verwandeln, unabhängig und frei zu werden, selbst um den Preis der Verbrechens - nur hätte man dafür wohl die weitschweifige Vorlage, die auch Meister wie Jean Renoir (in den Vierzigern, mit Paulette Goddard) und Luis Buñuel (in den Sechzigern, mit Jeanne Moreau) schon fasziniert hat, viel stärker fokussieren, sozusagen mit Gewalt in die Gegenwart holen müssen. Und diese Anstrengung unternimmt Benoît Jacquot dann doch nicht.

Kehrt man dann zu Terrence Malick zurück, hat sich auf der Leinwand nichts wirklich fortentwickelt: Wieder benetzt eine neue Frau ihre Zehen im Pool oder im Sand von Malibu, und wieder klagt Christian Bale, wie fremd er sich selbst noch immer ist. Das Auge ist nur vom Vorübergehen dieser Schönheit schon so müde geworden, dass es nichts mehr hält. Und irgendwann fängt man an, den Film wirklich sehr persönlich zu lesen: Dank seines amtlichen Status als Regiegott umschwärmen auch Malick selbst natürlich die Schönsten und Begehrtesten, siehe Bale, Blanchett, Pinto, Portman - und wie sein Held weiß er im Grunde nichts mit ihnen anzufangen.

Am Anfang der Filmtrilogie, die hier nun zu Ende geht, konnte man Malicks hemmungslosen Steadycam-Bilderrausch und seine dröhnenden Musikeinsätze - hier klingt mehrfach knallhart offensichtlich die Peer-Gynt-Suite an - noch als eine Art Verteidigung der Naivität lesen, eine Suche nach der verlorenen Unschuld des wunderschönen Kinobilds und einen Traum von der Rückkehr in eine vorzynische Visualität. Im Kontext dieser letzten, uferlosen Selbstbespiegelung aber drängt sich nun eine andere Deutung auf: Der Mann lebt in einer selbstgeschaffenen Hölle der Fühllosigkeit, aus der ihn selbst die Religion nicht mehr retten kann, und vielleicht ist sein ganzes Spätwerk ein einziger Hilfeschrei: Ich bin eine Legende - holt mich hier raus!

© SZ vom 09.02.2015
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